Wenn der Adjutant ausreißt

Uwe Rogowski

Von Uwe Rogowski

Do, 17. Mai 2018

Radsport

Radprofi Nico Denz aus Albbruck sollte als Helfer für sein französisches Team beim Giro d’Italia genug eingespannt sein, attackiert inzwischen aber sogar die Siegfahrer.

RADSPORT. Auf dem Weg ins Hotel legte Nico Denz erst einmal die Beine hoch. Im bequemen Mannschaftsbus. Laptop auf die Beine und die eigene Homepage (http://www.nico-denz.de beliefert. Das hat inzwischen Tradition, nach jeder Etappe, auch nach Ruhetagen, gibt der Radprofi aus Albbruck einen Einblick in das Innenleben einer Grand Tour. Dopingkontrollen, Hotel-Essen, Trash-Talk im Fahrerfeld. Sollte es mit dem Radsport eines Tages nicht mehr klappen, könnte Denz es mit Schreiberei versuchen.

Darauf muss der Freund feiner Ironie und gepflegten Satzbaus allerdings noch etwas warten, denn Nico Denz macht gerade die bislang heißeste Phase seiner sportlichen Laufbahn durch. Könnte sein, dass das alles der Anfang für etwas Großes ist. Am Dienstag war es das schon, da hat Nico Denz die Szene bei seinem ersten Giro d’Italia mit einem zweiten Etappen-Platz verblüfft. Ein kolossaler Erfolg, einer für die Kategorie: "Erzähle ich mal meinen Enkeln." Ein angriffslustiger Fahrstil ist nichts Neues bei Nico Denz, bei der Polen-Rundfahrt hat er sich in der Hinsicht schon einmal einen Namen im Fahrerfeld gemacht. Dass er die Siegfahrer ins Visier nimmt, ist neu. "Was für ein Tag. An heute werde ich mich wohl noch lange zurückerinnern. Im Moment bin ich noch etwas verwirrt."

Mutter und Vater Denz fiebern am TV-Gerät mit

Das und vieles mehr schrieb Nico Denz am Dienstag herunter, kurz nachdem er 244 Kilometer abgespult hatte. Der 24-Jährige vom französischen Team Ag2r hatte im Sprint zweier Ausreißer und 6:04:52 Stunden zwischen Penne und Gualdo Tadino in Umbrien hauchdünn dem Bahrain-Merida-Profi Matej Mohoric den Sieg überlassen müssen. "So knapp am ganz großen Ding vorbei, aber wenn der Tank leer ist, dann ist der Tank leer", twitterte Denz. Das auch noch. Er hatte den Sprint angezogen, war einen Hauch am Slowenen vorbei, fuhr aber einen zu kräftigen Gang und verlor den Sprint. "Er hat gezeigt, dass er stärker ist als ich", sagte Denz, "er verdient den Sieg." Eine Zeit lang wechselten sie vorne, doch Mohoric habe das Gros der Führungsarbeit übernommen. Windschatten geben kommt gut an bei den Konkurrenten.

Mutter und Vater Denz saßen zuhause in Weilheim-Remetschwiel vor dem Fernsehgerät, früher, als auch Bruder Timo noch Rennen fuhr, waren sie oft mit dem Wohnmobil dabei, aber das war bei kleineren Rundfahrten in Frankreich oder der Schweiz. "Das ist jetzt schwieriger", sagt Karin Denz. Man kann sich das bildhaft vorstellen, wahrscheinlich sind sie aufgesprungen, haben Fäuste geballt, als der Sprössling am Dienstag rund 25 Kilometer vor dem Ziel am letzten Anstieg dem Feld davonfuhr und bei der Abfahrt zum Führungsduo mit Mohoric und dem Italiener Davide Villella (Astana) aufschloss. "Wir haben gezittert, es war so spannend", sagt Karin Denz, noch am Abend telefonierte sie mit Nico. "Er ruft eigentlich nach jeder Etappe an", berichtet sie, "Nico fühlt sich schon den ganzen Giro gut, er sagt, er hat gute Beine", doch auf Sieg fahren fällt nur peripher in sein Aufgabengebiet. "Er sagt nach Etappen öfter, dass mehr drin gewesen wäre, aber er darf nicht, er hat seinen Job als Helfer."

Am Dienstag, auf der zehnten und längsten von 21 Etappen, waren seine Dienste für die Gesamtwertungs-Fahrer von Ag2r irgendwann verzichtbar. "Die Geschwindigkeit war während der ersten 160 Kilometer echt extrem hoch und allen tat es weh", doch er fühlte sich gut, betonte Nico Denz. "Meine Beine drehten gut mit, und als mir meine Teamkollegen alle sagten, dass sie total breit sind, wusste ich, dass das mein Tag war."

Das Teilstück nach Gualdo Taldino hatte er sich zuvor bereits ausgeguckt, es war prädestiniert für ihn, am Morgen habe er sich "wirklich stark gefühlt", sagte er nach der Zielankunft. "Ich wusste beim Briefing, dass ich es versuchen kann. Die Etappe war sehr schnell, ich dachte: jetzt oder nie." Es war der richtige Plan, der ihm fast seinen ersten Profisieg bescherte. In der Sprintwertung ist er jetzt 29., die nächsten Tage geht es hoch hinauf, da wird Nico Denz vor allem eines: leiden. "Er ist kein Bergfloh", sagt Karin Denz.

Der Sohn ist im vergangenen Jahr in Spanien die Vuelta gefahren, auch die Tour de Suisse, nach drei Vertragsjahren ist er aber kein etablierter Profi, noch nicht. Da werden bei allen Äußerungen der Verantwortlichen die Lauscher aufgestellt. "Sicherlich bin ich etwas enttäuscht", sagte Denz, doch der verlorene Sprint gegen Mohoric, U-23-Weltmeister und 2017 Vuelta-Etappensieger, gab seinem großen Erfolg nicht den Hauch eines Kratzers. Denz’ Status in seinem französischen Team hat einen Schub bekommen. "Er hat seinen Wert für uns bewiesen", sagte Ag2r-Sportdirektor Stéphane Goubert, Denz habe "keinen Fehler gemacht", er habe "die 20-Sekunden-Lücke auf Mohoric schließen können, der einer der besten Abfahrer im Peloton ist. Das war eine große Leistung", sagte Goubert.

70. und drittbester Deutscher ist Nico Denz in der Gesamtwertung, 21 Plätze vor dem deutschen Topfahrer und Weltmeister Tony Martin (Katusha-Alpecin). Am Mittwoch, auf der Fahrt von Assisi nach Osimo wurde Denz 90. 156 Kilometer lang hat er vermutlich noch oft an den Dienstag denken müssen.