Neue logistische Aufgabe

Das Auto als Briefkasten

Stefan Weißenborn

Von Stefan Weißenborn (dpa)

Sa, 01. September 2018 um 15:28 Uhr

Auto & Mobilität

Das Auto als Briefkasten? Um diese Idee geht es bei neuen Dienstleistungen, die sich etwa "In-car Delivery" oder "Ready to drop" nennen. Eine neue Herausforderung auch für die Autohersteller.

Nicht mehr klingeln, nicht mehr warten, nicht mehr den Nachbarn mit den Paketen nerven, wenn keiner zu Hause ist: Schon aus Sicht des Zustellers hat es Vorteile, wenn er Päckchen und Pakete per App und digitalem Schüssel im Kofferraum des Autos der Empfänger ablegen kann. Als erste Autohersteller bieten bereits Volvo und Smart diese Dienstleistung ihren Kunden an, bei VW soll sie 2019 starten.

Doch vor allem der Kunde soll profitieren: Er muss nicht daheim sein, um Pakete zu empfangen. Das nervige Abholen bei der nächsten Poststelle entfällt. Und auch Retouren kann er je nach Anbieter aus dem eigenen Auto abholen lassen. Alles sehr praktisch, zumindest in der Theorie. Denn zum Beispiel große Pakete könnten etwa für den Autozwerg Smart mit seinem überschaubaren Stauraum schon zum Problem werden.

Fakt ist: Neue Lösungen sind gefragt. Weil der Internethandel boomt, werden immer mehr Pakete versandt. Laut dem Verband der Internetwirtschaft Eco steigt der E-Commerce-Umsatz seit Jahren.

Lösungen wie Smarts "Ready to drop" oder "We deliver" von VW sollen die Logistik auf den letzten Metern flexibler, aber auch einfacher machen. Grundsätzlich braucht es dazu neben einem entsprechend ausgerüsteten Auto eine Smartphone-App und einen digitalen Schlüssel, der nur einmal verwendet werden kann – nämlich dann, wenn der Paketbote das Auto per GPS ortet und den Kofferraum ebenfalls per mobilem Endgerät öffnet und wieder verschließt. Vorab muss der Auftraggeber ein Zeitfenster definieren, in dem er das Auto im Umkreis einer ebenfalls zu bestimmenden Lieferadresse parkt.

Vorreiter Volvo, der einen Pilotversuch in Südschweden bereits 2014 startete und sein "In-car Delivery" in Schweden und der Schweiz schon länger und seit Kurzem auch in den USA am Markt hat, zögert allerdings noch mit der Markteinführung in Deutschland.

So haben die deutschen den schwedischen Hersteller zumindest hierzulande überholt. In einem Pilotversuch in Berlin hat VW mit der Posttochter DHL kooperiert. 50 Kunden bekamen für vier Wochen einen vorgerüsteten VW Polo gestellt, den sie als Paketstation nutzten.

"Es ist geplant, den Service "We Deliver" ab 2019 in ausgewählten Serienmodellen anzubieten", sagt Roland Ottacher, der den Service bei VW verantwortet. Smart-Fahrer können den Dienst "Smart Ready to drop" in Stuttgart, Berlin, Köln und Bonn bereits nutzen.

Anreiz zum Falschparken?

Aber es gibt auch Probleme: Fährt der Kunde zur vereinbarten Zeit aus dem Umkreis der Lieferadresse heraus, kann ihn der Zusteller nicht mehr orten – das Paket landet zum Beispiel in der nächsten Postfiliale und muss dort wie eh und je abgeholt werden. Das Parken im Umkreis um die Lieferadresse kann sich innerhalb überfüllter Innenstädte als schwierig und so als Anreiz zum Falschparken erweisen. Eine weitere Herausforderung könnten die Kosten sein – in Zeiten, in denen oft schon der Versand kostenlos angeboten wird. So testet VW derzeit verschiedene Preismodelle. Bei Smart gibt es derzeit keine Pläne, Servicekosten zu erheben. Denn schon für die benötigte Hardware im Auto muss Aufgeld überwiesen werden – 199 bis 299 Euro je nach Ausstattungspaket des Smart-Neuwagens, Nachrüstlösungen sind nicht vorgesehen.

Dass der Paketbote zum Kleinkriminellen wird und die Gelegenheit ergreift, Dinge aus dem Kofferraum zu stehlen, diese Sorge ist aus Sicht von Smart und der DHL unbegründet. "Viele Kunden erlauben schon heute über einen sogenannten Ablagevertrag, Sendungen auf ihrer Terrasse oder in der Garage abzulegen", sagt Treffert.

"Kundenbefragungen haben ergeben, dass eine Mehrheit die Vorteile höher einschätzt als mögliche Risiken." Und bei der DHL heißt es: "In der Vergangenheit sind uns zudem keine Vorkommnisse bekannt, dass persönliche Gegenstände von Kunden entwendet worden wären. Hierbei haben sich unsere Zusteller als durchweg vertrauensvoll erwiesen."