Wolfgang Wurz aus Offenburg

Vom Brünnele zur Riviera

Ute Winkler

Von Ute Winkler

Fr, 16. März 2012

Radsport

Menschen und Sport: Der begeisterte Radsportler Wolfgang Wurz aus Offenburg hat auf den schmalen Pneus viel erlebt.

RADSPORT. "Ich habe mein altes Rennrad noch", erzählt Wolfgang Wurz. Er schwärmt von dem auf seine Körpermaße abgestimmten Stahlrahmen. "Der Beste in den 70er Jahren", fügt er hinzu. Das Fahrrad wurde von der Firma Walther in Offenburg hergestellt. Wurz blieb während seiner aktiven Laufbahn der Firma treu, genau wie der italienischen Marke Campagnolo. Nicht nur das Rad erinnert an die alten Zeiten. Auf dem Küchentisch seiner Offenburger Wohnung liegen Ordner voller Zeitungsausschnitte, Fotos und Urkunden. Tagebücher erzählen von Wetter, Radtouren und Trainingsfortschritten und beeindruckenden Wettkampferfolgen des Wolfgang Wurz.

Der 68-Jährige hat sich dem Radsport seit seinem 17. Lebensjahr verschrieben. Bei den Radrennen "Rund ums Brünnele" in Offenburg schaute er zu, bis Radsportlegende Fritz Bayer ihn ermunterte, doch selbst aufs Fahrrad zu steigen. Auf Anhieb gewann er das Straßenrennen der A-Jugend. Fritz Bayer wurde nicht nur sein Trainer beim Langhurster Radsportverein, sondern auch sein Ziehvater und Weggefährte. Ihm habe er alles zu verdanken, erinnert er sich an seinen verstorbenen Freund. Gemeinsam siegten sie 1967 bei der Südbadischen Meisterschaft in Kollnau. "Ich bin ein guter Bergfahrer und habe manchen Sprinter am Berg stehen lassen", erzählt Wurz gut gelaunt. Während seiner Rennen für Eliteamateure und Profis habe er manchen damaligen Weltmeister und Olympiasieger schlagen können, zum Beispiel Hans Lutz, Olympiasieger von 1976 im Bahnvierer.

"Ich bin ein guter Bergfahrer und habe manchen Sprinter am Berg stehen lassen."

Nie vergessen wird er die Rennen in Italien. 1968 lud Bundestrainer Gustav Kilian ihn zum Trainingslager nach Pietra Ligure ein. Schnell entstand eine bis heute andauernde Freundschaft mit Silvano Ferrua, dem Sohn des Hotelbesitzers des Beau Rivage und heutigen Fremdenverkehrsbeauftragten von Pietra Ligure. Er begleitete Wurz bei verschiedenen Radrennen in Italien, zum Beispiel zum großen Frühjahrsklassiker Mailand – San Remo. Im Trainingslager war auch sein Trainingskollege aus Langhurst, Frieder Zint, dabei. Zint erzählt: "Wenn wir nach 200 Trainingskilometern nicht zu müde waren, spazierten wir am Strand. Oft haben wir mit Kollegen aus anderen Ländern gefachsimpelt." Seit 2007 sind Pietra Ligure und Offenburg Partnerstädte, doch die Wurzeln dieser Partnerschaft liegen in Langhurst. "Das milde, trockene Klima ist ideal", erklärt Wurz und fügt hinzu, dass noch viele Trainingslager in dem kleinen italienischen Städtchen stattfanden.

Auf der Offenburger Herbstmesse hilft er nicht nur bei Aufbau und Werbung, sondern ist auch Ansprechpartner beim Stand von Offenburgs Partnerstadt. Stolz erzählt seine Frau Christiane: "Mein Mann ist eine Berühmtheit in Pietra Ligure." Dabei kann er nur wenig italienisch.

Beim Frühjahrsklassiker Monte Carlo – Alassio 1970 habe auf dem Schlossplatz die Fürstin von Monaco das Rennen gestartet, schwärmt Wurz. "Und drei Jahre später erhielt ich das Angebot als Profi bei der Werksmannschaft von Fiat mitzufahren", erzählt er stolz, hält inne und fügt leiser hinzu, dass er sich nicht getraut und sich für eine Lehre als Kommunikationselektroniker bei Siemens entschieden habe. Der Firma blieb er treu, arbeitet heute noch stundenweise im Landgericht Offenburg, obwohl er im Rentenalter ist. "Er ist der Einzige, der sich damit noch auskennt", erklärt Reinhold Gmelin aus der Hochbauverwaltung des Landes Baden-Württemberg. Er schätzt die Arbeit von Wolfgang Wurz, wenn er auf sein Wissen bei den alten Telefonnetzen und Verteilern im Landgericht zurückgreifen kann.

"Ich habe mich oft gefragt, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich ja zur Profilaufbahn gesagt hätte, aber ich habe meine Entscheidung nie bereut", ergänzt Wurz nach einer Weile. Heute leitet er als Rennkommissar des Landesverbands Baden und beim Bund Deutscher Radfahrer Trainingseinheiten und Rennen, zum Beispiel die Mountainbike-Challenge in Offenburg oder die Profirennen um Rammersweier. Die Überwachung des Materialdepots während der Rennen gehört auch in seinen Aufgabenbereich. Rund um Offenburg organisiert Wurz Familien-Radtouren am Wochenende. Es sei ein leichtes Training mit Spaßfaktor, bei der die Gruppe die Landschaft kennenlernen und genießen kann.

"Lieber werde ich Zehnter

als Erster mit Substanzen,

die meinen Körper

kaputtmachen."

Seine Erfahrungen gibt Wurz an den Radsportnachwuchs weiter. Über dreißig Jahre war er im Langhurster Vorstand, Jahrzehnte Jugendtrainer. Inzwischen ist er Ehrenmitglied des Radsportvereins Langhurst. Heute betreut er ehrenamtlich das von der Stadt Offenburg und ihm gegründete Team Offenburg. Das Team aus Hobbyfahrern hat schon mehrfach vordere Plätze bei der Deutschlandtour belegt. "Ein Jahr hat uns der SWR begleitet", erzählt Wurz. Seit 2010 gehört das Team als Unterabteilung zum PSV Offenburg. Bei den Rennen des Teams Offenburg ist er als Betreuer dabei, kümmert sich um Unterkunft, Essen, wäscht und ölt die Rennräder.

Der hartnäckige und selbstlose Einsatz für seine Tätigkeiten zeigt sich nicht nur beim Radsport oder im Berufsleben, sondern auch bei seinen Hobbys. Seit 2004 baut er in den Wintermonaten die Titanic nach. "Über 10 000 Teile sind es und jetzt ist es fertig", erzählt er stolz.

Für seine ehrenamtlichen Tätigkeiten bekam er die goldene Nadel des badischen Radsportverbands und die silberne Nadel zusammen mit einer Ehrenurkunde des Präsidenten Rudolf Scharping vom Bund deutscher Radfahrer. Vor drei Jahren erhielt er für 30 Jahre Arbeit als Rennkommissar die Rennkommissarmedaille vom Bund deutscher Radfahrer.

Auch heute noch setzt sich Wurz für einen sauberen Sport ein. "Lieber werde ich Zehnter als Erster mit Substanzen, die meinen Körper kaputtmachen", erklärt er mit fester Stimme. Den Vorsatz hatte schon Fritz Bayer, fügt er hinzu. Seit zwei Jahren ist auch sein Sohn in seine Fußstapfen getreten und fährt seine ersten Rennen mit, erzählt Wurz voller Stolz. Er ist in Gedanken schon bei den Vorbereitungen zur Deutschlandtour.

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