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07. Januar 2012
Astrophysik
Stephen Hawking wird 70: In anderen Sphären
Ein genialer Geist in einem kranken Körper: Der britische Astrophysiker Stephen Hawking wird 70 / .
Er ist der berühmteste Physiker seit Albert Einstein: Stephen Hawking, durch eine unheilbare Nervenerkrankung an den Rollstuhl gebunden, gilt vielen als das größte Genie unserer Tage. Sein Sachbuch "Eine kurze Geschichte der Zeit" ist das erfolgreichste populärwissenschaftliche Werk überhaupt. Am Sonntag, 8. Januar, feiert der Professor aus Cambridge seinen 70. Geburtstag – und hat damit die Prognosen seiner Ärzte um Jahrzehnte überlebt.
Der Kuppelsaal in Amsterdam, eine ehemalige Kirche, ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Dort, wo einmal der Altar gestanden hat, sitzt Stephen Hawking. Seinen Vortrag kann Hawking nur per Sprachcomputer halten, mit einer synthetischen Stimme. Und die erzählt von unvorstellbaren kosmischen Katastrophen, vom Urknall und von schwarzen Löchern, jenen galaktischen Monstern, die kraft ihrer gewaltigen Schwerkraft alles verschlingen, was ihnen zu nahe kommt. Die Menschen lauschen andächtig, als würde ihnen ein Hohepriester unumstößliche Wahrheiten verkünden.
und eine Kultfigur
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Geboren wird Hawking 1942 in Oxford. Seine Forscherkarriere beginnt mit einem Schicksalsschlag. 1962 – gerade hat er seine Doktorarbeit begonnen – zeigen sich erste Anzeichen einer fatalen Rückenmarkserkrankung, der amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Bald muss er im Rollstuhl sitzen. Er verliert seine Stimme und muss eine Maschine für sich sprechen lassen. Zunächst kann er den Sprachcomputer noch mit zwei Fingern seiner linken Hand bedienen. Später werden auch die Finger zu schwach. Seitdem steuert Hawking den Rechner mit einem Infrarotsensor an seiner Brille. Trotz seiner Behinderung meistert der Physiker sein Leben – sowohl privat, er heiratet zweimal und hat drei Kinder, als auch beruflich. Als Student sei er begabt gewesen, aber faul, sagt Hawking über sich selbst. Erst nach Ausbruch der Krankheit habe er sich voll auf seine Forschung konzentriert. 1979 wird er Professor in Cambridge – auf eben jenem Lehrstuhl, den einst der legendäre Isaac Newton bekleidete.
In Cambridge entwickelt Hawking seine beiden wichtigsten Beiträge zur Physik: Ausgehend von Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie beweist er, dass der Urknall vor rund 14 Milliarden Jahren mit einer sogenannten Singularität begonnen haben muss – als unvorstellbar winziger Punkt, der sich mit den heutigen Formeln und Gesetzen nicht fassen lässt. Hawkings Lieblingsthema aber sind die alles verschlingenden schwarzen Löcher. Seine wichtigste Erkenntnis: Schwarze Löcher existieren nicht ewig. Stattdessen verdampfen sie langsam, weil sie eine Strahlung abgeben – die Hawking-Strahlung.
Nachgewiesen aber wurde sie noch nicht – weshalb Hawking bislang auch noch keinen Physik-Nobelpreis erhielt. "Man könnte die von schwarzen Löchern ausgehende Strahlung durchaus messen", so Hawking. "Aber unglücklicherweise scheint es in unserer Gegend einfach keines zu geben." Trotz des fehlenden Beweises sind die meisten Experten felsenfest von der Existenz der Hawking-Strahlung überzeugt. "Ein Ergebnis, das noch in Hunderten Jahren Bestand haben wird", glaubt Bruce Allen, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover und ehemaliger Hawking-Student. "Von solchen Ergebnissen gibt es nicht viele!" Doch ist Hawking wirklich – wie von vielen vermutet – ein zweiter Albert Einstein? Nein, meinen nicht wenige Forscherkollegen. "Die Beiträge von Hawking sind sicher nicht so bedeutend wie die von Einstein", sagt der Hamburger Physikprofessor Klaus Fredenhagen. "Mit der Relativitätstheorie hat Einstein etwa völlig Neues entwickelt, was es vorher nicht gab." Hawking dagegen habe weitgehend im Rahmen der bestehenden Theorien agiert und dort wichtige Erweiterungen geschaffen.
Klar aber ist eines: Hawking gelingt es wie keinem anderen, die Kosmologie einem breiten Publikum schmackhaft zu machen. 1988 veröffentlicht er sein Buch "Eine kurze Geschichte der Zeit". Auch wenn der Stoff alles andere als leicht verdaulich ist: Das Werk verkauft sich millionenfach und macht ihn zur Kultfigur. Ob sich wirklich jeder Leser Seite für Seite dadurch gequält hat, ist ungewiss. Viele mögen sich damit begnügt haben, die ersten Seiten zu überfliegen, um dann das Werk in die heimische Bücherwand zu stellen – als intellektuelles Statussymbol.
Offenbar bemerkt auch Hawking die Sperrigkeit seines Bestsellers. In späteren Büchern versucht er sich an einem lockereren Ton und setzt auf aufwendige Bilder und Illustrationen. Mit seiner Tochter Lucy schreibt er sogar eine Reihe von Kinderbüchern. Die Erforschung von schwarzen Löchern – hier wird sie zum spannenden Krimi. Auch sonst weiß sich der Brite geschickt zu vermarkten. So tritt er in einer Folge der Science-Fiction-Serie "Star Trek" auf, um gegen Albert Einstein und Isaac Newton beim Pokern zu gewinnen. Der US-Zeichentrickserie "Die Simpsons" leiht er die Stimme seines Sprachcomputers. Im Song "Keep Talking" der Kultgruppe Pink Floyd spricht Hawking den einleitenden Satz.
Dass er in fortgeschrittenem Alter zu derartigen Exkursionen in der Lage ist, grenzt an ein medizinisches Wunder. "Ich kenne ihn seit 1980", erzählt Bruce Allen. "Und ich hätte nie gedacht, dass Stephen so lange leben würde!" Als Wissenschaftler beschreiben ihn seine Kollegen als überaus intensiv. Der Grund: Schon in jungen Jahren war Hawking nicht mehr in der Lage, seine Formeln auf Papier oder Tafeln zu kritzeln, so wie es Physiker zu tun pflegen. Stattdessen musste er die hochkomplexen Berechnungen im Kopf ausführen – eine bewundernswerte Konzentrationsleistung.
Als Privatmensch gilt Hawking als höchst umgänglich. "Er ist extrem freundlich und aufgeschlossen – und das, obwohl er so berühmt ist", sagt die ehemalige Hawking-Doktorandin Fay Dowker, heute Physikprofessorin am Imperial College London. "Und er liebt es, Scherze zu machen!" Einmal sei sie im Sommer mit neuer Frisur im Institut aufgetaucht, erinnert sich Dowker – mit kahl rasiertem Schädel. "Hawking hat mich einfach nur angegrinst und gefragt: Fay, warum hast du gegen einen Rasenmäher gekämpft?"
Autor: Frank Grotelüschen
