Jubiläumssendung

10 Jahre Radio-"Tatort": Last Exit Hamm

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Fr, 12. Januar 2018 um 22:00 Uhr

Computer & Medien

Vor zehn Jahren wurde der erste Radio-"Tatort" gesendet. Zum Jubiläum gibt es eine XXL-Folge, bei der unterschiedlichste deutschen Idiome aufeinanderprallen.

Nach dem Vorbild des ARD-TV-"Tatorts" schlossen sich damals die Landessender für eine Krimiserie im Hörfunk zusammen. Und nun sind die regionalen Ermittlerteams zwischen Bremen und Bayern tatsächlich schon eine Dekade lang zugange. Grund genug, das Jubiläum mit einer besonderen Produktion zu feiern.

Der ab heute gesendete Radio-"Tatort" hat mit 150 Minuten XXL-Format – üblicherweise dauern die Folgen 50 Minuten (auch diese gibt es in einer Kurzversion). Allerdings sind in die von Dirk Schmidt erdachte Folge "Paradise City" auch sämtliche Teams eingebunden, um den Kollegen in Hamm Amtshilfe zu leisten.

Die haben das offenbar bitter nötig. Denn die Task Force, die von der westfälischen Stadt aus operiert, ist eine Loser-Truppe: ein Auffangbecken für Kollegen, die sonst keine Einsatzchance mehr hätten. Die Stuttgarter Ermittlerin Nina Brändle weiß, wovon sie spricht: Einen Chaoshaufen hat sie auf der letzten Fortbildung kennengelernt. In der Tat: In Hamm ermitteln ein Pensionär (Hans-Peter Hallwachs), ein Zocker, ein Alki und der Bruder eines wegen zweifachen Mordes im Hochsicherheitstrakt eines bayerischen Gefängnisses einsitzenden Ex-Polizisten. Georg und Mike Latotzke (Sönke und Wotan Wilke Möhring) stehen im Mittelpunkt von "Paradise City": Damit ist ganz gewiss nicht Hamm gemeint. Mike ist im letzten Aids-Stadium aus der Anstalt ausgebrochen, sein Bruder zufällig wegen seines neuen Schlittens in Bayern unterwegs – und beide versuchen gemeinsam, zurück nach Hamm zu kommen.

Was beim Hören am meisten Spaß macht, ist das Aufeinandertreffen der regionalen Idiome. Die Möhring-Brüder haben den Ruhrpott-Sound großartig drauf: Es ist, wie der Westfale sagen würde, (das muss jetzt mal sein in Baden), zum Beömmeln. Und wenn dieser Ruhrpöttler nach Bayern einfällt, gibt es naturgemäß einige Verständigungsprobleme: Eine Frikadelle ist da ein Fleischpflanzerl, ein Brötchen eine Semmel. Was wäre Deutschland ohne seine dialektale Vielfalt? Man kann den Radio-"Tatort" nur dafür rühmen, dass er dieser – naturgemäß in einer zivilisiert allgemeinverständlichen Form – Raum gibt.

Für die nächsten zehn Jahre wünscht man sich vor allem eins: keine Verwässerung hin zu einem langweiligen Standard-Hochdeutsch. Hier kann das akustische Medium seine Stärken voll ausspielen. Wie herrlich ist es, wenn Georg Latotzke mit seiner thailändischen Ehefrau telefoniert. Oder wenn sein als intellektueller Überflieger tief gestürzter Bruder Mike auf seine Art über Dostojewski und Raymond Chandler philosophiert. Hömma, würde der Westfale sagen, hör mal diesen Radio-"Tatort".

Das Hörspiel steht ab 17.1., 21 Uhr, zum Download unter: http://www.radio-tatort.ard.de Sendung auf SWR 2 am 13. 1., 20.03 Uhr.