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13. Dezember 2011
Staufen
BZ-Chefredakteur Thomas Hauser über die Zukunft der Regionalzeitungen im Zeitalter der neuen Medien
Die Lage ist ernst aber nicht hoffnungslos. Auf diesen Nenner lässt sich die Botschaft bringen, die Thomas Hauser am vergangenen Donnerstag in das Staufener Stubenhaus mitbrachte.
STAUFEN. Der Chefredakteur der Badischen Zeitung sprach im Rahmen der Wirtschaftsgespräche Bad Krozingen-Staufen über die Zukunft der Regionalzeitungen vor dem Hintergrund von Zeitungskrise und Medienboom. Hauser stellte klar: Auch wenn das Internet die Illusion von kostenlos verfügbarer Information nährt – guter Journalismus ist nicht umsonst zu haben.
Es ist noch gar nicht so lange her, da ließ sich mit der Herausgabe einer Tageszeitung in Deutschland, wenn schon nicht einfach, so doch ziemlich sicher Geld verdienen. Dass diese Zeiten – womöglich unwiederbringlich – vorbei sind, zeichnete sich erst mit dem Beginn des neuen Jahrtausends ab. Der Absturz war brutal: Erlebten die deutschen Zeitungen 2000 noch das beste Jahr ihrer Geschichte, so folgte spätestens 2002 ein Einbruch, der sich laut Hauser bereits 2001 mit dem Platzen der sogenannten Dotcom-Blase ankündigte. Innerhalb eines Jahres verloren die Zeitungen fast ein Drittel ihrer Anzeigen-Einnahmen. Und auch die Badische Zeitung geriet kräftig in den Strudel. "Nötig war eine rasche und radikale Kurskorrektur", berichtet Hauser – fast jede sechste Stelle wurde damals eingespart.Werbung
Für ihn hatte die Krise auch eine persönliche Dimension – Anfang 2002 übernahm Thomas Hauser die Leitung der BZ-Redaktion und neben dem bei Journalisten üblichen Stift für Notizen musste der neue Chefredakteur auch gleich den Rotstift in die Hand nehmen. Der blieb zum Glück nicht all’ die Jahre danach so scharf gespitzt wie im "Seuchenjahr" 2002, ganz aus der Hand legen konnten ihn Verleger und verantwortliche Redakteure – übrigens nicht nur in Deutschland, sondern vermutlich in den meisten westlichen Ländern – seither nicht mehr. 2009, im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise, fielen die Zeitungen "einen weiteren Schritt die Treppe hinunter", so Hauser.
Mehr noch als die konjunkturellen Verwerfungen aber macht der – zeitlich nahezu parallel verlaufende – Strukturwandel der klassischen Tageszeitung zu schaffen. Das Internet, erklärt Thomas Hauser, verändert grundlegend die Form der Kommunikation. Im Zeitalter der klassischen Massenmedien sprachen wenige zu vielen, nun können alle mit allen kommunizieren. Das bietet neue Chancen – Hauser nannte als Beispiel die jüngsten Demokratiebewegungen im Nahen Osten, die stark soziale Netzwerke genutzt haben – schafft aber auch eine große Unübersichtlichkeit und verstärkt den Wunsch nach verlässlichen Informationen, die nicht nur als schwer verdauliche Einzelhappen daher kommen, sondern sich in ein größeres Ganzes einordnen lassen. Darin sieht Hauser die Legitimation der Zeitung für die Zukunft: "Hier begründet sich für mich Journalismus im Internetzeitalter. Unsere Aufgabe muss es sein, das Wichtige herauszufiltern, zu analysieren und einzuordnen." Die Zeitung müsse, davon ist der BZ-Chefredakteur überzeugt, "ob gedruckt oder online, ein integratives Angebot sein in einer Gesellschaft, die immer stärker in Interessengruppen zerfällt." Dies gelte umso mehr für eine regionale Tageszeitung wie die BZ, die den Menschen nahe bringt, was vor ihrer Haustür passiert, aber auch "durch die südbadische Brille" die Welt betrachtet.
Fakt aber ist: "Die Entwicklung der neuen Medien zwingt Zeitungs- und Rundfunkjournalisten dazu, sich neu zu legitimieren, sie untergräbt das klassische Geschäftsmodell der Verlage und sie entzieht der Medienverfassung dieser Republik ihre Grundlage. Befriedigende und nachhaltig tragfähige Antworten", gibt Thomas Hauser zu, "haben wir bislang zu keiner der drei Herausforderungen gefunden."
Eine besondere Eigenheit des weltweiten Netzes ist es, dass "die klassischen Medien zu einem verschwimmen", erklärt Hauser. Darauf hat sich längst auch eine regionale Tageszeitung wie die BZ einstellen müssen. Eigentlich als Printjournalisten ausgebildete Redakteure texten heutzutage nicht nur für den Online-Auftritt, sie erstellen auch Fotogalerien, drehen Videoclips, nehmen Podcasts auf und moderieren die Beiträge einer zunehmend aktiven, wenn auch nicht immer ganz pflegeleichten Community. Zudem gibt es nun nicht mehr nur einen Redaktionsschluss pro Tag – dank Internet sind auch Zeitungsjournalisten quasi ständig auf Sendung. Und das Netz will regelmäßig gefüttert werden.
Die glänzende Seite dieser Medaille: Eine Regionalzeitung wie die BZ mit einem stark wachsenden Online-Auftritt hatte vermutlich noch nie so viele Leser wie heute. Das gelte, berichtet Hauser, übrigens auch für das Print-Produkt. "Trotz einer leicht sinkenden Auflage hat die BZ heute mehr Leser als 2000. 480 000 zählte die jüngste Media-Analyse bundesweit." Und diese Zahlen, wie gesagt, gelten nur für die gedruckte BZ.
Die andere Seite der schönen neuen Online-Welt: "Selbst wenn man die Zuarbeit der Print-Redaktion nicht bewertet, ist unser Online-Angebot bis heute nicht kostendeckend." Auch wenn sich der Badische Verlag langsam an die Nulllinie heran robbe, so Hauser, "Print subventioniert immer noch Online und hält damit die fatale Illusion am Leben, dass Informationen im Internet kostenlos seien."
Dabei sieht der BZ-Chefredakteur den deutschen Qualitätsjournalismus am Scheideweg angekommen. Der laufe nämlich Gefahr, sich tot zu sparen. Viele Verleger, meint Hauser, huldigten nach wie vor der Logik der Warenindustrie, wonach man mit immer weniger Leuten immer mehr, bessere und preisgünstigere Produkte machen könne. "Doch eine Zeitung ist kein Waschpulver."
Hat eine Tageszeitung mit hohem qualitativem Anspruch noch Zukunft? Thomas Hauser bleibt zuversichtlich. Der Medienkonsum steige – seit 2000 um fast zwei Stunden auf rund zehn Stunden täglich. Der Kuchen wird also größer und das Stück, das die gedruckten Tageszeitungen davon beanspruchen, ist immer noch bedeutend. Solange man wahrgenommen werde und ein ausreichendes Auskommen habe, meint Hauser, könne es Journalisten eigentlich egal sein, über welches Medium ihre Arbeit vertrieben wird. "Doch wer wie ich mit der gedruckten Zeitung aufgewachsen ist, für den gehört sie zum Leben. Und von dieser Sorte Mensch gibt es zum Glück immer noch viele."
Autor: Alexander Huber


