Lehrermangel

Unterrichtsausfall schon am ersten Schultag im Südwesten

Ronny Gert Bürckholdt und dpa

Von Ronny Gert Bürckholdt & dpa

Di, 04. September 2018 um 20:44 Uhr

Südwest

Die Lehrergewerkschaften beklagen Personalmangel vor allem in den Grundschulen des Landes. Jede zweite Schule in Südbaden ist betroffen. Schuld sei die Landesregierung.

Mit Schultüte und großen Erwartungen gehen kommende Woche 94.200 Kinder in Baden-Württemberg erstmals zur Schule. Dort lernen sie mitunter auch recht schnell, was Unterrichtsausfall bedeutet. Laut Lehrergewerkschaft VBE herrscht derzeit im Schulkreis Freiburg in mehr als 60 Prozent aller Grundschulen Lehrermangel. Dafür macht die Pädagogenlobby die Landesregierung verantwortlich.
Mehr als 1,5 Millionen Schüler im Land stehen vor einem neuen Schuljahr. In diesem gibt es eine Reihe von Neuerungen. Zum Überblick

In den Augen des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) überschattet die Sorge um die Qualität des Unterrichts für die jüngsten unter den mehr als 1,5 Millionen Schülern im Land das am Montag beginnende Schuljahr. "Vom ersten Schultag an fällt in Südbaden massiv Unterricht aus, und Schuld daran ist die Politik", sagt Christoph Wolk, der Vorsitzende im Landesbezirk Südbaden beim VBE. Besonders groß sei das Problem in ländlichen Gegenden, ebenso an Berufs- und Sonderschulen. Wolk spricht von einer Bildungsmisere erheblichen Ausmaßes. "Darunter leiden die Schüler, das allgemeine Bildungsniveau, die Eltern und die Lehrer."

Lehrerstellen werden nicht besetzt

Über alle allgemeinbildenden Schulen hinweg seien zum Start des neuen Schuljahres im Schulbezirk Freiburg in jeder zweiten Schule nicht alle Lehrerstellen besetzt. Für ganz Südbaden treffe das einer Umfrage von Anfang September zufolge auf 60 Prozent aller Schulen zu. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht von 500 fehlenden Lehrern an den 2400 Grundschulen im Land aus.

Am Montag hatte Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) im BZ-Interview gesagt, sie könne sich keine Lehrer backen. Damit habe sie zwar recht, heißt es beim VBE. Auch sei es positiv zu sehen, dass die grün-schwarze Landesregierung nun mehr Lehrstellen in der Lehrerausbildung schaffe. Das werde sich aber erst in Jahren auszahlen. Die Landesregierung habe – so wie ihre grün-rote Vorgängerin – viel zu spät begonnen, auf den absehbaren Lehrermangel zu reagieren, so Gewerkschafter Wolk. Dass derzeit viele Lehrer in Pension gehen, sei keine neue Erkenntnis – auch seien die Schülerzahlen wegen der ausgeweiteten Zuwanderung nach Deutschland seit Jahren deutlich geringer gesunken als einst vorhergesagt.

Es gibt wieder große Klassen

Eine Folge laut VBE: "Wir werden wieder große Klassen mit 33, 34 Schülern haben. Darunter leidet die Qualität des Unterrichts", so Wolk. Auch seien von 800 Neueinstellungen für Krankheitsvertretungen in Südbaden 90 Prozent sogenannte Nichterfüller – Aushilfen ohne pädagogische Ausbildung. Dies sei zwar besser, als niemanden zu finden. Wolk meint aber: "Schüler brauchen ausgebildete Fachleute." Viele von denen seien nach Berlin oder in die Schweiz abgewandert, wo mehr bezahlt werde.

Wie viele der 5500 über alle Schulen hinweg zu besetzenden Stellen im Land tatsächlich vakant bleiben, will Eisenmann an diesem Donnerstag bekannt geben. Zum Anfang des vergangenen Schuljahres waren 672 Stellen offen gewesen, vor allem an Grund- und Sonderschulen. Zu viele Bewerber gibt es dagegen derzeit in den Gymnasien. Mehrere Tausend Männer und Frauen konkurrieren um 900 Stellen. Wer im Gymnasium nicht zum Zuge komme, könne sich bei den Grundschulen bewerben, so Eisenmann. Sie kritisiert, dass sich jüngst gerade 200 von tausenden angefragten Gymnasiallehrern bereiterklärt hätten, eine Zeitlang an einer Grundschule auszuhelfen. Generell seien wenige Lehrer bereit dazu, an Schulen in ländlichen Räumen zu wechseln.



Der VBE macht dafür auch eine unzureichende Informationspolitik und unattraktive Angebote der Landesregierung verantwortlich: "Viele Lehrer meinen: Wenn sie einmal aufs Land gehen, kommen sie da nie wieder weg."

Zuletzt versuchte Ministerin Eisenmann, mit 2500 Postkarten unter dem Motto "Wir suchen Sie!" Pädagogen für Regionen mit Lehrermangel zu gewinnen. Sie sagt: "Ich wünsche mir, dass sich dadurch Junglehrer für eine unbefristete Stelle entscheiden, auch wenn sie nicht an ihrem Wunschort liegt."