BZ-Interview mit Gerhard Nennemann

"Quasi mein Alleinstellungsmerkmal"

Karin Stöckl-Steinebrunner

Von Karin Stöckl-Steinebrunner

Fr, 10. August 2018 um 17:04 Uhr

St. Blasien

Der Domfestspielchor wird zusammen mit dem Orchester der Staatsphilharmonie Brest Carl Orffs "Carmina Burana" aufführen. Mit dabei in einer Doppelrolle: Gerhard Nennemann

ST. BLASIEN. Der Domfestspielchor wird am 17., 18. und 19. August unter der Leitung von Michael Neymeyer und zusammen mit dem 60-köpfigen Orchester der Staatsphilharmonie Brest Carl Orffs "Carmina Burana" unter freiem Himmel aufführen. Orffs Partitur sieht drei Solisten vor, eine Sopranistin, einen Tenor und einen Bariton. St. Blasien bietet die Besonderheit, dass Gerhard Nennemann gleich beide männlichen Solopartien singen wird. Mit ihm hat Karin Steinebrunner gesprochen.

BZ: Herr Nennemann, sie sind ein ausgebildeter Bariton und als solcher Mitglied der Zürcher Sing-Akademie. Wie kamen Sie dazu, in St. Blasien sowohl das Bariton- als auch das Tenorsolo zu singen?

Nennemann: Ich habe die "Carmina" schon mehrfach gesungen und dabei diese Doppelfunktion quasi zu meinem Alleinstellungsmerkmal gemacht. Das kam daher, dass ich oft, wenn ich mir das Werk irgendwo angehört habe, etwas unglücklich war über die Darstellung, weil ich sie meist zu sängerisch abgehoben fand, zu wenig nah am Geschehen. Die "Carmina" könnte man ja als szenische Kantate bezeichnen, wobei mitten in einer vom solistischen Bariton gesungenen Passage ein Tenor auftaucht, der die völlig absurde Aufgabe hat, einen gebratenen Schwan zu verkörpern, der gerade verspeist wird. Das gelingt viel besser, wenn eine Figur diesen gesamten Ablauf zu einer großen Szene formt.

BZ: Ist das denn nicht eine enorme Belastung für die Stimme, zumal die Tenorpartie ja auch ausgesprochen hoch liegt?

Nennemann: Einerseits liebe ich die Herausforderung, gerade die macht die Partie so spannend. Andererseits darf man nicht vergessen, dass Orff zu diesem Tenorsolo die Anweisungen "lamentoso" und "sempre ironico" hinzugesetzt hat. Die Begleitung durch das Fagott und leise gezupfte Streicher ist zudem einfach mitleiderregend. Wer daraus eine Tenorarie zu machen versucht, hat das Thema verfehlt. Die Situation ist ja ganz und gar absurd, dazu passt kein strahlender Heldentenor. Jede gut ausgebildete Männerstimme hat indes ja auch ein Falsett, und das ist für diesen Auftritt sehr gut geeignet.

BZ: Das klingt jetzt alles so, als sollte man sich den Auftritt auch ganz bildhaft vorstellen?

Nennemann: Sie müssen sich den Auftritt nicht nur bildhaft vorstellen, ich werde ihn tatsächlich auch szenisch gestalten. Sehen Sie, die "Carmina" hat ja betrachtende Teile – über Glück, Schicksal und das Leben an sich –, mittendrin wird es aber dann ganz konkret sinnlich, auch erotisch und streckenweise höchst ironisch. Dieser Spaß muss aus der Figur heraus deutlich werden, und was passt besser als Anschluss an einen gebratenen Schwan als ein betrunkener Abt.

Die ganze Solofolge ist in meinen Augen eine der dankbarsten Baritonpartien der Konzertliteratur, bei der der Stimme alles abverlangt wird, was sie zu bieten hat, ein ideales Spielfenster abseits der Noblesse des Konzertbereichs. Danach wird die Szenerie dann wieder ganz zärtlich und wahrhaftig, der Klamauk ist zu Ende.

BZ: Besteht nicht die Gefahr, dass diese szenische Interpretation Ihrer Partie einen Bruch verursacht, denn der Chor wird ja daran keinen Anteil haben?

Nennemann: Im Gegenteil habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Dirigenten oft sehr froh sind über die Energie, die aus dieser szenischen Umsetzung erwächst, auch wenn der Chor nicht in gleicher Weise agiert.

Ich vermittle Spaß, sinnliches Erleben, Identifikation. Der Chor wird davon angesteckt, mitgezogen, die Sängerinnen und Sänger denken nicht mehr mit Sorge an die hohen Töne und die schwierigen Rhythmen dieser durchaus nicht einfach zu bewältigenden Partitur, sondern sie wirken wie befreit, und das tut der Interpretation allemal gut.
Gerhard Nennemann

lebt in Weilheim. Er hat ein Studium der Schulmusikin Stuttgart und ein Gesangsaufbaustudium in Frankfurt absolviert und sich in vielfältiger Weise weitergebildet. Der freiberufliche Sänger war in der Spielzeit 2010/11 am Theater Basel engagiert und gab 2011 sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen. Er ist Gast am Zürcher Opernhaus und als freiberuflicher Sänger bei mehreren Rundfunkchören tätig.

Aufführungstermine: Freitag bis Sonntag, 17. bis 19. August (keine Ersatztermine). Beginn ist jeweils um 17 Uhr, Einlass ab 16.30 Uhr. Die Aufführung dauert circa 70 Minuten.

Kartenvorverkauf: Eintrittskarten (19 Euro, zuzüglich Vorverkaufsgebühr) gibt es im Internet unter bz-ticket.de, in den BZ-Geschäftsstellen (zum Beispiel Titisee-Neustadt und Bonndorf) oder beim BZ-Ticketservice unter Tel. 0761/4968888

Dossier: Alle Artikel zu den Domfestspielen (Freilichtspiel "Die Säulen der Hoffnung" und Chorprojekt "Carmina Burana")