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24. Dezember 2011

Geld macht geizig

Wissenschaftler warnen Wohlstandsbürger: Steigt die gesellschaftliche Stellung, leidet das Sozialverhalten.

  1. Mehr als ein Vorurteil: Spendenfreudigkeit ist auch eine Frage des sozialen Status. Foto: dpa (3)/ Yann Poirier (Fotolia.com)

  2. Wühlen manchmal in Mülltonnen und sind trotzdem die großzügigeren Leute: Arme Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  3. Schöpfen aus dem Vollen, aber ungern für andere: Reiche Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  4. Foto: Yann Poirier - Fotolia

Die Klassengesellschaft im Film "Titanic" scheint arg romantisiert: Oben auf dem teuren Erste-Klasse-Deck versuchen sich die Spitzen der Gesellschaft bei steifen Festen gegenseitig zu beeindrucken und die Töchter reich zu verheiraten. Unten in der dritten Klasse dagegen geht es rauer, aber herzlicher zu. Und natürlich wächst nur hier die wahre Liebe. Bloß ein Hollywood-Klischee? Nicht ganz. Diesen Schluss legen jedenfalls neue Forschungsergebnisse nahe, die der Psychologieprofessor Dacher Keltner von der University of California in Berkeley jetzt zusammengefasst hat: Menschen aus den unteren Schichten sind großzügiger und sensibler dafür, wie es anderen geht, lautet das Fazit seiner Forschung.

Dabei hätten die unteren Zehntausend eine Menge Gründe, vom Schicksal der anderen unberührt zu bleiben, argumentiert Keltner. Sie haben nicht nur weniger abzugeben als Bessergestellte, sie leben auch noch oft in anstrengenderen Verhältnissen – ihre persönlichen Beziehungen gelten als überdurchschnittlich stressig.

Trotzdem spenden Arme laut eigener Aussage einen höheren Anteil ihres Einkommens als Reiche. Anhand von Zahlen einer US-weiten Umfrage rechnete die Dachorganisation der amerikanischen Wohltätigkeitsverbände vor: Haushalte mit einem Jahreseinkommen von weniger als 25 000 Dollar spenden 4,2 Prozent ihres kümmerlichen Budgets, Reiche ab 100 000 Dollar aufwärts geben dagegen selbst an, nur 2,7 Prozent abzutreten.

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Ein ähnliches Bild ergab sich, als Wohltätigkeitsforscher der in San Francisco ansässigen NewTithing Group Steuererklärungen von Unter-35-Jährigen auswerteten. US-Staatsbürger mit einem Jahreseinkommen von weniger als 200 000 Dollar spenden demnach 1,9 Prozent ihres Vermögens. Wer mehr kassierte, stiftet dagegen nur etwa ein halbes Prozent. Das gilt sogar für junge Großverdiener mit einem Jahresverdienst von über zehn Millionen Dollar – selbst neureiche Internetunternehmer scheinen also nicht besonders spendabel zu sein.

Keltner und seine Kollegen haben sich diese merkwürdige Verteilung der Großzügigkeit im psychologischen Labor genauer angesehen. Zu diesem Zweck setzten sie das so genannte Diktatorspiel ein, die Versuchspersonen waren Studenten. Das Spiel geht ganz einfach. Der Proband erhält zehn Spielpunkte, die hinterher in Geld umgetauscht werden können. Die soll er mit einem fiktiven Partner teilen, den er nie kennenlernen wird (und der in Wirklichkeit gar nicht existiert).

Einen Grund zum Abgeben gibt es nicht – außer dem Gerechtigkeitsgefühl des Probanden. Ergebnis: Teilnehmer, die sich selbst auf der sozialen Leiter tiefer einstufen, teilen fairer. In dieser Studie gaben Ärmere also nicht nur relativ zu ihrem bescheidenen Besitz mehr ab, sondern auch in absoluten Zahlen.

Nun könnte es natürlich sein, dass nicht der fehlende Wohlstand an sich der entscheidende Faktor ist, der sozialer macht, sondern irgendeine Größe, die damit zusammenhängt. Vielleicht sind Angehörige der Unterschicht ja großzügiger, weil sie religiöser oder politisch weiter links orientiert sind. Um auch solche Einflussfaktoren auszuschließen, ließen die Wissenschaftler die Studenten noch ein weiteres Spiel spielen.

Der Sozialstatus prägt das Sozialverhalten.

Die jungen Leute bekamen das Bild einer Leiter mit zehn Stufen gezeigt. Ganz oben, so wurde ihnen erklärt, sollten sie sich Personen denken, die wegen ihres Reichtums, ihrer Ausbildung oder ihres Berufes auch gesellschaftlich weit oben stehen. Dann folgte die Frage: Wo würdest du dich im Vergleich zu ihnen selbst einstufen? Das Ergebnis: Die Studenten bescheinigten sich selbst einen eher bescheidenen Rang. Zumindest galt das im Vergleich zu Kommilitonen, die sich auf einer ähnlichen Leiter relativ zu Personen mit einem niedrigen gesellschaftlichen Status einordnen sollten.

Der jeweilige fiktive Sozialstatus wirkte sich auch auf das Sozialverhalten aus. Gefragt, welchen Anteil ihres Einkommens sie zu spenden bereit wären, zeigten sich die Mitglieder der Gruppe, sie sich tiefer auf der Gesellschafts-Leiter eingestuft sah, großzügiger als ihre Kommilitonen. Sie waren im Schnitt bereit, 4,7 Prozent ihres Einkommens zu spenden. Die subjektiv Neu-Reichen plädierten dagegen nur für 3 Prozent.

Nur was ist der Grund? Warum sind Menschen großzügiger, wenn sie arm sind oder sich sogar nur so fühlen? Weil wenig Begüterte aufeinander angewiesen sind, sagen die Forscher. Reiche können sich um sich selbst kümmern, Arme nicht. Psychologieprofessor Keltner ist selbst in einer armen Gegend aufgewachsen und beschreibt das Lebensgefühl so: "Es gibt immer einen, der dich irgendwohin mitnimmt oder auf dein Kind aufpasst. Man muss sich einfach gegenseitig helfen".

Dieses Prinzip zeigt sich auch beim Vergleich von verschiedenen Kulturen. Joseph Henrich von der University of British Columbia und seine Kollegen baten Mitglieder von 15 Gesellschaften aus der ganzen Welt zum so genannten Ultimatum-Spiel. Ein Spieler erhält dabei ein bis zwei Tageslöhne, doch er darf sie nur behalten, wenn er einem anderen einen fairen Anteil abgibt. Findet der andere das Angebot zu niedrig, gehen beide leer aus. Bei den Lamerala in Indonesien, die fürs Überleben aufeinander angewiesen sind, bot der erste Spieler im Schnitt 58 Prozent – wollte also mehr abgeben als behalten. Bei den Machiguenga in Peru, die ökonomisch weitaus mehr ohne einander auskommen, offerierte er dagegen nur 26 Prozent.

Ein tröstliches Ergebnis der Wissenschaft: Auch Reiche können großzügig sein – wenn es gelingt, ihr Mitleid zu wecken. Das tat Keltners Team, indem es Versuchsteilnehmern einen Filmausschnitt über Kinderarmut zeigte. Anschließend konnte jeder Einzelne einer vermeintlichen anderen Versuchsteilnehmerin helfen. Denn er durfte entscheiden, wie viele zeitaufwendige Aufgaben er der offensichtlich gestressten Frau zuschob und wie viele er selbst erledigte.

Ohne den Film übernahmen Teilnehmer aus der Oberklasse kaum mehr Arbeit als unbedingt nötig. Nach dem mitleidserregenden Film dagegen erledigten sie einen Großteil der Aufgaben selbst. Probanden aus bescheidenen Verhältnissen dagegen halfen auch ohne Film.

Weniger Geld zu haben, macht Menschen aber nicht nur zu bereitwilligeren Helfern, es befähigt sie auch, die Nöte anderer überhaupt wahrzunehmen. So konnte Keltner zeigen, dass Versuchspersonen, die nur einen High-School-Abschluss besitzen, die Gefühle anderer besser wahrnehmen als gebildetere und somit wohlhabendere Probanden. Der Grund: Reiche interessieren sich nicht groß für Gefühle ihres Gegenübers. Als Keltners Team immer jeweils zwei Studenten zum Kennenlernen zusammenbrachte, spielten die aus besseren Verhältnissen eher mit irgendetwas herum, kritzelten nebenbei oder suchten nach neuen Nachrichten auf dem Handy. Schlechtergestellte beschäftigten sich eher mit dem Gegenüber und unterhielen sich lieber. "Unsere Daten sagen, dass man nicht erwarten kann, dass die Reichen etwas zurückgeben", folgert der Wissenschaftler, "das ist psychologisch unwahrscheinlich." Denn Wohlstand führe genau zum Gegenteil: "Was Reichtum und Bildung und Prestige und eine gute Position im Leben einem geben, ist die Freiheit, sich auf sich selbst zu konzentrieren."

Autor: Jochen Paulus