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30. Juni 2012

Moderner Heimatfilm

SWR-Dokumentation über ein autonomes Dorfprojekt.

"Und was ist mit der Krise?", fragt ein junger Familienvater zweifelnd gegen Ende der "Kennenlernwoche für Eltern und Kinder" im schwäbischen Kreßberg. Wenn alles so eintreffen würde, wie er befürchte, antworten die Gastgeber, könnte man sowieso nur noch mit einem funktionierenden sozialen Netzwerk und mit Landwirtschaft überleben. Die Initiatoren wissen, wovon sie reden. Für die meisten war eine Krankheit oder die Finanzkrise der Auslöser für eine radikale Kehrtwende. Mit 50 Mitstreitern gründeten sie dann 2011 ein autonomes Dorfprojekt bei Schwäbisch Hall und können
inzwischen beachtliche Ergebnisse vorweisen.

Die Filmemacherin Susanne Bausch begleitet die Neuansiedler durch ihren arbeitsreichen Alltag und schildert in dem eindrucksvollen Dokumentarfilm "Das Dorfexperiment – Gemeinsam in die Zukunft" die zwischenmenschlichen Abenteuer des mutigen Unternehmens. Das SWR Fernsehen strahlt die spannende Dokumentation am Montag um 23.30 Uhr aus.

In der Nähe des Dorfes Kreßberg in Hohenlohe haben sich junge Familien, Handwerker, Unternehmer, Freiberufler und Rentner zusammengefunden, erzählt die Autorin zu Beginn des Films, und den

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rund 30 Hektar großen leer stehenden "Tempelhof" gekauft. Die Anlage besteht aus einem Schloss, einer Kapelle, einem Seminarhaus, mehreren Wohnhäusern, einer Turnhalle, einer Großküche, landwirtschaftlichen Gebäuden, Werkstätten, Äckern, Bauland und Wald. Die Bewohner haben einen Genossenschaftsvertrag unterschrieben und zwischen 25 000 und 100 000 Euro eingebracht. Die Gebäude haben sie weitgehend aus eigener Kraft renoviert und sind nach und nach dort eingezogen.

Auf dem Tempelhof haben sie sich allmählich aus gestressten Stadtmenschen in zufriedene Landbewohner verwandelt. Sie haben neue Freundschaften geschlossen und ihre unterschiedlichen Fähigkeiten mit eingebracht. Sie fühlten sich jetzt alle wieder näher dran am Leben, meint einer der Gründer, alles sei intensiver, die Anstrengung wie die Entspannung.

So kündigten Christine und Uli, ein Ehepaar mit zwei Kindern, ihren Job und verkauften ihre Eigentumswohnung. Uli bekam inzwischen eine neue Anstellung als externer Manager und IT-Fachmann, Christine baut die Seminargruppe mit auf. Werner, der Künstler, überstand zwei Krebs-OPs und kümmert sich um die Quelle und die Wasserversorgung. Alexandra, die Karrierefrau, wurde durch einen Schlaganfall ausgebremst. Sie entschied sich für den Tempelhof und die Aufzucht von Ziegen. Sie wundert sich, dass sie als Käserin glücklich ist.

Der Film von Susanne Bausch schildert anschaulich das Leben und Arbeiten auf dem großen Areal. Er schildert die Tücken des ungewohnten Gemeinschaftslebens ebenso ehrlich wie das Staunen über
das Wohlbefinden im neuen sozialen Zusammenhang. Es ist ein großes Experiment, wie Bauschs ungewöhnlicher Dokumentarfilm zeigt, der auch viel Stoff für die Zuschauer bietet, über das eigene Leben nachzudenken. "Das Dorfexperiment" ist der erste von drei "modernen Heimatfilmen", ergänzt dazu die SWR-Redaktion, die sich in der nächsten Zeit noch mit den heutigen Heimatgefühlen von Migranten und der Verankerung der Adelsfamilien befassen.

– SWR, Montag, 2. Juli, 23.30 Uhr: "Das Dorfexperiment – Gemeinsam in die Zukunft".

Autor: Heide-Marie Göbbel (KNA)