Die Stadt ist der Star

Peter Disch

Von Peter Disch

Fr, 13. Oktober 2017

Computer & Medien

Der von ARD und Sky produzierte Mehrteiler "Babylon Berlin" ist tatsächlich das Fernsehereignis, das vorab versprochen wurde.

Fünf Jahre Arbeit. 38 Millionen Euro Budget. 180 Drehtage für 16 Folgen. Hunderte Komparsen, ein bis in die Nebenrollen prominent besetztes Ensemble mit Matthias Brandt, Fritzi Haberlandt, Lars Eidinger, und Udo Samel, geführt von Regisseur Tom Tykwer, der in Hollywood groß zu denken gelernt hat: Die Serie "Babylon Berlin", die ab heute immer freitags auf Sky und 2018 in der ARD läuft, ist eines der größten Wagnisse der deutschen Fernsehgeschichte – das sich, den ersten vier Folgen nach zu urteilen, gelohnt hat.

Ein Sittengemälde des Berlin der späten Zwanziger, basierend auf einem erfolgreichen Roman – da war doch mal was. 1980 zeigte die ARD Rainer Werner Fassbinders Adaption von Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz". 13 Millionen Mark kosteten die 14 Folgen. Mit der umstrittenen Literaturverfilmung teilt "Babylon Berlin" das Risiko, ein besonders teurer Flop zu werden, dazu natürlich den Schauplatz nebst Kolorit: harter Schanker und harte Zeiten. Mord und Totschlag, Nutten und zwielichtige Gestalten zwischen schwindsüchtigen Mietskasernen und den Lichtern der Großstadt.

Aber natürlich ist Volker Kutschers Bestseller "Der nasse Fisch", die Vorlage für "Babylon Berlin", ein Krimi und kein sprachlich radikales, expressionistisches Stück Weltliteratur wie Döblins Roman. Tykwers Auftrag war nicht Arthaus und Tiefenpsychologie, sondern BlockbusterFernsehen, Unterhaltung, Spannung. Das allerdings auf einem filmischen, darstellerischen und erzählerischen Level, wie es in Deutschland nur selten erreicht wird.

Glücksfälle wie "Das Boot", bei denen Qualität und Quoten stimmten, nennen die Macher als Referenz, grenzen sich zudem von der Knalleffektästhetik vieler US-Serien ab: "Wir fühlen uns ‘Heimat 1’ von Edgar Reitz näher als ‘Westworld’", sagt Henk Handloegten, der mit Tyker und Achim von Borries "Babylon Berlin" geschrieben und inszeniert hat. Gegen Vergleiche mit amerikanischen Produktionen wie "The Wire" oder "Mad Men", die vielschichtige Charaktere, langfristig angelegte Plots und den Geist der Zeit in komplexen Panoramen präsentieren, hätte aber keiner etwas einzuwenden.

"Babylon Berlin", beginnt damit, dass der Kölner Kommissar Gereon Rath 1929 nach Berlin zur Sitte abgeordnet wird, um eine unappetitliche Affäre aus der Welt schaffen – und zwar möglichst geräuschlos und diskret. Der Auftrag ist nicht das einzige Geheimnis, das Rath mit sich herumträgt, und um jeden Preis für sich behalten muss. Das geht auch anderen Protagonisten so. Kommissar Bruno Wolter, der Rath zur Seite gestellt wird, die nachtaktive Schreibkraft Liv Lisa Fries, das Musikerpaar Kardakow und Nikoros – alle haben eine heimliche Agenda, für die sie viel aufs Spiel setzen. Ihre persönliche Unabhängigkeit, Integrität und Freiheit, mitunter auch das eigene Leben.

Volker Bruch porträtiert Rath als fragilen, unsicheren Getriebenen. Peter Kurth legt Raths Berliner Kompagnon Bruno Walter als kühlen Strategen an, das Auftreten als stiernackige Berliner Type eine ganz bewusst eingesetzte Tarnung. Und Charlotte Ritter ist als Liv Lisa Fries das Gesicht einer lebenshungrigen Generation. Um sie gruppieren sich die anderen Charaktere. Ihre Wege sind kunstvoll ineinander verschlungen, ihre Motive unklar und eine Quelle stetiger Rätsel. Wer verstrickt wen in seine Machenschaften? Wer bleibt Strippenzieher? Wer wird Marionette im Spiel der Heimlichkeiten, Intrigen und Skrupellosigkeit? Wer weiß noch, was richtig ist? Wem ist alles egal?

So weit. So spannend. Aber auch schon mal dagewesen. Trotzdem ist die Serie das versprochene Ereignis. Und das liegt am Hauptdarsteller: Berlin. Die Stadt ist der Star und mit ihr einer ihrer größten Mythen: die 20er Jahre. Wie beides in Szene gesetzt wird, mit der nötigen erzählerischen Freiheit gegenüber den historischen Fakten, ohne dass das wirklich auffällt, das hat Klasse. Die Möglichkeiten, die Budget und Technik bieten, reizen die drei Regisseure voll aus – zum Beispiel in Szenen, die auf dem Alexanderplatz entstanden und in die Vergangenheit animiert wurden. Oder wie die Massen im Vergnügungspalast unmerklich choreographiert zu einem surrealen Chanson tanzen – das ist in seiner Opulenz atemberaubend. "Babylon Berlin" feiert die Macht der Bilder – ein detailversessener und doch nostalgiefreier Ausstattertraum, der nicht nach Filmpark Babelsberg aussieht, obwohl dort ganze Straßen für den Dreh nachgebaut wurden.

Von Ballhaus bis zum Polizeipräsidenten Karl Zörgiebel, von Hitler-Putsch bis Weltbühne-Prozess reicht das neunseitige Serien-Glossar historischer Schauplätze, Ereignisse und Figuren des babylonischen Berlins zwischen Weimarer Republik und Machtergreifung. Klar sind Rath und Ritter nur Rädchen im Getriebe einer entfesselten Stadt und Zeit, öffnen seine Ermittlungen und ihre Hatz nach dem täglichen Brot die Tür zu einer Welt am Rande des Abgrunds. Exilrussen wollen Lenin stürzen. Ausländische Agenten meucheln, wie sie gerade lustig sind. Und die Polizei? Während ihr Chef sich als Hüter der Demokratie sieht, jagen seine Leute die Proletarier wie Hasen durch die Straßen. Früh übt sich – die Zeiten könnten sich schneller ändern, als mancher denkt.

Am Ende lassen sich mit ein bisschen gutem Willen sogar Parallelen zwischen "Babylon Berlin" und der deutschen Gegenwart ziehen. Diese Aktualität ist den Produzenten ein Stück weit in den Schoss gefallen. Dass "Babylon Berlin" als Serie hält, was zuvor versprochen wurde, ist dagegen kein Zufall, sondern Ergebnis großartiger Arbeit.