Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Juni 2012

Vom Kollegen zum Chef

Aufstieg in der eigenen Abteilung vorsichtig angehen.

  1. Gerade zum Chef aufgestiegene Mitarbeiter sind oft unsicher, was den Umgang mit den alten Kollegen betrifft. Foto: Die agentur

Lange Zeit hat man mit den Kollegen gut zusammengearbeitet, in der Kaffeeküche geplaudert und abends ein Feierabendbier getrunken. Und dann kommt das Angebot: eine Beförderung im eigenen Team. Für viele klingt es verlockend, Karriere zu machen, ohne sich an ein ganz neues Umfeld gewöhnen zu müssen. Doch die Probleme kommen oft schneller als gedacht. Wer seinen Kollegen plötzlich als Chef gegenübersitzt, steht vor unerwarteten Herausforderungen. Denn Aufsteiger im eigenen Team müssen sich erstmal von ihrem alten Image lösen – aber bloß nicht zu weit.

Es ist eine seltsame Situation. "Da ist über Jahre hinweg eine Beziehung zu den Kollegen gewachsen, vielleicht ist man mit einigen eng befreundet und hat sich manchmal das Herz ausgeschüttet. Und plötzlich steht man da als ihr Vorgesetzter", sagt Angelika Plett, Beraterin unter anderem bei der Haufe-Akademie in Freiburg. Viele neigten dazu, sich an die alten Strukturen zu klammern. Das Ergebnis sei dann schnell ein kumpelhafter Chef, dem es an Kraft und Mut fehle, um sein Team wirklich zu führen. "Wer für den Aufstieg auf der Karriereleiter in ein anderes Unternehmen wechselt, tut sich da oft leichter, weil er ganz unbefangen an den neuen Job rangehen kann", sagt Plett.

Werbung


"So schwer es ist, aber man muss sich ein Stück weit von den bisherigen Kollegen abgrenzen", sagt auch Beraterin Dagmar Kohlmann-Scheerer. Denn wer seine Aufgaben als Führungskraft ernst nimmt, könne sich nicht immer beliebt machen. Auch unangenehme Aufgaben müssten schließlich an einen der Kollegen delegiert werden, manchmal müsse man vielleicht den Urlaubsantrag für einen Brückentag ablehnen oder auch einen früheren Kollegen wegen schlechter Leistungen ansprechen. "Man muss das dem Hirn klarmachen: Ich gehöre jetzt nicht mehr so dazu wie früher, ich muss jetzt neue Verbündete auf meiner Ebene suchen", sagt sie. Zu weit abgrenzen von den alten Kollegen sollte man sich allerdings auch nicht. Das werde dann schnell als Hochnäsigkeit verstanden.

Hilfreich sei es, wenn am ersten Arbeitstag in der neuen Position der nächsthöhere Vorgesetzte dabei sei, um den neuen Teamleiter vorzustellen, sagt Kohlmann-Scheerer. "Wenn man sich selbst vor seine Kollegen stellt und sagt: ’Ich bin ab heute der Chef!’ - dann wird man häufig nicht ernst genommen."

Andererseits müsse man alten Weggefährten auch nicht von heute auf morgen die Freundschaft aufkündigen, betont Personalberater Christian Stöwe. Und wenn man bisher mit den Kollegen regelmäßig etwas unternommen habe, könne man auch weiterhin mitgehen. "Aber stellen Sie sich darauf ein, dass Sie vielleicht irgendwann nicht mehr gefragt werden. Und nehmen Sie das nicht persönlich", rät Stöwe. "Das ist der Preis der Verantwortung."

Am Anfang wird jede Aktion zur Geste

Einige große Vorteile jedenfalls hat es, im eigenen Team Karriere zu machen. "Man kennt die Unternehmenskultur, die Produkte, die Prozesse, die Kunden", sagt Stöwe. Und auch in der Mitarbeiterführung habe es Vorteile, selbst vorher einige Jahre lang im Team mitgearbeitet zu haben. "Man kennt seine Pappenheimer – im positiven wie im negativen Sinne", sagt Plett. Man weiß, wer mit welcher Aufgabe gut zurechtkommt, wer gerne Verantwortung übernimmt, und wen man manchmal etwas zu effektiver Arbeit drängen muss.

Für die ersten Tage als Chef raten die Experten, besonders feinfühlig für Stimmungen im Team zu sein. "Am Anfang ist alles, was man macht, symbolisch. Ob die Bürotür offensteht oder nicht, ob man beim ersten Meeting dabei ist oder verhindert ist, ob man den neuen Dienstwagen gleich am ersten Tag bestellt – sowas wird am Anfang häufig überinterpretiert", sagt Stöwe.

Autor: tmn