Abschied vom Leder

Thomas Geiger

Von Thomas Geiger (dpa)

Sa, 05. August 2017

Auto & Mobilität

Autohersteller spüren einen Wertewandel und testen neue Materialien.

Die Kleidung aus fairem Handel, das Essen vegan und die Mobilität elektrisch – kritische Kunden entwickeln zunehmend ein neues Bewusstsein. Auch die Autodesigner krempeln so langsam das Interieur um. Vor allem Tierhäuten geht es dabei ans Leder.

Seit Jahrzehnten sitzen Autoinsassen auf Leder. "Denn schon seit den Zeiten des Kutschenbaus und seit mehr als 120 Jahren Automobilproduktion steht dieses Material für Luxus", sagt Audi-Designchef Marc Lichte. Je edler ein Auto sein möchte, desto mehr Leder wird verarbeitet. Bis ein Rolls-Royce Phantom komplett ausgeschlagen ist, braucht es die Haut von fast einem Dutzend Kühen.

Doch in einer Zeit, in der sich Wertvorstellungen ändern, die Kunden bewusster kaufen und sich Autohersteller ein neues Bild geben wollen, sind die Designer auf der Suche nach neuem Luxus. "Wir wollen neue Materialien vorantreiben", so Lichte. Beispiel ist die E-Tron-Studie, die einstimmt auf das erste reine Elektroauto von Audi und auf Leder komplett verzichtet: "Wir experimentieren hier mit einem sehr hochwertigen Material aus Bambusfasern, das gut zum ökologischen Anspruch eines E-Autos passt und gute Chancen auf eine Serienfertigung hat."

Auch Land-Rover-Designchef Gerry McGovern spricht gern vom Aufbruch in eine neue Zeit und unterstreicht dies beim neuen Range Rover Velar auch mit der Innenausstattung: "Eine Kollegin lebt vegan und hat uns für die Frage sensibilisiert, ob Leder immer noch die erste Wahl für ein Interieur ist." Zwar wagen die Briten noch keinen kompletten Verzicht. Doch gibt es nun erstmals einen Range Rover mit Stoffausstattung.

Dabei müssen Designer mit einer alten Werteordnung kämpfen, sagt Lichte: "Denn Leder steht seit je her für Luxus, und egal wie edel ein Stoff auch sein mag, kommt er den Kunden erst einmal billiger vor." Es dürfte schwer werden, dafür ähnlich hohe Aufpreise zu verlangen und dem Kunden damit ein ähnlich gutes Gefühl zu geben.

Während einige Hersteller die Kunden zum Umdenken bewegen wollen, war es ausgerechnet beim vermeintlichen Vordenker Tesla genau anders herum: Als Reaktion auf die Präsentation des Model X erhielt Firmenchef Elon Musk von der Tierschutzorganisation Peta eine Petition, die ein veganes Interieur anmahnte. Und weil die von Zigtausenden unterschrieben war, verbannte Musk zumindest aus einer Variante jegliches Leder. Die Sitze sind dort mit Stoff bezogen. Lenkrad oder Türtafeln schmücken sich nun mit Kunstleder.

Die Suche nach Alternativen für Leder sieht auch Designprofessor Lutz Fügener von der Hochschule für Gestaltung in Pforzheim. Aber der Begriff vom veganen Auto ist ihm zu weit hergeholt. "Wer ein veganes Auto anpreist, der will nur von einem Trend profitieren und macht sich dafür ein Modewort zunutze."