Gewalterfahrung wird vererbt

Wulf Rüskamp

Von Wulf Rüskamp

Sa, 09. Dezember 2017

Bildung & Wissen

Untersuchung an Uni Konstanz.

Die Erbinformationen in den Chromosomen sind veränderbar – das weiß man, seit es die Epigenetik als Wissenschaft gibt. Grundlegende Erfahrungen und Lebenseinstellungen können so gleichsam in den Körper eingeschrieben und an nachfolgende Generationen weitergereicht werden. An der Konstanzer Universität ist nun eine neue Bestätigung für diese Hypothese gefunden worden. Dabei geht es um Gewalterfahrung, die Großmütter erlitten und an ihre Enkel vererbt haben. In einer Region des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro, wo häusliche Gewalt und Gewalt in der Gemeinde verbreitet sind, hat Fernanda Serpeloni, eine Doktorandin aus dem Team um den Psychologen Thomas Elbert, Speichelproben von 386 Personen genommen – Großmütter, deren Töchter und Enkelkinder. Großmütter und Töchter wurden zusätzlich nach ihren Gewalterfahrungen vor, während und nach der Schwangerschaft befragt.

Aufgrund der Speichelproben ließ sich an fünf Orten der DNA das Erbgut der Enkel vorhersagen – anhand der Gewalterfahrungen der Großmutter, während sie mit der Mutter der Enkel schwanger war. "Unsere Untersuchungen ergaben, dass insbesondere Gewalterfahrungen während der Schwangerschaft zu unterschiedlichen Methylierungen bei den Kindern führen", sagt Thomas Elbert. Methylierung bedeutet, dass DNA-Bausteinen eine Methylgruppe (das sind bestimmte Kohlenwasserstoffe) angehängt wird, durch die Gene an- beziehungsweise abgeschaltet werden. Laut Elbert besteht dadurch die die Möglichkeit, dass Kinder mit dem veränderten DNS-Methylierungsmuster ängstlicher werden bis hin zur Depressionsneigung oder dass sie nach außen aggressiv und wenig sensitiv anderen gegenüber auftreten.