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22. Februar 2012

Quer durchs schlummernde Land

Benjamin Lebert legt mit "Im Winter dein Herz" seinen fünften Roman vor.

  1. Benjamin Lebert Foto: dpa

Poesie ist kein Kuchen. Die Zutaten menschenleere Winterlandschaft, verträumter Protagonist und bildliche Sprache machen noch keinen poetischen Roman, wie der Klappentext zu Benjamin Leberts "Im Winter dein Herz" verspricht. Als Lebert im zarten Alter von 17 Jahren mit "Crazy" 1999 einen internationalen Erfolg landete, wurde er als Jünglingswunder gehandelt. Sein fünfter Roman jedoch wirkt arg konstruiert und langatmig. Eine bemüht poetisierte Sprache hindert die Geschichte daran vorwärtszukommen.

Dabei ist die Grundidee durchaus reizvoll: Drei Monate im Jahr liegt ganz Deutschland im Winterschlaf. Das kollektive Ratzen ist energie- und rohstofffreundlich, die Umwelt kann sich von ihren Belastungen erholen – der Autor ist gebürtiger Freiburger, Ausrufezeichen. Den Winterschlaf in der Literatur hat Lebert jedoch nicht erfunden. Etwa in Angelika Meiers Wissenschaftsfarce "England" (2010) schlummern die Professoren der altehrwürdigen Universität Cambridge den Winter über durch. Und ihr Schnarchen ist mitreißender als die Gespräche von Leberts Winterschlaf-Schwänzern. In Dialogen, die bisweilen schultheaterreif scheinen ("Mach mal halblang", "Du selbst wolltest doch auf keinen Fall winterschlafen"), erfährt der Leser, was es mit der Truppe von Schlaf-Flüchtlingen auf sich hat: Ein Polizist, der sich später als doch keiner entpuppt, eine "freche Verkäuferin von der Tankstelle mit heißem türkischem Blut" und ein schüchterner junger Mann machen sich auf eine Reise quer durchs schlummernde Land. Kudowski, Annina und Robert.

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Die beiden Männer leben in einer psychiatrischen Klinik, sind beide latent in Annina verliebt. Robert, Protagonist und zeitweiliger Ich-Erzähler, kann nicht essen. Er muss sich mit Energy-Drinks und Cola am Leben halten. In München angekommen, kann er seinem todkranken Vater, einem Sportlehrer, endlich erzählen, dass er beim Fußballspielen in der Klinik das erste Mal in seinem Leben ein Tor geschossen hat. Geheilt wird der Hungerkünstler ausgerechnet durch einen Besuch in einer Kirche. Sie soll wohl für Gemeinschaft und Liebe stehen.

Liebe, davon ist oft die Rede, doch weiß der Roman das Gefühl nicht zu vermitteln. Lebert beschreibt und beschreibt, mit einem großen Hang zum Detail, doch können seine Bilder die Liebe nicht beleben. Sie bleibt ein Wort. Denn den Charakteren fehlt es an Konturen. Was möglicherweise postmodern anmuten soll, hat zum Ergebnis, dass der Leser auf gut 150 Seiten niemanden findet, mit dem er sich identifizieren kann oder den er nur begleiten möchte. Denn Leberts Figuren sind unterkomplex. Die Eindimensionalität des phlegmatischen Protagonisten führt dazu, dass man nicht mit ihm fühlt, sondern ihn als übermäßig empfindlich wahrnimmt. Robert steigt "die Stufen einer ins Dunkel führenden Wendeltreppe" in sich selbst hinab – und lässt den Leser verständnislos zurück.

Es wird viel sich an seine Kindheit erinnert, viel im Konjunktiv gedacht, vielen Gedankenspielen nachgehangen. Tage sind "dornenüberzogen", Erinnerungen schlagen ihre Augen auf, der Sommer schläft, Standuhren schlagen "wie ein Herz in einem toten Körper". Manche Bilder sind zwar schön. Aber belanglos. Sie treiben die Geschichte nicht voran, sondern helfen ihr, ziellos zu mäandern. Leberts Lust am Detail verliert sich allzu oft in ornamentalem Selbstzweck.

Auch der Trick, auf einer letzten halben Seite alles zuvor Geschehene infrage zu stellen (hat Robert nur geträumt?), kann den Roman nicht mehr retten. Seinen Leser hat er schon viel früher verloren.
– Benjamin Lebert: Im Winter dein Herz. Hoffmann und Campe. 157 Seiten, 18,99 Euro. Lesung: Am Mittwoch, 21. März, 20 Uhr, liest Lebert im Winterer-Foyer des Theaters Freiburg aus seinem Buch.

Autor: Charlotte Janz