Interview

Warum Studierende besonders anfällig für persönliche Krisen sind

Claudia Füßler

Von Claudia Füßler

Mo, 07. Januar 2019 um 13:06 Uhr

Bildung & Wissen

Eine schwierige Bachelorarbeit, eine Trennung oder Prüfungsangst – um psychische Probleme von Studierenden kümmert sich seit 50 Jahren die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks. Ein Interview mit dem Leiter Jürgen Griesser.

BZ: Herr Griesser, seit 50 Jahren gibt es die Psychotherapeutische Beratungsstelle des Studierendenwerks, Sie selbst sind seit mehr als 25 Jahren dabei. Haben sich die Probleme der Studierenden denn in dieser Zeit verändert?
Jürgen Griesser: Nein, die sind tatsächlich über die Jahrzehnte erstaunlich ähnlich geblieben – aber dafür ist die Anzahl der Anmeldungen in den letzten Jahren enorm angestiegen. Statistisch betrachtet kommen etwas mehr als die Hälfte der Studierenden wegen Studien- und Lernproblemen einschließlich Prüfungsangst zu uns, 43 Prozent wegen Beziehungs- und Kontaktproblemen, etwa 30 Prozent wegen depressiver Symptome, 20 Prozent schildern Selbstwertprobleme und 16 Prozent haben mit Ängsten wie beispielsweise Panikattacken zu kämpfen.

BZ: Was können Sie als Experte in einer Beratungsstelle dann leisten?
Griesser: Sie müssen sich vorstellen, dass die Studienzeit in die Phase der Spät- und Postadoleszenz fällt, eine Zeit voller Entwicklungsanforderungen und Umbruchsituationen, mit viel Potential, aber auch großer Krisenanfälligkeit. Eine Besonderheit im studentischen Leben ist dabei der hohe Stellenwert des Lernens, mit kognitiven Aufnahme- und Verarbeitungsprozessen, was leider sehr störanfällig ist. Probleme, die gar nichts mit dem Studium selbst zu tun haben müssen, wie zum Beispiel Krisen bei der Ablösung aus dem Elternhaus, können schnell die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit schwer einschränken und so auch die gescheitesten Studierenden in existentielle Studienkrisen manövrieren.

Unser Hauptansatzpunkt liegt darin, im Gespräch ein Verständnis dafür zu entwickeln, was für einen Sinn die jeweilige Problematik hat und warum sie gerade jetzt entsteht und was man tun kann. Es reichen oftmals wenige Gespräche, um den inneren und äußeren Spielraum wieder so zu erweitern, dass jemand das Gefühl hat, sein Leben wieder gut selbst in die Hand nehmen zu können, nachdem es einem davor irgendwie entglitten und voller Selbstzweifel, Zukunftsangst oder Lähmung war. Hier präventiv rasch Hilfe anzubieten verhindert auch, dass aktuelle Probleme sich zu psychischen oder psychosomatischen Krankheiten auswachsen können.

BZ: Wie läuft so eine Beratung bei Ihnen ab?
Griesser: Unser Angebot ist niederschwellig und unkompliziert. Die Hürde ist also viel niedriger als wenn man in einer psychotherapeutischen Praxis Hilfe sucht, und es gibt kaum Wartezeiten. Bei uns ist man kein kranker Patient, sondern ein Ratsuchender. Ein Gespräch bei uns dauert 45 Minuten, möglich sind bis zu vier kostenlose Gespräche. Zudem gibt es ein Seminarprogramm zum Erlernen von Arbeitstechniken. Wenn sich zeigt, dass jemand eine regelmäßige Therapie braucht, helfen wir bei der Suche nach einem Therapieplatz. Oft wird aber auch unser Angebot genutzt, sich bei Bedarf im Lauf der Monate oder Jahre wieder für Gespräche zu melden.

BZ: Gibt es da bewährte Methoden, nach denen Sie vorgehen?
Griesser: Wir haben ein in 50 Jahren weiterentwickeltes psychoanalytisches Beratungskonzept, das auch verhaltenstherapeutische Elemente einbezieht. Die Kunst ist, viel Erfahrung mit viel Offenheit zu verbinden und auch beim tausendsten Fall von Prüfungsangst nicht nach Schema F zu beraten. Und ich bin auch stolz darauf, dass wir es trotz des immensen Anstiegs der Anmeldungen geschafft haben, in den Gesprächen weiterhin miteinander nach den jeweiligen ganz individuellen Zusammenhängen und Lösungswegen suchen zu können.


BZ: Kommt eine bestimmte Klientel besonders oft zu Ihnen?
Griesser: Das ist breit gestreut, gewisse Schwerpunkte liegen am Studienbeginn und am Studienende. Meist geht es um akute Studien- beziehungsweise Lebenskrisen. Etwa zwei Drittel sind Frauen und ein Drittel Männer. Was aber nicht heißt, dass die Frauen kränker sind. Es fällt ihnen aber wohl meist leichter sich einzugestehen, Hilfe zu brauchen.

Oft kommen Studierende zu uns, die ziemlich erfolgreich sind und beispielsweise beim Studienabschluss schwere Arbeitsblockaden entwickeln. Oder Studierende, die nach dem Wegzug von zu Hause oder nach anderen Trennungen unerwartet wie in ein Loch fallen. Nicht so selten auch Freunde oder WG-Mitbewohner, die in großer Sorge sind wegen eines Kommilitonen und unseren Rat suchen.
Psychotherapeutische Beratungsstelle

Als der Psychoanalytiker Raimar Schilling die psychotherapeutische Beratungsstelle (PBS) 1968 gründete, war das Studierendenwerk Freiburg eines der ersten Studierendenwerke in Deutschland, das psychotherapeutische Beratung speziell für Studierende anbot. 50 Jahre später betreuen acht Therapeutinnen und Therapeuten in drei Vollzeitstellen die Studierenden in Freiburg. Zusätzlich bietet eine Honorarkraft Beratungen auf Chinesisch an. Die Nachfrage unter den Studierenden hat sich in den vergangenen 50 Jahren von 234 Studierenden im Jahr 1968 (von insgesamt rund 12 300 Studierenden in Freiburg) auf 861 Studierende im Jahr 2017 (von insgesamt 32 623) erhöht. Gestiegen ist auch der Anteil internationaler Studierender, die Kontakt zur PBS suchen, von 12 Prozent im Jahr 2008 auf mittlerweile mehr als 20 Prozent, so dass immer häufiger Beratungen in Englisch stattfinden. Aber auch Gespräche in Französisch, Chinesisch und Slowenisch sind möglich.

Über die Person

Jürgen Griesser ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytiker. Seit 1991 arbeitet er in der PBS des Studierendenwerks Freiburg, seit 2009 ist er ihr Leiter.

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