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25. November 2015

"Quellende, schwellende Nacht sage, was ist erwacht?"

Im Rathausfoyer beleuchtet der Kunstverein Gundelfingen in einer literarischen Soiree das Motiv der Nacht.

  1. „Gedichte und Musik zum Abend und zur Nacht", vorgetragen im Rathausfoyer von Nik Schurmann, Ulrike Bach, Ronald Holzmann und Jan Ullmann (von links). Foto: Annette Preuss

GUNDELFINGEN. "Fördere zu Tage, was du im Dunkeln gesehen", so Caspar David Friedrich, der berühmteste Maler der Romantik. Das geheimnisvolle nächtliche Seelenleben, das bedrohen oder bergen, aufwühlen oder besänftigen kann, hat die Dichter seit Jahrhunderten beschäftigt. Und sie haben versucht, sich seiner gestaltend zu bemächtigen.

Unter dem Titel "Hellwache Nächte – Gedichte und Musik zum Abend und zur Nacht" lud der Kunstverein Gundelfingen zu einer Begegnung mit Gedichten, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Thema "Nacht" beschäftigen. Sinngebend vorgetragen wurden sie von Ulrike Bach, Ronald Holzmann und Nik Schurmann. Die musikalische Gestaltung am Flügel übernahm Jan Ullmann.

"Quellende, schwellende Nacht, sage, was ist da erwacht?" (Friedrich Hebbel). Die Soiree bot einen beeindruckenden Querschnitt durch die literarischen Epochen. Unter zahlreichen Themen und Motiven, die sich um die Nacht als Projektionsraum unerschöpflicher Fantasie ranken, kommen dem Mond ganz unterschiedliche Rollen zu: In "Mondnacht" (Eichendorff) leiht er sein Licht, um der Sehnsucht nach einem himmlischen Paradies Ausdruck zu geben. "Dicker roter Mond" (Paul Scheerbart) gilt als gedachter Sehnsuchtsort für "längere Seligkeiten" nach einem zu kurzen Erdenleben. "Das Mondschaf" (Christian Morgenstern), reines Fantasiegebilde, das, auf seine Schur wartend, sich als "des Weltalls dunkler Traum" empfindet und diesen Gedanken nicht überlebt. "Der Mond ist aufgegangen" (Matthias Claudius), "nur halb zu sehn" steht er für Vollkommenheit, die sich der menschlichen Erkenntnis entzieht.

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Joachim Ringelnatz stellt in unverkennbar salopper Weise die rhetorische Frage, was ein Suahelihaar nachts um drei am Kattegatt suche, wohingegen Friedrich Hölderlin in "Abendphantasie" eine Standortbestimmung versucht: "Wohin denn ich?" Die darauf folgende musikalische Improvisation gestaltet, der existentiellen Frage entsprechend, pointiert den menschlichen Herzschlag.

Nur aus Längen- und Kürzezeichen besteht "Fisches Nachtgesang" (Christian Morgenstern), ein wortwörtlich stummer Protest gegen Sprache und Konvention. Im Gegensatz dazu "Bitte" (Nikolaus Lenau): "Nimm mit deinem Zauberdunkel diese Welt von hinnen mir". Das begeisterte Publikum genoss die vielfältigen lyrischen Botschaften und begegnete dem Abend hellwach.

Autor: Annette Preuß