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12. Mai 2012

Pillen gehören nicht ins Klo

BZ-INTERVIEW: Der Umweltchemiker Klaus Kümmerer über Medikamente und gefährliche Chemikalien in Flüssen und Seen.

  1. Klaus Kümmerer Foto: Michael Bamberger

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Mit einer neuen Verordnung plant die EU, die Länder zur gründlicheren Schadstoffsuche in ihren Flüssen und Seen zu verdonnern. Das schmeckt nicht jedem, auch Baden-Württembergs grünem Umweltminister nicht. Franz Untersteller sieht schon den Bodensee demnächst auf den Gewässergütekarten ähnlich dunkelrot eingefärbt wie den norditalienischen Drecksfluss Po. Was steckt hinter der Neuordnung? Mit Klaus Kümmerer, Direktor des Instituts für Nachhaltige Chemie und Umweltchemie an der Leuphana Universität, sprach Michael Brendler.

BZ: Herr Professor Kümmerer, 33 gefährliche Substanzen kennt der Katalog der Wasserrahmenrichtlinie. Nun möchte ihn die EU-Kommission auf 48 erweitern. Ist es tatsächlich so fragwürdig, demnächst unsere Gewässer auch auf Schadstoffe wie Arzneimittel, jodhaltige Kontrastmittel und Flammschutzmittel zu untersuchen?
Kümmerer: Ich denke, es war überfällig, dass auch die Arzneimittel endlich in den Listen auftauchen. Man kann sich natürlich fragen, ob man bei einer solchen Neuordnung nicht auch gewisse Stoffe aus der Liste hätte rausnehmen sollen. Schließlich sind manche Substanzen tatsächlich hierzulande verboten. Warum sollte man also dann nach ihnen suchen? Man darf allerdings eines nicht vergessen: Es handelt sich hierbei um eine EU-Regel. Und weil in Sachen Gewässerschutz bei manchem jüngeren Beitrittskandidaten durchaus Nachholbedarf besteht, ist es wahrscheinlich sinnvoll, bis auf Weiteres erst einmal alle Stoffe drin zu lassen.

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BZ: Die Liste wurde ja nicht nur um Medikamente, sondern auch um Chemikalien ergänzt. Begrüßen Sie auch diesen Schritt?
Kümmerer: Stoffe wie bromierte Flammschutzmittel, die zum Beispiel in Dämmmaterial oder Textilien eingesetzt werden, und Perfluorierte Tenside sind giftig. Insofern macht es durchaus Sinn, sie ebenfalls als Gefahrenstoffe einzustufen. Hinzu kommt: Weil perfluorierte Stoffe immer noch in Produkten drin sind, wird ihre Konzentration in der Umwelt nicht so schnell abnehmen. Solange es zum Beispiel noch Outdoorjacken mit entsprechender Ausrüstung gibt, werden zum Beispiel die PFOS und ähnliche Stoffe auch aus ihnen ausgewaschen.


BZ: Und was konkret haben Natur und Umwelt von ihnen zu befürchten?
Kümmerer: Ein Teil der Stoffe ahmt zum Beispiel die Wirkung von körpereigenen Hormonen nach. Nehmen wir das Ethinylestradiol. Hierbei handelt es sich um den Hauptbestandteil der Antibabypille, der bereits in äußerst geringen Dosen wirksam ist. Schon ab einer Konzentration von 0,5 Milliardstel Gramm pro Liter können männliche Fische verweiblichen. Ähnliche Auswirkungen hat man auch schon an den Abströmen von Kläranlagen beobachtet. Setzt man Tiere im Labor hormonell aktiven Substanzen aus, kann das bei ihnen auch einen Verlust der Fruchtbarkeit bewirken. Zwar kommen in Deutschland jährlich nur 50 Kilogramm Ethinylestradiol zum Einsatz, aber auf Grund der enormen Wirksamkeit und der schlechten Abbaubarkeit der Substanz sollte man sie genau im Auge behalten.

BZ: Und das Risiko für den Menschen?

Kümmerer: Wir wissen nicht, ob der Kontakt mit diesen Substanzen über die Umwelt oder eventuell Trinkwasser, wenn es denn kontaminiert wäre, für den Menschen gefährlich ist. Wir wissen nur, dass es in der Entwicklung des Menschen kritische Zeitpunkte gibt, in denen er durch solche endokrinen Substanzen besonders angreifbar ist. Von manchen wird sogar diskutiert, ob diese Stoffe auch dafür mitverantwortlich sind, dass die Zahl unfruchtbarer Männer zunimmt. Eine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung werden wir hier wahrscheinlich nie nachweisen können. Ausschließen können wir nur, dass akute Belastungen direkte Schäden auslösen. Ob aber der langfristige Kontakt mit niedrigen Konzentrationen ebenfalls unbedenklich ist, lässt sich im Moment nicht abschätzen.

BZ: Wie viele gefährliche Substanzen treiben sich denn insgesamt in unseren Gewässern herum?
Kümmerer: Laut EU-Schätzungen befinden sich etwa 100 000 chemische Stoffe auf dem Markt.Wenn wir annehmen, dass etwa ein Drittel gewässerrelevant ist, dann können Sie abschätzen, mit welchen Dimensionen wir es hier zu tun haben.

BZ: Neben den Pillenrückständen taucht ja auch das Schmerzmittel Diclofenac plötzlich auf der Liste auf. Warum?
Kümmerer: Diclofenac wird wie viele andere Medikamente auch von den Kläranlagen nicht aus dem Wasser gefiltert. Zudem ist es biologisch schwer abbaubar und kann sich in der Natur anreichern. Aber man sollte noch aus einem anderen Grund auf dieses Medikament und seine Rückstände schauen: Es handelt sich um einen sehr häufig eingesetzten Wirkstoff, in Deutschland werden jedes Jahr etwa 90 Tonnen verbraucht – etwa 60 davon werden über den Urin wieder ins Abwasser gespült. Wir wissen aus Untersuchungen, dass an Orten, wo man Diclofenac findet, auch andere Gefahrenstoffe nicht weit sind – etwa Flammschutzmittel. Diclofenac ist also eine Art Marker, der uns eine Auskunft darüber gibt, was an Schadstoffen aus den Haushalten in die Gewässer fließt.

BZ: Und inwieweit schädigt das Mittel Natur und Umwelt?

Kümmerer: Es gibt Untersuchungen an der Universität Tübingen, die zeigen, dass Diclofenac in in der Umwelt nachgewiesenen Konzentrationen bei Fischen die Nieren schädigen kann. Von manchen wird auch diskutiert, ob die Medikamente, die über die Arge und Schüssen in den Bodensee fließen, mit dafür verantwortlich sind, dass es kaum gelingt, wieder einen vernünftigen Fischbestand in diesen Flüssen hinzubekommen. Allgemein muss man allerdings sagen, die Beweislage für direkte Umweltschäden durch Arzneimittel ist eher dünn.

BZ: Aber Sie reicht Ihrer Meinung nach aus, um aktiv zu werden.

Kümmerer: Man darf nicht vergessen: Wir reden hier über Vorsorgewerte. Man hat sich entschlossen, dass man bestimmte Stoffe ab einer gewissen Konzentration nicht im Gewässer haben will, weil man Risiken nicht ausschließen kann.

BZ: Tut man dem armen Bodensee nicht unrecht, wenn – so behauptet das Ministerium – er dank der neuen Regelung demnächst auf Gewässergütekarten ebenso rot gekennzeichnet wird wie der dreckige Fluss Po?
Kümmerer: Der Bodensee ist mit Sicherheit nicht so schmutzig wie der Po. Aber in dieser Hinsicht ist die Wasserrahmenrichtlinie rigoros. Überschreitet ein Gewässer bei einem einzigen Gefahrenstoff den Grenzwert, wird es auf den Gewässergütekarten rot gekennzeichnet. Aber sollte der See tatsächlich diesen Status bekommen, muss man das halt an die Menschen kommunizieren und ihnen das Problem erklären – und das ist sicherlich nicht nur ein Nachteil, sondern kann ja auch zu einem besseren um Umgang mit Arzneimitteln führen.

BZ: Die vorgeschlagenen Grenzwerte für einige Stoffe seien so niedrig, dass sie analytisch im Gewässer nicht nachgewiesen und somit nicht überwacht werden könnten, heißt es. Andere demnächst überwachte Stoffe seien wiederum so weit verbreitet, dass die Umweltqualitätsnormen selbst in naturnahen Gebieten überschritten würden, klagt Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller. Das klingt doch zunächst einmal nach einem berechtigten Einwand?
Kümmerer: All das muss man sich Stoff für Stoff angucken. Beim Ethinylestradiol sind die Werte in der Tat sehr niedrig, aber der Stoff hat auch eine extrem niedrige Wirkungsschwelle und die natürlichen Konzentrationen sind um einiges niedriger. Bei Diclofenac sind die Konzentrationen, die man in der freien Natur findet, sehr hoch. Zudem kann man sich durchaus die Frage stellen, ob ein Gewässer, in dem menschliche Schadstoffe in größerem Ausmaß auftauchen, überhaupt noch als naturnah bezeichnet werden kann. Das Ganze erinnert mich an die Diskussion, die früher über die Grenzwerte für Pflanzenschutzmittel geführt wurde. Da hieß es damals: "Ach, das kann doch nie jemand messen." Inzwischen kann man das ganz locker messen, und die Regelung hat dazu geführt, dass diese Messverfahren entwickelt wurden. Die Fragestellung sollte nicht sein, ab wann ist ein Wert messbar, sondern ab wann ist es mir wichtig, dass ich weiß, dass dieser Stoff da ist.

BZ: Warum machen die Politiker dann so einen Radau?
Kümmerer: Weil strengere Überwachung auch heißt, dass irgendwann Maßnahmen gefordert sind. Und die Politiker wissen, dass solche Maßnahmen Geld kosten.

BZ: Und welche Maßnahmen schlägt der Wissenschaftler vor, um diese Probleme in den Griff zu bekommen?
Kümmerer: Die Lösung kann sicher nicht sein, dass wir ständig neuen Dreck machen, um ihn nachher mühevoll und für teures Geld wieder aus dem Wasser zu filtern. Was zum Teil nicht mal mit Hilfe der neuen, erweiterten Abwasserbehandlung trotz großen technischen und finanziellen Aufwands gelingt. Zunächst einmal müssen wir versuchen, weniger Medikamente zu verbrauchen, was, wie Zahlen zeigen, geht. Zweitens brauchen wir einen anderen Umgang mit Altmedikamenten. Arzneimittel gehören nicht ins Klo, sondern müssen ordentlich entsorgt werden. Und drittens müssen sie in der Kläranlage leicht und möglichst vollständig abbaubar sein.

Autor: mich


2 Kommentare

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Thomas Kaufmann

Registriert seit: 25.02.2010

Kommentare: 465

13. Mai 2012 - 12:16 Uhr

@Badische Zeitung und Herrn Kümmerer
Und die spannendste Frage haben Sie leider nicht beantwortet. Wie müssen Medikamente ordentlich entsorgt werden?

Kürzlich hatte ich einige Medikamente, die ich nicht mehr benötigte, bzw. falsch verordnet waren. U.a. auch einige Medikamente die zu entsorgen waren. In der örtlichen Apotheke meinte man zu mir, daß man diese nicht grundsätzlich annehmen könne oder dürfe, egal ob noch neu, oder unangetastet oder nur teilverbraucht.

Alte Medikamente wollte man auch nicht zum Entsorgen annehmen, ich sollte sie bitte in den Hausmüll tun. Eine andere Apotheke erzählte mir ähnliches, man zeigte sich aber dann doch gnädig und und wollte sie für mich entsorgen, dabei hatte ich als Kunde ein Gefühl des Bittstellers.

So wundert mich das nicht, daß viele Medikamente irgendwo weggeschmissen werden und früher oder später in unsere Gewässer kommen. Das ist für mich ein Skandal, denn wir, bzw. die Krankenkassen zahlen gerade in den Deutschland die sprichwörtlichen unverschämten Apothekenpreise, auch durch unsere Politiker verschuldet, die die Pharmalobby an den Füßen küssen.

Ich erwarte also von Apotheken und der Pharmaindustrie, daß diese für die fachgerechte Entsorgung aufkommen müssen, bedingungslos!

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Egon Mayer

Registriert seit: 30.06.2010

Kommentare: 1485

13. Mai 2012 - 21:58 Uhr

@Thomas Kaufmann
Seit 2009, als eine neue EU-Verpackungsverordnung in Kraft getreten ist, ist das fachgerechte Entsorgen von Medikamenten mit erheblichen Mehrkosten für die Apotheke verbunden. Eine kostenlose Entsorgung findet also tatsächlich nur noch aus Kulanz statt.
Sie können die Medikamente im Hausmüll entsorgen. Solange dieser verbrannt wird, spricht auch aus Umweltgesichtspunkten nichts dagegen. Die hohe Temperatur bei der Verbrennung zerstört die Arzneistoffe, so dass das Grundwasser nicht belastet wird.
Nachzulesen in der Apotheken-Umschau (irgendeine Ausgabe aus 2011 war es)

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