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16. Januar 2012

Baustelle Bildung

Jeder lernt, wie er es braucht

Die Pädagogik plädiert für eine neue Lernkultur an den Schulen, die auf die individuellen Fähigkeiten Rücksicht nimmt.

  1. Alfred Holzbrecher Foto: Privat

Schule: Das ist bisher ein fester Rahmen, in dem sich die Schüler mit entsprechenden Leistungen behaupten müssen. Ihre Noten sagen etwas darüber aus, ob sie den Ansprüchen des Schultyps, etwa des Gymnasiums, genügen, oder ob sie nicht besser auf der Realschule oder der Hauptschule aufgehoben wären. Dieses System basierte auf der Annahme, es gebe einen imaginären Durchschnittsschüler für die jeweilige Schulstufe, an dem sich dann der Unterricht ausrichtete. Und die Schullaufbahn war um so erfolgreicher, je stärker sich die Kinder und Jugendlichen an diesem Maß orientierten.

Die neue Schulpädagogik, längst auch Thema in der Lehrerausbildung, verabschiedet sich von diesem Denken. Es gehe nicht mehr darum, sagt Alfred Holzbrecher, Professur für Schulpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, dass sich Schüler der Schule anpassen, sondern Schule müsse auf die Unterschiedlichkeit ihrer Schüler reagieren und diese respektieren. Statt alle im Gleichschritt zum Ziel zu bringen, wird jeder Schüler nach seinen individuellen Fähigkeiten gefordert und gefördert – aufgrund etwa von Lernvereinbarungen, die Lehrer und Schüler miteinander treffen. In einer Klasse werden so die unterschiedlichen Lernniveaus und Lerngeschwindigkeiten berücksichtigt und dies immer mit Blick auf Standards, wie sie die Bildungspläne vorgeben. Wissen wird nicht vernachlässigt, aber in verstärktem Maße rücken Kompetenzen des Schülers in den Blickpunkt: Nicht nur was er weiß, ist wichtig, sondern auch, was er kann.

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In der pädagogischen Theorie sind solche Überlegungen nichts Neues. Einzelne Schulen haben sie schon in die Praxis übernommen – aber der Schulalltag allgemein sieht noch ganz anders aus. Dabei hat bereits 2009, also noch unter einer CDU-Ministerin, das baden-württembergische Landesinstitut für Schulentwicklung für diese neue Lernkultur mit einer Broschüre geworben. Deren Titel benennt zugleich die geänderten Aufgaben der Lehrer: "Beobachten, Beschreiben, Bewerten, Begleiten". Nicht dass der Frontalunterricht gänzlich ausgedient hätte in diesem Modell: "Zur Einführung in den Unterrichtsstoff wird er immer noch gebraucht", sagt Holzbrecher. Aber das Hauptaugenmerk liegt auf dem eigenständigen Lernen oder auf kooperativen Lernformen, also Arbeit in der Gruppe. Das Miteinander in der Klasse verändert sich dadurch – mit dem Ziel, auch den Umgang miteinander zu lernen. "Der Erziehungsauftrag der Schule wird mit dieser neuen Lernkultur gestärkt", sagt Holzbrecher. Solcher Unterricht passt kaum ins 45-Minuten-Raster herkömmlicher Stundenpläne. Deshalb ist der Wechsel zum Ganztagesbetrieb logische Folge. Die Lehrer stellt all das vor neue Herausforderungen im Unterricht – die sich aber in kollegialer Kooperation und Beratung deutlich besser bewältigen lassen, sagt Holzbrecher: "Die Zeit der Einzelkämpfer in der Schule ist vorbei." Zugleich ändert sich das Selbstverständnis von Schule. Viele Schulgebäude passen freilich noch nicht zu den neuen Unterrichtsformen. Sie bräuchten mehr kleine Räume für Gruppen und Einzelarbeit, sie bräuchten zudem eine Ausstattung, die das Lernen auf eigene Faust erlaubt.

Autor: Wulf Rüskamp