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13. März 2010
Stress lass nach!
Frustrierte Spitzhörnchen sollen erklären, warum den Menschen die Anspannung auf Dauer umbringt.
Die Versuche, die der junge Arzt Hans Selye zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts durchführte, muten heute an wie ein schwerer Fall von Tierquälerei: Unschuldige Ratten ließ er in der Hitze schmoren, die Tiere froren sich bei eisigen Temperaturen die Zehen ab, wurden von Selye in Wäschetrommeln hin und her geschleudert. Kein Wunder, dass die armen Nager daraufhin an Magengeschwüren, Nierenproblemen und anderen Krankheiten litten. Kein Wunder? Für die damalige Zeit sehr wohl. Denn Selye beschrieb damit zum ersten Mal ein Phänomen, das heutzutage in aller Munde ist. Zunächst gab er ihm noch den unhandlichen Namen "allgemeines Anpassungssyndrom"; doch schon bald ging er der Einfachheit halber zum englischen Wort für Belastung über: Stress.
74 Jahre nach seiner wegweisenden wissenschaftlichen Veröffentlichung ist das einstige Fremdwort Stress und dessen gesundheitliche Folgen in aller Munde. Jeder spricht davon, jeder hat ihn. Chronischer Stress, verursacht durch zunehmende Belastungen im Arbeitsalltag, unsichere Zukunftsaussichten und Streitereien in der Familie – bereits die Hälfte aller Arbeitsfehltage soll sich in Europa auf Stress zurückführen lassen. Grund genug, das Thema einmal genauer unter die Lupe zu nehmen: Denn was genau ist eigentlich Stress? Ab wann wird Stress bedrohlich und was kann man dagegen tun?
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Denn prinzipiell ist Selyes "allgemeines Anpassungssyndrom" überhaupt nichts Negatives, im Gegenteil, Stress sichert das Überleben. Ohne ihn wäre die friedlich grasende Antilope für den Löwen leichte Beute und Erdmännchen würden beim Anblick eines Adlers keine schrillen Alarmpfiffe abgeben. Und auch dem Menschen erlaubt die sogenannte Stressantwort angemessen auf bedrohliche Situationen und Herausforderungen zu reagieren. Im Angesicht einer Gefahr steigen auch bei uns Blutdruck und Blutzuckerspiegel, nehmen Sauerstoffverbrauch und Schweißproduktion zu. Zugleich werden für den Moment unnötige Funktionen wie Verdauung und Sexualtrieb ausgeschaltet. Maßgeblich verantwortlich dafür sind die Stresshormone Adrenalin und Cortison, die den Körper in Erregung versetzen, den Puls nach oben jagen und die Schmerzempfindlichkeit senken.
Aber warum hat sich dann heute der einst sinnvolle Stress in eine der wichtigsten Krankheitsursachen verwandelt? "Problematisch wird Stress dann, wenn man körperlich oder mental in eine Situation kommt, die man für nicht mehr kontrollierbar hält", sagt der Neurobiologe und Stressforscher Eberhard Fuchs vom Primatenzentrum in Göttingen. Und dies ist in der modernen Gesellschaft leider oft der Fall. Heute sehen wir uns zwar nicht mehr mit Säbelzahntigern konfrontiert, dafür lauert im Büro ein nörgelnder Chef, drohen privater Ärger und Zukunftsängste, die nicht nach kurzer Zeit wieder im Busch verschwinden. Für manchen wird deshalb die Alarmbereitschaft zum Dauerzustand.
Das bleibt nicht ohne Folgen: Die Liste der Krankheiten, die ein dauerhaft erhöhter Adrenalin- und Cortisonspiegel hervorrufen kann, ist lang. Bei Herz- und Kreislaufstörungen, Nierenproblemen, Immunschwächen, bei Depressionen, Angsterkrankungen ja sogar bei Krebs soll Stress zumindest eine förderliche Rolle spielen.
Welche genau, das versucht Eberhard Fuchs in Göttingen zu ergründen. Die Bekämpfung stressinduzierter Erkrankungen ist sein Spezialgebiet. Als Versuchsobjekt hat er sich nicht den Menschen, sondern die Tupaias, auch Spitzhörnchen genannt, ausgesucht – quirlige Urwaldbewohner, die entfernt an Eichhörnchen erinnern.
"Aufgrund ihres Territorialverhaltens sind die Tiere sehr leicht unter Laborbedingungen zu stressen", sagt Fuchs. Tatsächlich reagieren unterlegene Männchen auf die dauernde Anwesenheit eines stärkeren Rivalen mit den von Selye beschriebenen Symptomen, manche überleben sogar die Dauer-Demütigung nicht. Zwar unterscheiden sich die Probleme, die den kleinen Säuger zermürben, in ihrer Qualität von denen des Menschen, doch die körperliche Reaktion ist die gleiche. Die Hörnchen sind also ein optimales Modellsystem, um nach Medikamenten zu suchen, die auch dem Menschen helfen könnten.
Veränderungen im Gehirn."
Eberhard Fuchs, Stressforscher
Ein weiteres Problem lässt sich ebenfalls sehr gut an Tupaias untersuchen: die Schlaflosigkeit. Gestresste männliche Hörnchen wälzen sich nachts ähnlich schlaflos im Streu wie der stressgeplagte Mensch im Bett. Und Schlafprobleme sind oft der Anfang allen Übels. Gerät der Tag-Nacht-Rhythmus erst einmal aus den Fugen, kommt die ganze Psyche ins Wanken.
Mit Hilfe von Medikamenten lassen sich – zumindest bei Spitzhörnchen – jedoch auch solche Schwierigkeiten in den Griff bekommen. Das macht Hoffnung, denn auch in unserem alltäglichen Leben lassen sich die Stressoren ja nicht einfach so entfernen. "Man kann ja nicht jeden, der sich gestresst fühlt, vier Wochen in Urlaub schicken", sagt Fuchs.
Allerdings sollte der Griff zum Psychopharmakum nur letztes Mittel sein, um der Negativspirale des chronischen Stresses zu entkommen. Das Motto lautet eher: Wehret den Anfängen. Keiner ist dem Stress hilflos ausgeliefert, auch sanfte Methoden zur Stressbewältigung können erfolgreich sein. Eine davon ist der Sport. Denn sportliche Betätigung erfüllt die Erwartungshaltung, die der Körper aufgrund des erhöhten Hormonlevels hat. Ein Zehn-Kilometer-Jogginglauf kommt dem natürlichen Fluchtreflex im Angesicht eines Raubtiers näher, als der Griff zu Zigaretten und Kaffeetasse.
Auch Hobbies wie Yoga oder mit Meditation können gestressten Menschen helfen. Das Erfolgsrezept: Einfach mal völlig im Hier und Jetzt sein und das Sinnieren über die Zukunft vergessen. Jüngste Forschungen zeigen, dass bereits nach wenigen Wochen mit regelmässigen Yoga- oder Meditationseinheiten das Gehirn der Stressgeplagten aufblüht: Neue Nervenzellen bilden sich und die Zahl der Verzweigungen nimmt zu – wie bei Tupaias auf Antidepressiva.
Ganz wichtig sind auch: Gespräche, Gespräche, Gespräche. Denn das Chaos im eigenen Kopf sorgt oft dafür, dass man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Von außen betrachtet sind die Probleme oft längst nicht so dramatisch. "Der Partner oder Freund sieht oft eine Lösung oder bringt einen ganz einfach auf andere Gedanken", so Fuchs. Auch die Spitzhörnchen können ein Lied davon singen: Am wohlsten fühlen sie sich in einer harmonischen Zweierbeziehung. Ihre Zuneigung zeigen sie sich durch ein arttypisches Begrüßungslecken, nah verwandt unserem Küssen. Und siehe da: Glücklich liierte Spitzhörnchen haben geringe Stresshormonlevel, sind belastbar und selten krank.
Stresshormone
Bei Stress sendet die Alarmzentrale Hypothalamus aus dem Hirn per Nerv oder über Signalhormone die Gefahrenmeldung an die Nebenniere, in der die Stresshormone Cortison und Adrenalin gebildet werden. Einmal ins Blut ausgeschüttet, versetzen sie den Körper in Erregung. Doch auch im Alltag leistet das Cortison treue Dienste. Denn ohne das Stresshormon würden wir wohl morgens das Bett gar nicht erst verlassen. "Ein hoher Cortisonlevel sorgt morgens dafür, dass die Körperzellen aktiviert werden und wir beschwingt aufstehen", sagt der Stressforscher Eberhard Fuchs.
Und auch unsere Gehirnzellen werden durch die Stresshormone auf Trab gebracht. Bestes Beispiel: Fast jeder kann sich noch genau daran erinnern, was er beim Anschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 gemacht hat. Fazit: "Ohne Anspannung wäre unser Leben ziemlich fad", so Fuchs.
Autor: BZ
Autor: Johanna Hurst


