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18. März 2017

Eine Welle der Gegenrede

Die Facebook-Gruppe #ichbinhier sucht nach Hassbotschaften im Internet und mischt in den Kommentarspalten mit.

  1. Steht für den Einsatz gegen Hetze im Netz: das Logo der Facebook-Gruppe „#ichbinhier“ Foto: Privat

1. März 2017, auf der Internetseite des Nachrichtensenders N 24 steht ein Artikel mit der Überschrift: "Ungarn behandelt uns Flüchtlinge wie Tiere". Der Pakistaner Shahid Kahn berichtet, ungarische Grenzkontrolleure hätten Hunde auf ihn gehetzt und ihn geschlagen. Unter dem Artikel empörte Kommentare. Wie der von Dohnt O.: "Ja und dann geh doch nach hause und lass’ dich dort besser behandeln." Ein anderer von Hans-Dieter S.: "Gott sei Dank bleibt der unserem Land fern." Dann aber antwortet ein Erik K.: "Na, Sie und die meisten anderen hier machen sich das ja leicht. Seien Sie doch froh, dass Ihre Lage wirtschaftlich und politisch stabil ist. (...) Mir macht das sogenannte Flüchtlingsproblem weitaus weniger Sorgen als die zunehmende menschliche Kälte in diesem Land."

Hetze- und Hassbotschaften sind im Netz weitverbreitet. Befindet sich der Bürger im anonymen Bereich des Internets, sind Anstand und Vernunft verloren. Doch das Netz kann auch anders. Es bilden sich Gegenpole wie das Facebook-Netzwerk "Schmalbart", das als Antwort auf das rechtspopulistische US-News-Network "Breitbart" ins Leben gerufen wurde. Schmalbart möchte die Demokratie mit sachlichen Debatten, Online-Projekten und Veranstaltungen verteidigen. Auch der Verein "Mimikama", der bei Facebook über 145 100 Likes hat, entlarvt Falschmeldungen in sozialen Netzwerken und stellt verdrehte Fakten richtig. Erik K., der auf der Seite von N 24 für den pakistanischen Flüchtling eintrat, wiederum gehört zu der im Dezember 2016 gegründeten Facebook-Gruppe "#ichbinhier", der deutschen Version der schwedischen Gruppe #jagärhär.

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Initiator dieser Gruppe war der 43-jährige Hannes Ley, selbstständiger Berater für digitales Management aus Hamburg. Nachrichten liest er vorzugsweise online – und hatte irgendwann genug von den hasserfüllten Kommentaren unter den Artikeln. "Ich hatte Besuch aus Schweden, der mir von dem erfolgversprechenden Gruppenkonzept der Counter Speech erzählte. Daraufhin gründete ich die deutsche Version", sagt Ley. Counter Speech, also Gegenrede, soll der Hate Speech, der Hassrede, im Netz etwas entgegensetzen. Ley arbeitet mindestens fünf Stunden am Tag als Administrator der Seite.

Seit der Gründung hat #ichbinhier regen Zulauf und verbucht bereits mehr als 26 000 Mitglieder. Auf der Gruppenseite werden sogenannte Aktionen angestoßen. Es wird auf Online-Artikel hingewiesen, unter denen in der Regel bereits Hassbotschaften gepostet wurden. Die Gruppenmitglieder sind nun aufgefordert, diese Seiten zu besuchen und auch zu kommentieren. Dabei sind sie unterschiedlich viel aktiv.

Rassistische Kommentare werden sofort gemeldet
"Gut ist es, wenn die Teilnehmer dabei den Hashtag #ichbinhier vor ihren Kommentar setzen, dann sprechen sie nicht mehr als Einzelperson, sondern im Namen der Gruppe", sagt Ley. Außerdem können so die anderen Gruppenmitglieder die Aussagen mit "Gefällt mir" markieren und sich auch selbst zu äußern. Ziel sei es, so Ley, die Hassbotschaften mit einer Welle der Gegenrede zu überfluten. Dann folgt auf einen Hasskommentar nicht nur eine Gegenstimme, sondern gleich 50. Aber nicht nur darum geht es. Es soll ein Diskurs auf der Grundlage vernünftiger Argumente entstehen, sagt Ley.

Die #ichbinhier-Nutzer melden auch rassistische und beleidigende Kommentare den Seiten, auf denen sie erschienen sind. Was dann des öfteren passiert, zeigt ein Beispiel: Am 13. März war auf der Online-Seite von Bild ein Artikel zu lesen mit der Überschrift: "Kehle durchgeschnitten! Mädchen (15) tot in Düsseldorf gefunden". Gleich darunter kommentierte Karl R. von #ichbinhier: "Und mir gehen diese unsäglichen Spekulationen, die sofort wieder in Kraut schießen, auf die Nerven." Die Spekulationen, die vor seinem Kommentar angestellt worden waren, waren der Bild-Zeitung wohl zu rassistisch, diskriminierend oder beleidigend gewesen – sie waren auf der Seite nicht mehr zu finden.

Manchmal haben die Mitglieder von #ichbinhier aber auch die Nase voll von Hass und Hetze. Dann sprechen sie lieber miteinander über alltägliche Dinge wie Katzenvideos und die Musik von Deichkind. Wie Nutzer Jan Schlößer im Chat sagt: "Der Gedanke hinter der Gruppe ist, auch mal andere Themen aufzugreifen."

Für manche Mitglieder ist ein wenig Ablenkung wichtig: "Manche Schreiber fühlen sich regelrecht berufen und sind jeden Tag aktiv", sagt Ley. Das kann auch zur Erschöpfung führen, wie der Kommentar von Mitglied Natassja Rose-Hallgrimson zeigt: "Ich glaub ich brauch auch mal ne Pause. Das ist schon sehr Kräfte zehrend manchmal, aber irgendwie macht es auch süchtig."

Autor: Christiane Ignaczak