Gegen Reichweitenangst

Geeignete Infrastruktur soll die E-Mobilität beflügeln

Thomas Geiger

Von Thomas Geiger (dpa)

Sa, 11. August 2018 um 12:00 Uhr

Auto & Mobilität

Die Elektromobilität nimmt Fahrt auf. Doch mit jedem neuen Modell und jeder weiteren Zulassung wird ein anderes Problem offensichtlicher – es mangelt noch immer an einer ausreichenden Ladeinfrastruktur.

Tesla mit seinem Modell 3, Audi mit dem E-tron, Jaguar mit dem I-Pace, Mercedes mit dem EQC und bald auch VW mit dem ersten ID-Derivat – die elektrische Mobilität nimmt an Fahrt auf. Die Akku-Autos könnten über kurz oder lang vom Nischenmodell zum Massenphänomen werden. Zwar dürften dabei die Preise sinken und die Akkukapazitäten immer alltagstauglichere Reichweiten ermöglichen, erwartet Hans-Georg Marmit von der Sachverständigen-Organisation KÜS. Doch ein Problem bleibt und wird sich mit der größeren Fahrzeugdichte sogar noch verschärfen.

"Ohne eine funktionierende Ladeinfrastruktur ist der Durchbruch nicht zu schaffen", sagt Marmit und macht eine ausreichende Anzahl von gut zugänglichen Ladesäulen mit großer Leistung zur Grundvoraussetzung für den nachhaltigen Erfolg der Elektroautos.

Was das bringt, kann man am Beispiel von Tesla sehen, sagt Ferdinand Dudenhöffer. Denn der Verdienst von Firmenchef Elon Musk sei nicht nur die Einführung der Elektroautos. Sondern ein Grund für seinen Erfolg sei ganz sicher auch das Netz der anfangs sogar kostenlosen Supercharger, mit dem er seinen Kunden die Angst vor Versorgungslücken genommen und so viele zum Umsteigen bewegt hat, so der Professor an der Universität Duisburg-Essen und Fachmann für die Automobilwirtschaft.

Das haben mittlerweile offenbar auch die neuen Protagonisten der elektrischen Revolution erkannt und in ganz Europa Initiativen zum Auf- und Ausbau der Netze gestartet. Die größte davon läuft unter dem Namen Ionity, für die sich BMW, Daimler, Ford sowie die Marken Audi und Porsche zusammengetan haben. Bis 2020 wollen sie rund 400 neue Schnellladestationen entlang der Hauptverkehrsachsen in Europa einrichten, sagt Pressesprecher Paul Entwistle und verweist auf Partnerschaften mit Unternehmen wie Shell oder OMV, die als Tankstellenbetreiber die passenden Standorte bereitstellen könnten. Dabei plant Ionity vor allem Hochleistungsladesäulen, wo entsprechend ausgerüstete E-Autos 80 Prozent ihrer Batteriekapazität im besten Fall in 15 Minuten aufladen können.

In ähnlichen Dimensionen denken die Partner Allego und Fortum, die bis 2025 das lückenlose Laden von E-Autos ermöglichen wollen: Unter dem Projektnamen Mega-E sollen 322 Standorte mit ultraschnellen Ladesäulen inklusive 39 E-Lade-Hubs in 20 Ländern entstehen. Gerade diese Ladeknoten machen für Fortum-Chef Rami Syväri den Charme des Netzes aus: "Diese E-Lade-Hubs kombinieren mehrere Ladelösungen, um unterschiedliche Anforderungen und Ladegeschwindigkeiten zu bedienen", sagt Syväri, und Allego-Chefin Anja van Niersen ergänzt: "Wir glauben an eine offene Infrastruktur. So wollen wir jeden E-Autofahrer und unterschiedlichste Automodelle an unseren Ladegeräten bedienen." Das könnte ein erfolgreicher Ansatz sein. Denn mit immer mehr Ladesäulen und immer größerem Kapazitäten alleine ist es nicht getan, mahnt Andreas Radics von der Strategieberatung Berylls in München. Sondern die Nutzung müsse vereinfacht werden. Das beginne bei der zentralen Lage und der Zugänglichkeit der Säulen etwa in den Innenstädten und ende bei den Bezahlsystemen, die noch nicht kompatibel genug seien und die Kunden in Insellösungen zwingen würden.

War die Infrastruktur bislang häufig von regionalen Versorgern mit sehr spezifischen Angeboten geprägt, sieht Radics durch Initiativen wie Ionity eine Konsolidierung und Professionalisierung des Geschäfts. Die mangelnde Kompatibilität der Abrechnungssysteme werde sich über kurz oder lang durch mobile Bezahldienste wie Apple oder Google Pay einstellen.

Bedarfsdeckung auf drei Stufen

"Größere Batteriekapazitäten, höhere Ladegeschwindigkeiten und diverse Infrastrukturinitiativen wie Ionity, Mega-E, Ultra-E oder Fast-E werden die Reichweitenangst schmelzen lassen", sagt Radics und rechnet mit einem Drei-Stufen-Modell: "Wir erwarten High-Power-Charging-Stationen im Stil von Tankstellen, dazu ein engmaschigeres Netz von Lademöglichkeiten mit bis zu 50 kW beim Handel und im öffentlichen Raum sowie Wallboxen mit bis zu 22 kW daheim oder am Arbeitsplatz."

Die übliche Henne-Ei-Diskussion über Fahrzeugverfügbarkeit und Infrastrukturdichte sollte sich dann erledigt haben, ist Radics überzeugt. Nicht umsonst habe das Verkehrsministerium im vergangenen Jahr ein 300 Millionen Euro schweres Förderprogramm für den Ausbau der Ladeinfrastruktur genehmigt, mit dem 15 000 Ladesäulen geschaffen werden sollen. "Wenn das umgesetzt ist, haben wir in Deutschland zum ersten Mal mehr Ladesäulen als konventionelle Tankstellen."