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17. Januar 2012 20:12 Uhr

Baustelle Bildung

Gemeinschaftsschule: Gut vorbereitet für den Neustart

Zu den ersten 34 Gemeinschaftsschulen im Land wird auch die Friedrich-Ebert-Schule in Schopfheim gehören. Dort praktizieren Lehrer längst vieles von dem, was die Gemeinschaftsschule von Herbst an prägen soll.

  1. Bisher eine Haupt- und Werkrealschule: die Friedrich-Eber-Schule in Schopfheim. Foto: Marlies Jung-Knoblich

SCHOPFHEIM. Zu den ersten 34 Gemeinschaftsschulen im Land wird auch die Friedrich-Ebert-Schule in Schopfheim gehören, bisher eine Haupt- und Werkrealschule. Wie an den anderen Schulen, die sich um den neuen Schultyp beworben haben, praktizieren hier die Lehrer längst vieles von dem im täglichen Unterricht, was die Gemeinschaftsschule von Herbst an prägen soll.

Von außen wirkt die Friedrich-Ebert-Schule eher altbacken. Das hoch aufragende Hauptgebäude stammt aus der Kaiserzeit, an das die Betonmoderne etwas lieblos eine flachgedeckte Sporthalle mit Nebenräumen angedockt hat. Doch was sagt schon das Äußere? Drinnen bemüht sich die Lehrerschaft um zeitgemäße Pädagogik, indem sie auf individuelle wie kooperative Lernformen setzt, auf die Entwicklung von sozialen Kompetenzen ihrer Schüler in jahrgangsübergreifenden Arbeitsgruppen, auf selbstorganisiertes Lernen und musisch-kreative Projekte. Ein pädagogisches Konzept, wie es auch an vielen anderen Haupt- und Werkrealschulen gepflegt wird, die die Kinder und Jugendlichen für Bildung und Lernen begeistern wollen. Kein Wunder deshalb, dass diese Schulart im Wettlauf zur Gemeinschaftsschule klar dominiert hat.

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Auf 40 Seiten hatten die Rektorin Claudia Brenzinger und ihren Kollegen für die Begutachtung im Kultusministerium ausgebreitet, was sie für eine Gemeinschaftsschule schon heute bieten können. Von diesem neuen Schultyp verspricht sich das Rektorat, aber auch die Kommune als Schulträger neue Impulse – und eine neue Attraktivität für die Friedrich-Ebert-Schule. Denn sie leidet bisher unter Auszehrung: Statt wie einstmals 450 Schüler zählt sie heute nur noch 300. Das hat mit dem allgemeinen Schwund in den Hauptschulen zu tun, dazu mit dem demographischen Wandel, der die ländlichen Regionen stärker trifft als die Städte.

Schule als Lebens- und Lernraum

Die geschrumpfte Schülerzahl hat allerdings auch einige Vorteile mit sich gebracht. So wurden Räume frei für neue Lernmethoden, für einen Ganztagesbetrieb, an den nach Entscheidung ihrer Eltern drei Viertel aller Schüler gebunden sind. Damit sind gute Voraussetzungen geschaffen, um die Schule zum Lebens- und Lernraum für die Schüler zu machen, wie es Claudia Brenzinger, der Konrektor Elo Umlauf und das Kollegium sich vorgenommen haben. Ein Ziel, das sie schon verfolgten, als die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg noch nicht auf der politischen Tagesordnung stand. Dieses Konzept passt auf den neuen Schultyp, der mit den neuen fünften Klassen im Herbst starten wird. "Wir müssen dafür nicht unsere Schule neu erfinden", sagt Claudia Brenzinger deshalb selbstbewusst.

Freilich muss noch einiges hinzukommen, das weiß auch die Rektorin. Es bedarf etwa einer Fortbildung der Lehrer, um sie auf den dann hinzukommenden Unterricht nach gymnasialen Standards vorzubereiten. In den Klassen droht dann eine große Spanne an Begabungen und Leistungspotenzialen, weil dann Schüler mit Hauptschulempfehlung neben Schülern sitzen, die ebenso gut aufs klassische Gymnasium gehen könnten.

Doch mit solchen Unterschieden könnten ihre Lehrer umgehen, sagt Claudia Brenzinger: "Wir wurden für die Binnendifferenzierung ja ausgebildet." Und die künftige Spannweite gebe es schon jetzt im Unterrichtsalltag: Manche Eltern bevorzugten die Friedrich-Ebert-Schule, obwohl ihr Kind am Ende der Grundschule fürs Gymnasium empfohlen wurde – des guten Rufes wegen.

In den nächsten Wochen geht es darum, sich in die neuen Bildungspläne einzuarbeiten und spezielle Formen des individuellen Lernens zu entwickeln. Dabei wird, so hofft Claudia Brenzinger, auch der Austausch mit anderen Starterschulen helfen, denn diese Schulen sind bisher zumeist ganz eigenständige Wege zu einer neuen Lernkultur gegangen."Leistungsbereitschaft fördern und fordern": Das ist oberstes Ziel, wie es in den "pädagogischen Leitgedanken" der Friedrich-Ebert-Schule formuliert ist. Dabei hilft ihr eine gute Ausstattung mit Lehrerstellen, außerdem gibt es einen Schulassistenten und einen von der Stadt bezahlten Schulsozialarbeiter. Dabei helfen aber vor allem die Schüler sich gegenseitig, wie Brenzinger berichtet. Im Rahmen des Ganztagsbetriebs begleiten ältere Schüler Jüngere bei den Hausaufgaben.

Unterricht bei offener Tür

Aber all das, sagt Claudia Brenzinger, wäre ohne ein engagiertes Lehrerkollegium nicht machbar. Dessen pädagogischer Elan soll in der künftigen, dreizügig angelegten Gemeinschaftsschule von der fünften bis zur zehnten Klasse ein noch breiteres Arbeitsfeld erhalten. Das bedeutet für die Lehrer auch ein anderes Arbeiten, als bisher an vielen Schulen üblich war: Der Unterricht erfolgt bei offener Tür und kollegialer Beratung, gegenseitiger Austausch von Lehrmaterial ist Tagesgeschäft, vieles erarbeiten sich die Schüler selbst in Gruppen oder auf eigene Faust – mit dem Lehrer als "Lernbegleiter". Für solch selbstständiges Arbeiten gibt es Arbeitsecken und -inseln im Schulgebäude, dazu mehr als 100 Computer.

Die Lehrer engagieren sich auch über den Kernunterricht hinaus in Arbeitsgemeinschaften, in denen Wissensvermittlung, Kreativität und Interessen der Schüler zusammengehen mit sozialem Lernen in jahrgangsübergreifenden Gruppen. Die "Minifossis", die Arbeitsgemeinschaft Mineralien, Fossilien, Gold, Glas & Fortifikation, hat dabei schon regionalen Ruhm errungen, etwa durch ihr Engagement für die Gersbacher Sternschanze, eine Befestigung aus der Barockzeit.

Überall Freude und Zustimmung?

Die Stadt Schopfheim trägt das Konzept der Gemeinschaftsschule mit, nicht zuletzt um den Schulstandort mit einem umfassenden Bildungsangebot zu stärken. Also überall Freude und Zustimmung? Nicht ganz: Im benachbarten Zell im Wiesental steht die Realschule, deren Schüler zu einem Drittel aus Schopfheim stammen (während die Zeller Gymnasiasten nach Schopfheim fahren). Dort fühlt man sich von der Friedrich-Ebert-Schule, die ja als Gemeinschaftsschule auch um potenzielle Realschüler werben würde, überfahren, wie der stellvertretende Schulleiter Hermann Lederer sagt. Eine Absprache, wie sie in einer solchen Bildungsregion zu erwarten wäre, habe nicht stattgefunden.

Nun denkt man auch in Zell darüber nach, ob man nicht ebenfalls den Schritt zur Gemeinschaftsschule machen sollte. Aktuell werden dazu die Eltern befragt. Aber in beiden Städten ist man sich im Klaren: Mit der Gemeinschaftsschule wird die Konkurrenz um Schüler in aller Schärfe einsetzen – schon um den jeweils eigenen Standort zu halten.

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Autor: Wulf Rüskamp