Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
13. Juli 2011
Quer durch die Stile
A-cappella-Nacht beim ZMF mit Maybebop und Swingle Singers.
Das große Zirkuszelt des Freiburger ZMF erhitzt sich schnell, als die großartigen Lokalmatadoren von Acoustic Instinct – unangekündigt – die A-capella-Nacht starten. Im perfekten Beat-Boxing rast das Duo durch die Musikstile, von Moderator Florian Städtler ermuntert, der am imaginären Radioknopf dreht. Erstmals also beim ZMF ein reines A-cappella-Konzert, das zur jährlichen Gewohnheit werden soll, zur Institution. Das Zelt als cappella, als Kirchenraum, wo einst die Sänger aufgestellt waren, um mehrstimmig ohne Instrumentalbegleitung zu singen, das funktioniert bestens.
Die beiden angekündigten Ensembles des Abends entsprachen sinnfällig dem Bestreben, unterschiedliche A-cappella-Gesangsstile und -konzepte vorzustellen. Während Maybebop mehr mitreißendes Entertainment präsentierte, frönten die Swingle Singers hoher Vokalkunst. Die vier Herren aus der norddeutschen Tiefebene hatten das Publikum im fast ausverkauften Zelt unvermittelt im Griff, während das Londoner Oktett nach ihnen erst einmal warm werden musste.
Gewiss ist vieles leichter, wenn das Repertoire fast ausschließlich aus eigenen deutschen Songs besteht, die die Widrigkeiten des Alltags ins Visier nehmen. Auch mit der Erwartungshaltung des Publikums gehen Maybebop locker um. Stichworte aus dem Publikum, die von Atomkraft über Glatze, Harndrang und Michael Jackson bis zum Schweiß reichen, werden geschickt in die Lieder integriert. Enttäuschend aber abschließend, wenn das Wortspiel des Bandnamens mit einem vermeintlich "waschechten Klassiker schlechthin", mit dem biederen Bi-Ba-Butzemann, besungen wird.
Werbung
Dass Bach, Beethoven und Tschaikowsky ebenfalls A-cappella gehen, demonstrierten anschließend die Swingle Singers. Seit einem knappen halben Jahrhundert trägt das Konzept des Oktetts, das in der Erstbesetzung mit Bach-Adaptionen begann, aber mit der heutigen Besetzung längst bei der Unterhaltungsmusik des 20. Jahrhunderts angekommen ist. "Snapshots" hieß das Programm, mit dem die vier Sängerinnen und vier Sänger einen Querschnitt durchs Swingle-Schaffen brachten.
Nach einem orchestralen, fast sakralen Anfang, der in krassem Kontrast stand zum unbekümmerten Schwung von Maybebop fassten die Swingers Tritt mit einem iberischen Wiegenlied und Chick Coreas "Spain", das zu einem rhythmischen Feuerwerk wurde. Zum swingenden Gestus, getragen fast, aber allseits seriös, gesellt sich allmählich die körperliche Pose, ohne plumpe Show zu werden. In wohl gestaltete Choreografien sind die Stücke von Astor Piazzolla, den Beatles oder Björk gebettet. Rasant gar gerät die Suite aus Bachs h-moll Messe, findig auch der Passus aus Beethovens 5. Sinfonie.
Die Swingle Singers bestechen nicht nur durch Perfektion und professionelle Performance, sondern vor allem durch ihr sympathisches, nie manieriert wirkendes Auftreten. Die Ansagen werden – vom Blatt – auch mal auf Deutsch gemacht.
Und dass die bestens bekannten Lieder in neuem Glanz erstrahlen, ist den stimmigen Arrangements zu verdanken. Sie sind teilweise noch von Gründervater Ward Swingle geschrieben und verlangen der Gruppe einiges ab. Für Späße bleibt aber trotzdem Platz, wenn Tobias Hug dem Publikum den Grund-Groove beibringt, assistiert von Bariton Kevin Fox. Das der alemannischen Sprache entlehnte "Dumm bisch" ist das rhythmische Motiv des Kirchzarteners, der seit neun Jahren Mitglied der Singers ist.
Autor: Reiner Kobe


