Information als Geschäftsmodell

Tilmann P. Gangloff

Von Tilmann P. Gangloff (epd)

Di, 04. April 2017

Computer & Medien

Am 7. April vor 20 Jahren ging der Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix, ein Projekt von ARD und ZDF, auf Sendung.

Die Zuschauer sollten Gelegenheit haben, sich "das ganze Bild" zu machen: So lautete von Anfang an das Credo des Ereignis- und Dokumentationskanals Phoenix. Vor 20 Jahren, am 7. April 1997, startete der Sender, wie Arte und der Kinderkanal ein gemeinsames Projekt von ARD und ZDF.

Er war ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den kommerziellen Nachrichtenkanälen n-tv oder N 24 gedacht. Sein Vorbild war das US-amerikanische Parlamentsfernsehen, das der damalige WDR-Intendant Fritz Pleitgen als US-Korrespondent schätzen gelernt hatte. Pleitgen war der Meinung, auch Deutschland brauche einen Sender, der live aus den Parlamenten, Gerichten und von politischen Veranstaltungen berichtet. Seither hat sich der Programmauftrag nicht geändert: "Phoenix überträgt direkt oder zeitversetzt Ereignisse und Veranstaltungen aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft, ergänzt um Dokumentationen, Reportage, Features und Gesprächssendungen" – so wird der Sender im Internetangebot der ARD beschrieben. Gegründet in Köln, sendet Phoenix heute aus Bonn.

2016 hat der Spartenkanal mehr als 300 Stunden aus dem Bundestag übertragen. Großes Zuschauerinteresse erzielte die Regierungserklärung von Angela Merkel zum Referendum in Großbritannien. Der Brexit sorgte mit 5,7 Prozent für die größten Marktanteile des Senders, der im Schnitt 1,1 Prozent der Zuschauer erreicht. Neben dem Brexit galten die ausführlichsten Berichterstattungen der Präsidentschaftswahl in den USA und der Flüchtlingskrise.

Abgesehen von Live-Übertragungen und Nachrichtensendungen wie "Tagesschau" und "Heute Journal" mit Gebärdendolmetschern bestreitet Phoenix einen Großteil seines Programms mit Wiederholungen. Auch deshalb gibt es immer wieder Forderungen, ARD und ZDF sollten einen Nachrichtensender im Stil des US-amerikanischen CNN gründen.

Ulrich Deppendorf, bis zu seiner Pensionierung vor zwei Jahren Leiter des ARD-Hauptstadtstudios, fordert das schon lange. Er hält Phoenix zwar nach wie vor für eine der "besten Erfindungen" von ARD und ZDF. Aber er wundert sich, dass ein derart großer Fernsehmarkt wie Deutschland immer noch keinen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal hat: "Gerade in einer komplexen Welt wie der heutigen ist die Information nicht nur das größte Gut, sondern auch eine zentrale Zukunfts- und Überlebensfrage für den Bestand des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland." Der Stuttgarter Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Schweiger sieht die mögliche Einführung eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanals differenziert. Er ist Experte für den Medienwandel und hat sich in seinem kürzlich erschienenen Buch "Der (des)informierte Bürger im Netz" mit der Frage beschäftigt, wie soziale Medien die Meinungsbildung verändern. "Seit vielen Jahren interessieren sich bestimmte Bevölkerungsgruppen nur wenig für Politik und nutzen klassische Nachrichtenmedien kaum", sagt er. Ihre Mediennutzung gleiche einem Unterhaltungsslalom. Schweiger: "Die Schaffung eines neuen ,Informationsgettos’ keine Lösung."

Auch der Marburger Medienwissenschaftler Gerd Hallenberger steht der Idee eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanals kritisch gegenüber: "Tagesschau" und "heute" seien für das Senderprofil von ARD und ZDF viel zu wichtig. Mit einem gemeinsamen Nachrichtenkanal würden beide ihr spezifisches Profil verwischen. ZDF-Unternehmenssprecher Alexander Stock erklärt, dass das Zweite schon jetzt "Nachrichten und Hintergrundinformationen fast rund um die Uhr" sende, " nicht nur bei besonderen Ereignissen". Und Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, beantwortet die Frage nach einem deutschen CNN mit dem Hinweis, die ARD habe ein solches Angebot mit Tagesschau 24 längst. Schließlich sende der Informationskanal den ganzen Tag über Nachrichten.