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17. Dezember 2011

Die Welt-Fütter-Formel

Die Forschung glaubt sich gut gerüstet im Kampf gegen den Hunger. Nun muss noch die Politik mitspielen.

  1. Statt teuren Dünger auf übersättigte Hochertragsflächen zu kippen, urteilen Wissenschaftler, wäre es viel ertragreicher, ihn in der Dritten Welt einzusetzen, beispielsweise auf diesem Feld in Mali. Foto: epd

Die frohe Botschaft gleich vorneweg: Das Hungerproblem dieser Welt wird zwar nicht an deutschen Küchentischen oder vor den Kühlschränken in Freiburg, Lörrach oder Häusern entschieden; doch jeder kann durch sein Verhalten, durch seine Kauf- und Konsumentscheidungen dazu beitragen, dass es den Armen und Hungernden dieser Welt ein kleines bisschen besser geht.

Das greift bei fair gehandelten Lebensmitteln. Die kosten in der Regel zwar etwas mehr, dafür erhält der Erzeuger in der dritten Welt einen größeren Umsatzanteil. Doch es geht auch kostenlos, wenn wir umsichtiger einkaufen und dann auch weniger wegwerfen – weil der Joghurt abgelaufen ist, der Salat welk, oder die Tomate schimmlig.

Keiner bringt das so überzeugend auf den Punkt wie Joachim von Braun, der Chef des Bonner Zentrums für Entwicklungsforschung. Im Film "Taste the Waste" erklärt er, wie das maßlose Wegwerfen von Nahrungsmitteln deren Verfügbarkeit verknappt und die Preise steigen lässt. Und steigende Nahrungsmittelpreise spüren auch die armen Menschen in Afrika oder Südasien.

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Mit diesem Statement rührt "Taste the Waste" an einem neuralgischen Punkt: Das Mittel zum Leben, kurz: Lebensmittel, wird in riesigen Mengen vernichtet. "Allein mit den in Europa und Nordamerika weggeworfenen Nahrungsmitteln könnte man alle Hungernden dieser Erde dreimal mit Essen versorgen", heißt es provokant.

Sieben Milliarden leben auf der Erde – eine Milliarde hungert.

In einer Welt des Überflusses liegt das Stillen des Hungers in unseren Händen. "Dieses Ziel nicht erreicht zu haben, sollte uns alle beschämen", sagte Kofi Annan als Generalsekretär der Vereinten Nationen auf dem Welternährungsgipfel 2002 in Rom. Er mahnte, das Wissen endlich umzusetzen, den Hunger aus der Welt zu drängen. Dazu eine kleine Bestandsaufnahme. Zunächst das Erschütternde: Bei sieben Milliarden Menschen auf dem Planeten hungert immer noch eine Milliarde. Die Menschheit wird demnach das Millenniumsziel der Vereinten Nationen verfehlen, bis zum Jahr 2015 die Zahl der Hungernden zu halbieren. Alle vier Sekunden stirbt ein Mensch den Hungertod.

Im starken Kontrast dazu das Hoffnungsvolle: In den Jahren 1965 bis 1985 konnten die Nahrungsmittelerträge in der Landwirtschaft um 56 Prozent gesteigert werden. Forschung und Agrartechnik haben also Schlimmeres verhindert. Bis 2005 haben sich die Ertragszuwächse zwar halbiert, dennoch wird die Produktion mit der steigenden Weltbevölkerung Schritt halten. Auch die absehbaren neun Milliarden Menschen im Jahr 2050 ließen sich ernähren, ist sich der Agrarökonom Detlef Virchow vom Food Security Center der Universität Hohenheim sicher. Im Prinzip könnte also heute und auch morgen jeder auf diesem Planeten satt werden.

Vergangenen Oktober hat ein internationales Forscherteam in der Fachzeitschrift Nature nochmal nachgerechnet und zusammengetragen, wie die von Kofi Annan angemahnte Bekämpfung des Hungers ausschauen könnte. Der Masterplan der Wissenschaftler, dessen einzelne Punkte nicht immer neu sind, zielt auf eine nachhaltige, ressourcenschonende Landwirtschaft für die Ernährungssicherheit der kommenden Jahrzehnte. "Es geht nicht darum, die Produktion mit allen Mitteln zu steigern", erklärt der Bonner Pflanzenzüchter und Mitautor der Studie, Stefan Siebert. Der Untersuchung zufolge ist es möglich, die Erträge zu steigern und dabei Umwelt und Klima sogar weniger zu belasten.

Der Vier-Punkte-Plan spricht sich erstens gegen eine weitere Ausdehnung von landwirtschaftlich genutzten Flächen aus. Der meist geopferte Wald muss mit seinen ökologischen Funktionen erhalten bleiben. Der Brandrodung von Regenwald folgt ohnehin kaum eine langfristige und nachhaltige Landbewirtschaftung, dazu sind die Böden zu schlecht.

Zweitens verweisen die Forscher auf extreme Unterschiede in Ernteerträgen. Asiatische und afrikanische Bauern arbeiten mitunter auf ähnlichen Böden, doch die Ernteerträge in Asien liegen um den Faktor 10 bis 15 höher. "Die fahren drei Ernten im Jahr ein", sagt Siebert. Diese Lücke gelte es zu schließen.

Ein Hebel dafür wäre – Punkt drei – ein besserer Einsatz der Ressourcen, etwa des Wassers für die Bewässerung der Pflanzen und des Düngers. Es bringe nichts, auf die Hochertragsflächen in den entwickelten Ländern noch mehr Dünger zu kippen. In den Entwicklungsländern hingegen brächte das Düngen viel größere Ertragssteigerungen, erklärt der Bonner Pflanzenzüchter. Auch sollten die besten Agrarflächen der Nahrung vorbehalten bleiben. Energiepflanzen kämen dann nur noch auf die B-Lagen.

Punkt vier nimmt die Ernährungs- und Konsumgewohnheiten generell ins Visier. Eine schwedische Studie von Anfang 2011 fand heraus, dass von allen erzeugten Nahrungsmitteln rund ein Drittel nie beim Verbraucher ankommt: Sie werden schon auf dem Acker aussortiert, verderben auf dem Weg oder landen schlicht in der Tonne.

In den Entwicklungsländern mangelt es an Infrastruktur, also etwa an verlässlichen Transporten, Lagerhallen oder Kühlmöglichkeiten. In der Überflussgesellschaft des Westens mangelt es indes an Bewusstsein für das Lebensmittel. Mit kreischenden Klängen untermalt daher der Film "Taste the Waste" die Lastwagenfahrt durch eine österreichische Großstadt, die das unverkaufte Brot vom Vortag Richtung Verbrennungsanlage bringt. Nahrung hat nur noch einen Heizwert.

Deutsche Haushalte geben vielleicht zehn Prozent des Einkommens für Nahrungsmittel aus. In Entwicklungsländern liegt diese Quote bei 40 Prozent, im Extremfall bei bis zu 80 Prozent, schätzt Rafaël Schneider von der Welthungerhilfe in Bonn. "Steigen die Preise, wird es für diese Menschen eng. Gespart wird dann an der Gesundheit, bei der Ausbildung und bei der Kleidung."

Bei allem Know-how der Naturwissenschaften und der Agrarforschung – entscheidend sind die politischen Rahmenbedingungen in den Entwicklungsländern. Kriege gefährden Entwicklungsfortschritte ebenso wie Korruption und Misswirtschaft, sagt Welthungerhilfe-Mann Schneider. Somalia hat es in diesen Monaten besonders hart getroffen. Dürre und Konflikte treiben die Menschen aus dem Land. Notprogramme der Staaten und Hilfsorganisationen springen rettend ein.

Stabile Demokratien und Länder wie Brasilien, Costa Rica und Thailand geben ein Beispiel und weisen einen Weg aus der Krise. Der große politische Rahmen ist genauso wichtig wie die Erkenntnisse der Forschung und das eigene Verhalten.

DAS KANN JEDER TUN

» "Bevor ich einkaufen gehe, schau ich in den Kühlschrank, was ich wirklich brauche." Stefan Siebert, Pflanzenzüchter, Universität Bonn.

»"Wegwerfen macht Nahrungsmittel knapp." Joachim von Braun, Agrarökonom, Zentrum für Entwicklungsforschung, Bonn.
»"Produkte aus fairem Handel kaufen; in örtlichen Initiativen engagieren." Rafaël Schneider, Welthungerhilfe.

»"Spenden." Detlef Virchow, langjähriger Entwicklungshelfer.

»"Geiz ist geil - schadet der Umwelt, den Tieren, den Menschen." nochmal Detlef Virchow, Agrarökonom.  

Autor: masc

Autor: Martin Schäfer