"Ich will so wenig wie möglich auf Hilfe angewiesen sein"

dpa

Von dpa

Mo, 10. September 2018

Radsport

Nach ihrem Trainingsunfall spricht die frühere Bahnradfahrerin Kristina Vogel offen über ihr neues Leben im Rollstuhl.

BERLIN (dpa). Die Sportwelt bewundert den Durchhaltewillen der querschnittsgelähmten Kristina Vogel. DOSB-Präsident Alfons Hörmann sagte der verunglückten Bahnrad-Olympiasiegerin Unterstützung zu: "Sportdeutschland und wir alle stehen seit dem schweren Trainingssturz hinter Kristina und ihrer Familie." Keirin-Weltmeisterin Nicky Degrendele aus Belgien twitterte: "Verheerende Nachrichten, die mir Schüttelfrost machen. Ich bewundere dich, jetzt noch mehr als zuvor". Für Radprofi Marcel Kittel, der seine verkorkste Saison abbrach, ist Kristina Vogel "die größte Inspiration". Der fünfmalige Tour-Etappensieger des Vorjahres staunte: "Was für eine Powerfrau."

Auf Instagram schrieb Kristina Vogel am Samstag über ihre ersten öffentlichen Aussagen zu ihrer Verletzung im Spiegel: "Ich habe mir überlegt, wie ich mich äußere, wie es mich belasten kann und wie schützen. Aber auch wie ich euch am meisten zurückgeben kann – daher das Interview mit dem Spiegel. Ich musste so nur einer Journalistin mein Herz ausschütten und meine verletzbarste Seite zeigen." Am kommenden Mittwoch könnte sich die 27-Jährige im Unfall-Krankenhaus Berlin, in dem sie seit fast drei Monaten behandelt wird, an der Seite von Chefarzt Andreas Niedeggen auch zu ihren Zukunftsplänen äußern. "Je schneller ich die Situation akzeptiere, desto schneller kann es wieder bergauf gehen und ich mich auf Positives einlassen", sagte die erfolgreichste Bahnfahrerin in einem vom Spiegel veröffentlichten Video. Michael Hübner, ihr Teamchef beim Chemnitzer Erdgas-Team glaubt, dass sie auch im Rollstuhl sportliche Höchstleistungen vollbringen wird. "Sie wird zurückkommen – das Thema Paralympics ist noch nicht durch", sagt der siebenmalige Weltmeister. So weit wollte Vogel zehn Wochen nach ihrem Schicksalsschlag noch nicht blicken. "Ich weiß nicht, ob ich jemals wieder in den Leistungssport will und, wenn ja, in welche Disziplin", sagte Vogel.

Sie könne sich auch andere Dinge vorstellen, mithelfen, dass die Sicherheit im Bahnradsport erhöht wird: "Vielleicht ist das meine Aufgabe im Leben. Sicherzustellen, dass so etwas wie mir nie wieder passiert." Auch der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) will sie "uneingeschränkt und mit ganzer Kraft unterstützen", wie Verbandspräsident Rudolf Scharping sagte. Der BDR könnte in Zukunft auf ihr Know-How zurückgreifen.

Vogel ist seit langem bei der Bundespolizei tätig. "Streife laufen mit Waffe geht jetzt ja nicht mehr", sagte Vogel, die aber zumindest abgesichert ist: "Ich kann nur froh sein, dass ich auf Lebenszeit verbeamtet bin." Ihr ebenfalls dort angestellter Lebenspartner, der ehemalige deutsche Sprintmeister Michael Seidenbecher, wurde in die Nähe von Berlin abgeordnet, um täglich bei ihr sein zu können. Finanziell geholfen hat ihr Chemnitzer Erdgas-Team mit der Spendenaktion unter dem Motto #staystrongkristina, bei der bereits rund 120 000 Euro zusammengekommen sind. Vogel zeigte sich überwältigt von der Unterstützung. Das Geld könne sie gut gebrauchen, für ein Spezialauto etwa oder "einen geilen Rollstuhl mit Carbonfelgen", sagte sie. "Außerdem muss unser Haus in Erfurt noch umgebaut werden, die Badezimmer, die Küche, eine Lösung für die Treppe muss her. Ich will so wenig wie möglich auf Hilfe angewiesen sein."