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25. Januar 2012

Baustelle Bildung

Was macht die Hebelschule in Schliengen so besonders?

Die Selbstlern-Pioniere: Die Schliengener Hebelschule ist den Weg zu einer neuen Lernkultur schon weit gegangen. In zwei Lernateliers arbeiten Schüler selbstständig in Mathe und Deutsch.

  1. Lernen am Computerterminal, am Pult oder im Besprechungszimmer? Im Lernatelier der Hebelschule in Schliengen haben Schüler die Wahl. Foto: Jutta Schütz

SCHLIENGEN. Individuelles Lernen, neues Lernen, das sind derzeit die Zauberworte der Schulpolitik. Die Hebelschule in Schliengen hat das bereits vor mehr als zwei Jahren eingeführt: Die Werkrealschule hat 2009 in Eigenregie ein Selbstlernzentrum eingerichtet – und wegen des Erfolgs im Herbst 2011 gleich ein zweites eingeweiht. Jetzt fühlt sich die Schule des 5000-Einwohner-Ortes im Markgräflerland gerüstet für den nächsten Schritt: Die Hebelschule ist eine der 34 Gemeinschaftsschulen, die im neuen Schuljahr starten.

Es könnte der Lesesaal einer Bibliothek sein. Der Raum hat diese eigentümliche Aura, die konzentriertes Arbeiten erzeugt. An hellgrauen Lesepulten vertiefen sich Lernende in Ordner und Bücher. Hier und da unterhalten sich zwei im Flüsterton, mal holt sich jemand bei der Aufsicht einen Rat ein oder druckt etwas aus dem Internet aus, dann verschwinden zwei im verglasten Besprechungszimmer.

Wie Schule wirkt das nicht. Schon gar nicht wie Unterricht einer siebten Klasse an einer Werkrealschule. Und doch ist es genau das. Die Schüler im Lernatelier widmen sich an diesem Freitagmorgen Deutsch und Mathe. Jeden Tag arbeiten sie hier selbstorganisiert zwei Stunden lang in diesen beiden Fächern – und das bereits im dritten Jahr.

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Ein Experiment, das die Schule im Jahr 2008 in Eigenregie in die Wege geleitet hat. Aus der Erkenntnis heraus, dass es so nicht weitergehen kann, auch bei einer Landschule wie der Hebelschule. "Wenn die Hälfte der Kraft darein fließt, die Klasse ruhig zu halten, fängt man an, nachzudenken", sagt Lehrerin Angelika Hake. Die Antwort war das Selbstlernzentrum.

Luisa klopft ungeduldig mit einem Filzstift auf ihre Handinnenfläche. Schon vor zwei Minuten hat sie den mit ihrem Namen beschrifteten Holzpfeil gedreht. Er ragt nun auf dem Regal neben ihr in die Höhe und signalisiert, dass sich Luisa Hilfe wünscht. Endlich nähert sich Christian Wein. "Ich blick’ nicht, wie ich das rechnen muss", sagt Luisa und pocht mit ihren grünlackierten Fingernägeln auf das Arbeitsblatt. Christian Wein lässt sich nicht lange bitten und erklärt ihr Schritt für Schritt die Lösung.

Wein ist einer von drei Lehrern, die sich an diesem Morgen um die 15 Schüler im Lernatelier kümmern. Die andere Hälfte der Klasse widmet sich gerade dem Fächerverbund Materie, Natur und Technik, später wird getauscht. Die freitägliche Aufteilung der Klasse – samt der großzügigen Versorgung mit Lehrern – wurde in diesem Schuljahr eingeführt, um eine weitere Neuerung zu ermöglichen: Coachinggespräche.

Im Laufe des Vormittags wird jeder Schüler von Angelika Hake zu einer kurzen Sitzung in die Coachingzone gebeten. Die 42-Jährige, die sich eigens zum Lerncoach fortgebildet hat, geht dort mit Luisa die Hausaufgaben durch. Das ist auch für Luisa Arbeit, denn permanent ist ihre Selbsteinschätzung gefragt. Wie bewertet sie die Beständigkeit ihrer Arbeit? In Deutsch kreuzt Luisa ein "immer" an, in Mathe gibt sie sich nur ein "manchmal". Sie seufzt. Mathe ist ein Problem. "Ich blick’s nicht so recht", gibt Luisa schließlich zu – und bekommt für Montag einen Termin, bei dem ihr die Berechnung von Rauminhalten nochmals erklärt wird.

In Deutsch gibt’s dagegen viel Lob für Luisa. Sie heftet noch ihre Sammlung loser Blätter ab, bevor sie den wöchentlichen Rückmeldebogen unterschreibt, der an die Eltern geht. "Es ist cooler, wenn man selber dabei ist", sagt Luisa über das Coaching. Die Vorzüge des Lernateliers beschreibt sie im Stile einer 13-Jährigen: "Besser, als die ganze Zeit den Lehrer anzuglotzen."

Dabei will niemand an der Hebelschule den Frontalunterricht verteufeln. Er soll eine Form unter vielen sein. "Es geht um Lernen an verschiedenen Orten, mit unterschiedlichen Lernformen", erklärt der Rektor der Schule, Andreas Schlageter. Zum Teil projektorientiert, etwa im schuleigenen Weinberg oder in der Werkstatt, dann im Klassenverbund, aber eben auch selbstorganisiert im Atelier.

Selbstständiges Lernen als Mittel gegen den Schülerschwund

Dass die Hebelschule eine der Pilotschulen für die neue Gemeinschaftsschule geworden ist, überrascht nicht. "Sie gehen genau den Weg, den Schule gehen soll", sagt Marianne Müller von der Abteilung Schule und Bildung im Regierungspräsidium Freiburg. Es sind mehrere Schritte, die sie in Schliengen umgesetzt sieht: neue Lernkultur, Kompetenzorientierung, individualisiertes Lernen und die Begleitung von Lernprozessen. "Der Unterricht muss so ausgerichtet sein, dass Schüler selbst Verantwortung für ihr Lernen übernehmen." Dann gewinne der Lehrer Zeit, ihre Fortschritte zu beobachten. "Das ist in Schliengen so." Dass sich die Schule vor drei Jahren auf diesen Weg gemacht hat, lag auch an einem existentiellen Problem: Der Bestand der Hebelschule war gefährdet. Nach langem Schrumpfen der Schülerzahlen war sie nur noch einzügig. Damit drohte der Hauptschule wegen der Einführung der Werkrealschule das Aus. "Wir haben uns überlegt, was wir konzeptuell verändern können, um den Status zu erreichen", erzählt Rektor Schlageter.

Mit Angelika Hake und Rainer Eisenkolb, den beiden Lerncoachs, sitzt er im Lernatelier. Die Nachmittagssonne fällt durch die Fensterfronten, gerahmte Poster zeigen Ansichten von London und New York. Von Existenzbedrohung ist nichts zu spüren – eher von Aufbruchstimmung. Die Schülerzahl ist auf 386 angestiegen, die Jahrgänge sind wieder zweizügig, das Kollegium wurde auf 41 Lehrer aufgestockt. Delegationen besuchen die Schule, um sich die neue Lernkultur an Ort und Stelle anzuschauen.

"Als wir angefangen haben, war das Lernen in Selbstlernzentren noch weitgehend unbekannt. Wir haben einfach losgelegt", sagt der Rektor. Einen Wegweiser fand die Schule im schweizerischen Beatenberg. Dort leitet der Pädagoge Andreas Müller eine Privatschule, deren Konzept des individuellen Lernens in Schliengen großen Anklang fand. "Es ist ein richtiger Paradigmenwechsel", sagt Schlageter. "Wir sind auf einem Weg, der grundlegend den bisherigen Unterricht umkrempelt und infrage stellt."

Die Bedingungen dafür waren in Schliengen günstig. Ein Rektor als treibende Kraft, ein Kollegium, das mitzog, und eine Gemeinde als Schulträger, die hinter dem Veränderungswunsch stand. Und mehr als das: Bürgermeister Werner Bundschuh betrieb die Entwicklung aktiv mit. Die Gemeinde steckte viel Geld in die Schule, in Computertafeln, sogenannte Smartboards, eine CAD-Fräse in der Werkstatt, zuletzt in den Ausbau der beiden Lernateliers, die jeweils rund 100 000 Euro gekostet haben. Ihre gehobene Ausstattung bringt die Selbstlern-Pioniere manchmal ein wenig in Erklärungsnot. Der Ansatz lasse sich auch, wie Schlageter betont, mit wesentlich weniger finanziellem Aufwand umsetzen.

Der Hauptaufwand für die Hebelschule lag und liegt auf anderem Gebiet: Es ist das Erstellen des Unterrichtsmaterials. Herkömmliche Schulbücher taugen zum individuellen Lernen nur bedingt, neue Materialien mussten her. Zwei Arbeitsgruppen an der Hebelschule entwickeln sie, mittlerweile unterstützt vom Schulamt Lörrach und anderen Schulen. So entstehen Kompetenzraster und Lernjobs. Ein buntes Raster zeigt die Kompetenzen, die ein Schüler im Laufe der Jahre – laut Bildungsplan – entwickeln soll. Etwa: "Ich kann strukturiert eigene Texte verfassen." Verschiedene Lernjobs – Aufgaben mit Erläuterungen – führen den Schüler dahin. Für jeden ausgeführten Lernjob gibt’s einen gelben Punkt, als Testat schließlich einen roten. "Die Kompetenzraster sind wie eine Landkarte für den Schüler, durch die er immer weiß, wo er sich befindet", sagt Schlageter.

Das Lehrer-Schüler-Verhältnis verändert sich – zum Besseren

Was die Einführung der Gemeinschaftsschule angeht, schaut Angelika Hake optimistisch in die Zukunft: "Wir haben viel vorgearbeitet und haben die Strukturen schon." Trotzdem warte noch viel Arbeit. Die künftigen Gemeinschaftsschulen treffen sich erstmals im Februar, die Schliengener hoffen auf einen Austausch von Gedanken und Lernmaterial.

Denn sind die Lernjobs einmal erstellt, schrumpft ein Teil klassischer Lehrerarbeit: Die Vorbereitung des Unterrichts brauche viel weniger Zeit, sagt Hake. Zeit, die woanders eingesetzt werden kann: "Man verbringt viel mehr Zeit an der Schule und vor allem am Kind." Die Lehrer müssten ihre Arbeit im Atelier anders definieren, meint Hake. Wochenpläne und Zielvereinbarungen, Feedback und Unterstützung zu geben, fordern sie auf eine neue Art und Weise. "Das Lehrer-Schüler-Verhältnis ist ein anderes", sagt Hake und lacht: "Sehr befriedigend!"

Autor: Katharina Meyer