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04. Oktober 2008

Kleine Forscher

Wissenschaftler testen die geistigen Fähigkeiten von Babys und finden heraus: Sie sind viel schlauer als gedacht / Von Ulrich Kraft

  1. Foto: Karsten Klingel

  2. Foto: Karsten Klingel

  3. Foto: Karsten Klingel

Roberts Urteil lässt keine Zweifel offen. Mit dem fiesen Kerl, der da gerade einen Kletterer den Berg hinunterbefördert hat, will er nichts zu tun haben. Da beschäftigt sich Robert doch eindeutig lieber mit dem anderen Typ. Dem, der den Kraxler bei seinem Gipfelsturm durch einen helfenden Schubs unterstützt hat. Damit tut Robert eigentlich nur, was wir alle tun. Eine Person einschätzen – anhand des Aussehens, des Verhaltens und vor allem am Umgang mit Anderen – und beurteilen, ob diese Person Gutes oder eher weniger Gutes im Sinn hat. Der Mensch ist ein soziales Lebewesen, und als solches ist eine derartige Menschenkenntnis für ihn überlebenswichtig.

Das Erstaunliche ist allerdings: Robert ist gerade einmal sechs Monate alt. Dass er schon in diesem Alter zwischen Freund und Feind unterscheidet und daraus auch seine Konsequenzen zieht, überraschte selbst die Forscher, die den Zwerg um ein moralisches Urteil gebeten hatten. "Es ist unglaublich beeindruckend, dass Babys dies tun können", sagt Kiley Hamlin von der Yale-Universität. "Es zeigt, dass wir essenzielle soziale Fähigkeiten haben. Fähigkeiten, die auch ohne viel explizites Lehren zu Tage treten."

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Überraschungen erlebt die Entwicklungspsychologie in letzter Zeit allerdings ziemlich oft – vor allem bei den ganz Kleinen. "Babys sind viel schlauer, als man gedacht hat", sagt Tricia Striano, die knapp vier Jahre am Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften das Forschungslabor für frühkindliche Entwicklung leitete. "Ihre geistigen Fähigkeiten wurden völlig unterschätzt." Früher galten Neugeborene quasi als unbeschriebene Blätter; in den ersten Lebensmonaten zu kaum mehr in der Lage, als die über die Sinnesorgane hereinprasselnden Informationen ungefiltert aufzunehmen. Zu komplexen kognitiven Leistungen wie etwa ein Ereignis mit einer Ursache zu verbinden, sei der Nachwuchs frühestens mit einem Jahr fähig, dachte die Zunft lange und konzentrierte ihre Forschungsbemühungen entsprechend auf diese Altersgruppe.

Das ist inzwischen anders. Vor allem in den USA, aber auch in Deutschland, wurden sogenannte Baby-Labs aus der Taufe gehoben, mit dem Ziel, die Geisteskräfte der oft so hilflos erscheinenden Winzlinge zu ergründen. Ihr bisheriges Fazit: Babys sind weit mehr als schlichte Datensammler, die ihre Erfahrungen mit der Umwelt ungefiltert abspeichern. "Vielmehr geht man heute davon aus, dass Babys bereits über definierbare Grundstrukturen der Informationsverarbeitung verfügen, die ihnen helfen, sich verschiedene Wissensdomänen nach und nach zu erschließen", schreibt Sabina Pauen, Entwicklungspsychologin von der Uni Heidelberg, in ihrem Buch "Was Babys denken".

Anders gesagt: Vom ersten Schrei an besitzen wir das notwendige mentale Equipment, um dem Chaos um uns herum einen Sinn zu geben und zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Gewisse physikalische Grundgesetze etwa scheinen schon in die Wiege gelegt, beispielsweise das Kontinuitätsprinzip. So folgern Babys, die einen kullernden Ball sehen, dass dieser  weiter rollen wird.  Sie wissen auch,   dass der Ball, wenn er hinter eine Abschirmung rollt, auf der anderen Seite wieder auftauchen sollte. Völlig ohne Mathe-Unterricht bewältigen Kinder einfache arithmetische Aufgaben – und zwar bereits im Alter von sechs Monaten.

Warum findet die Forschung all das erst jetzt heraus? Man habe den Babys lange Zeit einfach nicht die richtigen Fragen gestellt, erklärt Tricia Striano. Beziehungsweise gar keine Fragen. "Viele Wissenschaftler haben sich vor unter Einjährigen gescheut – weil sie nicht mit uns reden können." Dass sich nur an den Reaktionen der Kleinen erkennen lässt, was in ihren Köpfen vor sich geht, findet die Entwicklungspsychologin, die momentan am New Yorker Hunter College ein Baby-Lab aufbaut, aber gerade spannend. "Bringt man sie in die richtige Situation, erzählen Babys was sie wissen – wenn auch in einer anderen Sprache."

Mit der richtigen Situation meint Striano eine den Fähigkeiten des Kindes angemessene. So macht es kaum Sinn, einem drei Monate alten Säugling ein Objekt am anderen Ende des Zimmers zu präsentieren. Wegen seines eingeschränkten Sichtfelds kann er es nicht erkennen. Definitiv kindertauglich sind Bauklötzchen. Die benutzte das Team um Kiley Hamlin, um nicht nur das soziale Urteilsvermögen von Robert, sondern auch das von elf weiteren Halbjährigen zu testen.

Allerdings fungierte das Spielzeug nicht als Baumaterial, sondern als Ersatz für Personen. Um das den Säuglingen auch begreiflich zu machen, bekamen die unterschiedlich gefärbten und geformten Holz-Protagonisten Augen aufgeklebt. Dann spielten die Wissenschaftler aus Yale den gemütlich auf dem Schoß der Eltern sitzenden Babys zwei verschiedene Szenen vor. Ein Bauklötzchen mimt dabei einen Kletterer, der in Szene eins offenkundige Schwierigkeiten hat, einen Hügel zu erklimmen und zweimal kurz vor dem Ziel wieder ins Tal fällt. Bis ein zweites Bauklötzchen hinzukommt, das hilf- und erfolgreich nachschiebt.

In Szene zwei hingegen taucht eine andere Holzfigur auf, die den    hart kämpfenden Bergsteiger kurz vor dem Gipfelkreuz mit einem kräftigen Stoß in den Abgrund befördert.

Nach ein wenig Bedenkzeit legten die Forscher Unterstützer und Saboteur in Reichweite ihrer gewindelten Probanden und ließen sie wählen. Resultat: Alle zwölf griffen nach dem helfenden Charakter im Bauklötzchen-Schauspiel. Der Bösewicht blieb links liegen. Wie differenziert die soziale Einschätzung der nur sechs Monate alten Testteilnehmer ist, offenbarte auch ein weiterer Versuch, bei dem eine neutrale Figur ins Spiel kam. Die bewegte sich zwar ebenfalls den Hügel hoch und runter, hatte aber keinen direkten Kontakt zum Kletterer. Vor die Wahl zwischen Helfer und Unbeteiligten gestellt, entscheiden sich die Babys   mehrheitlich für das "gute" Klötzchen. Aber sie zogen auch die neutrale Figur dem fiesen Störenfried   vor. Die Kleinen scheinen also auch hilfsbereites von unsozialem Verhalten unterscheiden zu können.

Die Fähigkeit, Helfer und Behinderer zu unterscheiden, könnte der erste Schritt in Ausbildung von Moralsystemen sein, vermuten Kiley Hamlin und ihre Kollegen. Ob diese Gabe angeboren ist, kann die Forscherin zwar nicht mit Sicherheit sagen, doch einen Ratschlag für allzu besorgte Eltern hat sie trotzdem. Er lautet: Machen lassen. "Babys sind schon sehr früh ziemlich kompetente soziale Wesen", sagt Hamlin. "Auch ohne große Hilfe finden sie heraus, wer die guten Jungs zum Herumhängen sind."

Was Säuglinge alles drauf haben, belegt auch eine unlängst im Fachblatt PLoS One vorgestellte Studie von Tricia Striano. Gemeinsam mit ihren früheren Kollegen vom Leipziger MPI wies sie nach, dass Babys schon mit drei Monaten Furcht in Gesichtern anderer Menschen erkennen und auch deren Ursache ausmachen können. Allerdings sind Kinder in diesem Alter noch nicht in der Lage, sich koordiniert zu bewegen. "Das macht es nahezu unmöglich, ihr Verhalten auszuwerten", erklärt Striano. Deshalb maßen die Forscher die Hirnströme und bestimmten so, wie das Denkorgan ihrer 45 blutjungen Probanden auf bestimmte Situationen reagiert.

Die bekamen auf einem Bildschirm ein Gesicht gezeigt, dessen Blick auf einen den Kindern bis dato unbekannten Gegenstand gerichtet war. Der Gesichtsausdruck wurde aber variiert. Mal war die Miene verängstigt, mal vollkommen neutral. Anschließend erschienen dann die zuvor gesehenen Objekte allein auf dem Monitor, ohne Gesicht. Das hatte allerdings bleibenden Eindruck hinterlassen. So löste ein Gegenstand, der vorher mit furchtsamem Antlitz angeschaut wurde, im neuronalen Aufmerksamkeitssystem der Babys eine sehr viel stärkere Reaktion aus als ein mit neutraler Miene betrachteter.

"Mit drei Monaten ist das Gehirn also schon in der Lage, auf soziale Hinweise wie die Blickrichtung und den Gesichtsausdruck eines Erwachsenen selektiv zu reagieren", sagt Tricia Striano. "Und das Baby   kann diese Hinweise auch mit Dingen in seiner Umgebung in Verbindung bringen." Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass Kinder Signale, die nicht direkt an sie selbst gerichtet sind, frühestens mit einem Jahr verstehen können.

Striano überrascht ihr Ergebnis trotzdem nur wenig. Denn wie sonst, wenn nicht mit Hilfe älterer Erdenbürger, sollen Säuglinge etwas über die Welt erfahren. "Kinder lernen vom Menschen", sagt die Psychologin. "Je besser die Hinweise sind, die Bezugspersonen ihnen geben, desto besser lernen sie." Das beste Spielzeug für ein Baby seien eben – Menschen.

Autor: Von Ulrich Kraft