Flüchtlingskrise – umgekehrt

Martin Weber

Von Martin Weber

Mi, 14. Februar 2018

Computer & Medien

Im ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse" suchen in naher Zukunft Europäer Asyl in Afrika.

Das überladene Schlauchboot voller erschöpfter Menschen schaukelt auf den Wellen und droht zu kentern. Ein aus den Fernsehnachrichten allzu vertrautes Bild konfrontiert den Zuschauer auch im TV-Drama "Aufbruch ins Ungewisse" mit dem Elend der Flüchtlingskrise. Und doch ist hier alles anders, denn die verzweifelten Menschen mit ihren orangefarbenen Schwimmwesten auf dem Schlauchboot sind keine Afrikaner, sondern Deutsche und andere Europäer, die vor der Küste Namibias um ihr Leben kämpfen. Der packende Fernsehfilm kehrt die Verhältnisse einfach um und stellt eine interessante Frage: Was wäre, wenn Europäer vor unzumutbaren politischen Verhältnissen nach Afrika fliehen müssten?

Das in einer nahen und erschreckenden Zukunft spielende TV-Drama soll der zuständigen ARD-Redaktion zufolge "die anonymen Schicksale von Menschen anderer Sprache und Hautfarbe erfahrbarer machen, indem man den Blickwinkel umkehrt". Das gelingt dem Film vielleicht nicht durchgängig, aber doch über weite Strecken. Im Mittelpunkt des von Regisseur Kai Wessel mit starken Bildern inszenierten TV-Dramas steht eine Familie, die Hals über Kopf aus Deutschland fliehen muss, denn dort regiert ein faschistisches Regime, das gegenüber Andersdenkenden keine Gnade walten lässt.

Um der drohenden Verhaftung zu entgehen, packen der Anwalt Jan Schneider (Fabian Busch), seine Frau Sarah (Maria Simon) und ihre beiden Kinder mitten in der Nacht ihre Koffer. Sie wollen nach Südafrika, werden gemeinsam mit anderen erschöpften und völlig zerlumpten Flüchtlingen von skrupellosen Schleppern jedoch in Schlauchbooten vor der Küste Namibias ausgesetzt. Als das Boot kentert, geht der kleine Sohn der Schneiders verloren, die entsetzten Eltern erreichen mit ihrer halbwüchsigen Tochter das rettende Land. Wieder geraten sie in die Fänge von geldgierigen Schleppern, schaffen es aber unter lebensgefährlichen Umständen in ein südafrikanisches Camp, wo sie von der Desinfektion bis zur Registrierung alle Mechanismen des Flüchtlingsdaseins durchlaufen und darauf warten, zum Asylverfahren zugelassen zu werden.

Produzentin Kirsten Hager hatte die Idee zum Film bereits 2014, gedreht wurde das TV-Drama im vergangenen Jahr in Kapstadt und Umgebung. Es sei ihr darum gegangen, eine emotionale Identifikation mit Flüchtlingen zu bewirken, erklärt die Fernsehmacherin: "Damit standen wir vor der Frage: Wie schaffen wir es, dass die Leute überhaupt zuschauen bei all den vielen Nachrichten zu diesem Thema? So entstand die provokante Idee, ein Boot mit Europäern auf die afrikanische Küste zusteuern zu lassen", erläutert die Produzentin die Umkehrung der Perspektive, die "Aufbruch ins Ungewisse" zu einem besonderen Film macht.

"Aufbruch ins Ungewisse", Mittwoch, 14. Februar, 20.15 Uhr, ARD.