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30. Juni 2012

Stärkstes Bild der EM

Balotelli: Seine eigene Heldenstatue

  1. In Pose geworfen: der Italiener Mario Balotelli Foto: dapd

Jedes sportliche Großereignis produziert Bilder. Und manche davon gehen ins kollektive Gedächtnis ein. Zum Beispiel der regennasse Fritz Walter von 1954 mit dem WM-Pokal auf den Schultern deutscher Zuschauer. Oder der böse triumphierende Muhammad Ali von 1965, der dem am Boden liegenden Sonny Liston die Zähne zeigt.

Ob es Mario Balotelli in diese Galerie schafft, muss sich erst zeigen. Aber zumindest hat der Italiener für das bislang stärkste Bild der Fußball-EM gesorgt, als er sich nach seinem 2:0 gegen Deutschland das Trikot vom Leib zog und in Heldenpose hinstellte.

Ein starkes Bild ist eines, das viele Assoziationen auslöst. Wie hier: Wir sehen einen Helden, der zu seiner eigenen, unbeweglichen Statue geworden ist, ein Muskelpaket, das auch ein Bodybuilder oder ein antiker Gladiator sein könnte, einen Schwarzen, der die Weißen das Fürchten lehrt, einen Irokesenträger, der sich selbst zum Außenseiter stilisiert, einen Stammesangehörigen, der mit magischen Streifen auf dem Rücken beklebt ist, einen animalischen Menschen, der sich nicht immer an die Regeln des zivilisierten Sports hält. Bedrohungsfantasien und noch tiefer im Halbbewussten des Betrachters liegende Dinge brechen sich bei diesem Anblick Bahn.

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Aber nur, weil man auch – zweite Bedingung für die Stärke eines Bildes – die Geschichte dazu kennt: Mario Balotteli, der als Kind ghanaischer Flüchtlinge dank italienischen Pflegeeltern auf den Erfolgsweg fand, Balotelli, der in der englischen Liga Gegenspieler gegen den Kopf tritt und auch wegen anderer Unbeherrschtheiten vom Platz fliegt, Balotelli, der im Halbfinale von keinem Deutschen zu stoppen war.

Gegenüber dem Balotelli-Bild verblasst auch der andere selbststilisierte Held der EM, der sich vor dem Freistoß wie John Wayne posierende Ronaldo. Vielleicht aber wird das Balotelli-Bild auch schnell wieder vergessen: Wenn Italien das Finale Sonntag verliert, ist der Held keiner mehr.

Autor: Thomas Steiner


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