Der große Traum von Tokio

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Fr, 21. April 2017

Radsport

Paracyclistin Raphaela Eggert vom RSV Haltingen will den Weltmeistertitel und zu den                Paralympics / Zufälle und Rückschläge begleiten ihre Karriere.

RADSPORT. Die Paracyclistin Raphaela Eggert gehört zu den deutschen Medaillenhoffnungen für die Paralympics 2020 in Tokio. Am Wochenende findet für die Weiler Sportlerin des Jahres 2016 das erste Kräftemessen der Saison beim Europacup im italienischen Verolanuova statt. Über eine Kämpferin, die sich mit Rückschlägen auskennt.

Raphaela Eggert war keine fünf Jahre alt, als bei ihr ein Gehirntumor entdeckt wurde. Operation und Chemotherapie besiegten zwar den Krebs, die Folgen waren dennoch verheerend. "Vom Reden bis zum Laufen habe ich alles neu lernen müssen", erinnert sich die gebürtige Augsburgerin. Fast 20 Jahre ist das her. Eggert hat sich zurückgekämpft. Und wie: Ihre halbseitige Lähmung behindert sie nur noch selten: Die 24-Jährige kann nahezu uneingeschränkt leben, ist als technische Zeichnerin bei einem Weiler Unternehmen angestellt und gehört zu den Hoffnungsträgerinnen des deutschen Paracycling-Teams für die XVI. Paralympischen Sommerspiele in Tokio 2020. Seit dem vergangenen Jahr startet sie für die Nationalmannschaft, im März wurde sie von der Deutschen Sporthilfe als förderungswürdige Athletin eingestuft.

Zwei Phänomene haben Raphaela Eggerts Karriere durchgehend begleitet: Zufälle und Rückschläge. Durch Zufall kam sie zum Sport. "Ich habe lange nach einer Sportart für mich gesucht", erzählt sie in ihrem Wohnzimmer sitzend. Mittwochs hat sie früh Feierabend. Nur so kann sie ihre täglichen drei- bis vierstündigen Trainingseinheiten durchziehen, sie startet für den RSV Haltingen und den Behindertensportverein Lörrach und trainiert am Leistungsstützpunkt in Freiburg. Viel Zeit hat sie derzeit allerdings nicht. Packen für Verolanuova, Italien, steht auf dem Programm. An diesem Wochenende startet Eggert nämlich beim ersten Europacup der Saison. Ein bisschen Zeit für Erinnerungen hat sie trotzdem: "Ich habe damals als Rotkreuz-Sanitäter ein Rennen betreut und gemerkt: Das will ich auch machen." 2012 war das: Ein Rennradkauf und zahlreiche Kilometer später wurde sie – wieder so ein Zufall – bei den paralympischen Talenttagen in Buchholz bei Waldkirch vom Bundestrainer angesprochen. "Ich soll dranbleiben, hat er gesagt", erinnert sich Raphaela Eggert.
"Ein Totalschaden für Rad und Körper."
Raphaela Eggert
2014 war ihr Jahr. Im Zeitfahren wurde sie deutsche Vizemeisterin, sie gewann einen Europacup und holte ihre erste Top-Ten-Platzierung bei einem Weltcup – alles in der sogenannten C-4-Klasse. Eggert erklärt: "Es gibt die Klassen C1-C5. In der C-5-Stufe werden die Sportler eingeteilt, die kaum Einschränkungen haben." International fahren die C-5- und C-4-Klassen gemeinsam. "Das kann komisch sein, denn man weiß oft nicht, in welchen Einstufungen die Athleten vor einem fahren."

Erfolge machen mutig, auch Eggert. Plötzlich war 2014 Rio am Horizont zu erkennen. Die Qualifikation zu den Paralympics in Brasilien 2016 erschien realistisch. Der Rückschlag ließ nicht auf sich warten. Noch bevor die Saison 2015, in der eigentlich die Qualifikation geschafft werden sollte, richtig gestartet hatte, erlitt Eggert einen schweren Unfall. Bei einem Anstieg im Training raste ein herabkommender Fahrer mit über 60 Stundenkilometern in ihr Rad. "Ein Totalschaden für Rad und Körper", stöhnt Eggert. Der Traum von Rio: zerbrochen an einem Crash.

Eggert hat sich wieder zurückgekämpft. Auch ohne olympische Spiele war 2016 bis dato ihr erfolgreichstes Jahr: zwei Top-Fünf-Platzierungen im Weltcup, Gesamtsieg im Europacup und die Auszeichnung zur Weiler Sportlerin des Jahres. Es folgte die Wiederaufnahme in den Perspektivkader des Nationalteams. Und wieder: ein Rückschlag. "Diesen Winter hat mich beim Training ein Auto von der Seite voll umgefahren", berichtet die Radsportlerin. Ein Bänderriss, eine Knochenhautentzündung und eine Wirbelsäulenprellung waren die Folge. Auch nach dem erneuten Rückschlag ist sie aber zurückgekommen. "Ich bin mittlerweile wieder bei 100 Prozent", sagt Raphaela Eggert. Erst vor kurzem wurde sie wieder für die Nationalmannschaft nominiert.

"Sie kann eine hohe

Wattleistung über

einen konstanten

Zeitraum halten."
Nico Weibezahl, Trainer
Was aber zeichnet die 24-Jährige neben ihrem unbändigen Willen aus? Die Antwort hat ein Informatiker. Am frühen Mittwochnachmittag hat auch Frühaufsteher Nico Weibezahl bereits Feierabend.

Dadurch kann er bis zu viermal die Woche mit Eggert trainieren und ihr bei der Saisonplanung und Leistungsdiagnostik helfen. "Sie hat die Fähigkeit, eine hohe Wattleistung über einen konstanten Zeitraum zu halten", erläutert Weibezahl. Dadurch ist Eggert für das Einzelzeitfahren wie geschaffen. "Zusätzlich soll sie in der kommenden Saison auch bei den Bahnrad-Wettkämpfen starten", sagt Weibezahl.

Bei all dem Willen überrascht es kaum, wenn Eggert vollmundig verkündet, dass die Paralympischen Spiele in Tokio 2020 ihr großes Ziel sind. Davor aber hat sie nicht minder Großes vor. "Der Traum ist, dieses Jahr Weltmeister zu werden", verrät sie. Im ersten Jahr des neuen Olympiazyklus sind die Chancen dazu meist größer. Eggert möchte das nutzen. Und auch wenn das nicht klappt, kann man sich sicher sein, dass sie für die entscheidenden Qualifikationsrennen 2019 für Tokio zurückkommen wird. Dass sie sich zurückkämpfen kann, hat Raphaela Eggert oft genug bewiesen.