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21. Oktober 2017 00:00 Uhr

Fernsehprogramm

Krimis bescheren den TV-Sendern Traumquoten

Allein ARD und ZDF haben mehr als 100 Serien und Reihen im Angebot, in denen es um Mord und Totschlag geht. Doch warum lieben so viele Zuschauer Fernsehkrimis?

  1. Ohne Krimi geht’s nicht: Hier eine Szene aus dem „Bozen-Krimi“ in der ARD Foto: ARD/Degeto/dpa

Mord ist ihr Hobby: Unzählige Fernsehzuschauer lieben Krimis, die Einschaltquoten für kriminelle Machenschaften in Filmen und Serien sind hoch. Kein Wunder, dass die Sender die Nachfrage nach Mord und Totschlag mit immer mehr TV-Krimis befriedigen, allein ARD und ZDF haben derzeit mehr als 100 einschlägige Serien und Reihen im Angebot – vom Quotenrenner "Tatort" und den gemütlichen "Rentnercops" im Ersten bis zu "Kommissarin Heller" oder "Unter anderen Umständen" im Zweiten. Dass für andere Genres und Formate wie Komödien, Familienserien, Dokumentationen oder Filme ohne Bezug auf Gewalt und Verbrechen immer weniger Platz ist, scheint vielen Fernsehverantwortlichen herzlich egal zu sein – so lange die Quote für die Gaunerjagd stimmt, gibt es kein Entkommen vor der alles mit sich reißenden Krimiflut. "Es wird im Großen und Ganzen nur noch das gemacht, was einigermaßen narrensicher funktioniert – und das sind in der Regel eben Krimis", erzählt ein frustrierter ARD-Redakteur.

Kaum ein Tag in einer ganz normalen Fernsehwoche, an dem der Krimi das Programm zur Hauptsendezeit um 20.15 Uhr nicht in seinem eisernen Griff hat. Freitags und samstags laufen ZDF-Krimis wie "Ein Fall für zwei", "Der Alte", "Wilsberg", "Ein starkes Team" oder "Helen Dorn", sonntags die ARD-Klassiker "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auch am Montag und Mittwoch zeigen ARD und ZDF zur besten Sendezeit häufig Krimis, dazu kommt der "Donnerstags-Krimi" im Ersten – vor den Fernsehmördern gibt es kein Entkommen.

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Das gilt natürlich auch für den Vorabend, wo im Ersten Serien wie "Morden im Norden" oder "Hubert & Staller" zu sehen sind, während im Zweiten eine der zahlreichen "Soko"-Varianten läuft, die "Rosenheim-Cops" ermitteln oder der "Notruf Hafenkante" angewählt wird. Schuldig im Sinne der Anklage sind zwar in erster Linie die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF, doch auch Privatsender wie Sat 1 und RTL sorgen mit amerikanischen Serien wie "Navy CIS", "Criminal Minds" oder "Bones" dafür, dass die Krimiflut nicht stoppt. Recht neu ist der Trend zu den Auslandskrimis in der ARD – vom "Athen-Krimi" über den "Lissabon-Krimi" bis zum "Zürich-Krimi" – gehen Kommissare in halb Europa auf Gaunerjagd.

Der Hauptgrund für die Inflation liegt auf der Hand – was die Sender betrifft: Mord und Totschlag kommen bei den meisten Zuschauern bestens an, nicht umsonst belegen die Mitglieder der "Tatort"-Familie regelmäßig die vorderen Plätze, wenn am Ende eines Jahres die erfolgreichsten Sendungen aufgelistet werden, die nichts mit Sport zu tun haben. Im April lockte ein "Tatort" aus Münster sage und schreibe 14,5 Millionen Zuschauer vor den Bildschirm.

Doch warum lieben so viele Zuschauer Fernsehkrimis, was fasziniert sie an den nicht selten brutalen Geschichten über Verbrechen? Das ist zum einen die Angstlust, wie etwa der Münchener Psychologe Stephan Lermer erklärt: Ihm zufolge sorgen Kriminalfälle im Fernsehen für angsteinflößenden Kitzel, der aber auszuhalten ist, denn der Mord findet ja nur auf dem Bildschirm statt. Andere Experten wie der emeritierte Marburger Professor für Medienwissenschaft Karl Prümm betonen, dass Krimis vor allem das Gerechtigkeitsempfinden der Zuschauer befriedigen – die gezeigten Verbrechen werden ja in der Regel gelöst, die Täter dingfest gemacht.

Der Ethnologe Thomas Hauschild aus Halle an der Saale weist darauf hin, dass Krimis zum Spannungsabbau beitragen und gleichzeitig in einer immer unübersichtlicheren Welt für Orientierung sorgen. Nicht zuletzt garantieren Krimireihen und -serien wie "Tatort", "Polizeiruf 110" oder "Soko" liebgewonnene Rituale und Gewohnheiten, die Vorfreude erzeugen, was Psychologe Lermer als "Adventseffekt" bezeichnet. Freilich nur ein schwacher Trost für all jene, die von der Krimischwemme genervt sind und sich mehr Vielfalt im Programm wünschen – eine wohl vergebliche Hoffnung, wie die derzeitige Entwicklung leider zeigt.

Autor: Martin Weber