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27. Mai 2009
"Tagebücher können unglaublich unterschiedlich sein"
Im Netz dokumentieren immer mehr Menschen statistisch ihre Lebensdaten. Ist das eigentlich Tagebuchschreiben?
Tine Nowak ist Kuratorin der Ausstellung "@bsolut privat – Vom Tagebuch zum Weblog", die zurzeit im Museum für Kommunikation in Berlin zu sehen ist. Eine echte Tagebuch-Fachfrau. Carolin Buchheim hat mit ihr über Tagebücher und Life-Tracking gesprochen.
Fudder: Frau Nowak, gibt es das Tagebuch aus Papier noch, oder ist es durch das Internet vom Aussterben bedroht?Nowak: Natürlich gibt es das Tagebuch noch! Es gibt schließlich viele unterschiedliche Menschen, die über ihr Leben schreiben. Da wäre es merkwürdig, wenn die nicht auch ganz unterschiedliche Mittel nutzen würden, um das zu tun. Es gibt viele alte Menschen, die noch Tagebuch auf Papier schreiben. Aber auch viele jüngere Menschen, Teenies und Kinder schreiben ganz klassisch Tagebuch auf Papier.
Fudder: Warum tun manche das – im Gegensatz dazu – im Internet?
Nowak: Tagebücher im Internet haben eine ganz andere Qualität. Jeder, der schreibt, will eigentlich auch gerne gelesen werden. Das ist bei dem, der auf Papier schreibt, nicht so viel anders, als bei dem, der das im Internet tut. Im Internet ist es dem Tagebuchschreiber allerdings viel bewusster, eben weil er es öffentlich tut.
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Nowak: Ja, selbst wenn es manchmal nur darum geht, dass man selbst vielleicht in zwanzig Jahren sein eigener Leser werden wird. Denn wenn man ein Tagebuch liest, das zwanzig, dreißig Jahre alt ist, dann ist man nicht mehr die Person, die das geschrieben hat.
Fudder: Woher kommt das Bedürfnis, Tagebuch zu schreiben?
Nowak: Auf diese Frage gibt es keine einzelne, richtige Antwort. Denn es gibt viele unterschiedliche Gründe, Tagebuch zu schreiben. Menschen sind grundsätzlich sehr stark mit sich selbst beschäftigt – schließlich ist jeder das Zentrum seines eigenen Lebens und in jedem einzelnen Leben kann es unglaublich viele unterschiedliche Schreibanlässe geben. Die können schöner Natur sein, oder auch ganz schrecklicher.
Fudder: Auf Life-Tracking-Seiten im Netz halten Menschen nur einzelne Fakten fest, wie die Farbe des an einem bestimmten Tag getragenen T-Shirts, oder pro Tag einige Sätze. Ist das noch Tagebuchschreiben?
Nowak: Es kommt darauf an, wie man "Tagebuch" definiert. Ein Tagebuch kann natürlich eine therapeutische Ich-Erzählung sein, die sehr lang und sehr tiefgehend ist. Im Vorfeld der Ausstellung ist uns bei den Recherchen im Deutschen Tagebucharchiv in Emmendingen allerdings aufgefallen, dass die scheinbare Banalität dieser Netzangebote auch auf Papier zu finden sind. Wir sind zum Beispiel auf Papiertagebücher in kleinen Sparkassen-Terminkalendern gestoßen, in denen jemand über Jahrzehnte hinweg aufgeschrieben hat, was er mittags gegessen hat.
Fudder: Das ist genau der Vorwurf, der Bloggern heute immer gemacht wird – niemand will lesen, was du zu Mittag gegessen hast.
Nowak: Ich glaube, dieser Vorwurf wird Bloggern nur gemacht, weil die meisten Tagebücher, die man öffentlich zu lesen bekommt, berühmte Tagebücher von Literaten oder Zeitzeugen sind. Die Masse an kleinen Tagebüchern von Alltagsschreibern, die bekommt man nicht zu Gesicht. Im Internet aber, da sieht man sie. Und denkt dann vielleicht "Oh, ist das banal!" Aber wenn man sich mal Tagebücher von Goethe und anderen Literaten anguckt, die wirklich täglich schreiben, dann sind die in vielen Dingen nicht weniger banal. Goethe hat einen Schreibkalender geführt. Darin findet sich ein Eintrag "Alles in Ordnung". Und nichts anderes. Wir haben ein Klischee im Kopf: ein Tagebuch ist das intime Journal mit einem Schlösschen davor. Aber wenn man tatsächlich in die Archive reingeht, dann merkt man, dass Tagebücher unglaublich unterschiedlich sein können.
Fudder: Jeder ist anders und deswegen ist jedes Tagebuch, jedes Lebensdokument anders?
Nowak: Ja. Ich weiß, man mag ja gerne so kurze Schlüsse, eindeutige Positionen. Aber ein Tagebuch behandelt Leben und Leben ist einfach verdammt unterschiedlich.
Fudder: Die Life-Tracking-Websites sind also eine moderne Version des Papiertagebuchs?
Nowak: Es kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Leute, die solche Websites nutzen, machen das ja nicht nur aus dem Dokumentationsgedanken heraus. Das Life Tracking hat auch noch einen unterhaltenden Wert. Man guckt, was man macht und dann hat man schnell ein Ergebnis. Außerdem bietet diese neue mediale Form weitere Möglichkeiten, wie die der statistischen Darstellung.
Zur Ausstellung "@bsolut privat gibt es natürlich ein Blog:
http://tagwerke.twoday.net/
