Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

06. April 2013

Vorschau

ZDF-Serie "Verbrechen": Kammerspiel, Gangsterdrama, Klamauk

Was bleibt zurück? Unbehagen, wie so oft bei den Geschichten Ferdinand von Schirachs. 2009 erschien sein erster Erzählband "Verbrechen", auf dessen Basis das ZDF nun eine Miniserie produziert hat.

  1. Verbrechen (ZDF) Ingrid (Annette Paulmann, r.) beschuldigt und beschimpft ihren Ehemann Friedhelm (Edgar Selge, l.), dass er zu nichts zu gebrauchen sei. Foto: Bild honorarfrei

"Kannst du mal in den Keller kommen?", ruft Friedhelm Fähner, 72 Jahre alt, seiner Frau Ingrid aus dem Garten zu. Der Fernsehzuschauer weiß da längst, was folgen wird: ein Gemetzel, an dessen Ende Ingrid in Einzelteilen am Boden liegt. Lustig ist das nicht. Dass bei der Pressevorführung trotzdem beinahe alle Journalisten ausgerechnet bei Fähners Ruf nach seiner Frau lachen, mag man als Beleg für die Verrohung der Pressezunft sehen. Es lässt sich aber auch mit der Erzählkunst Ferdinand von Schirachs und der gelungenen Verfilmung seiner Kurzgeschichten durch Produzent Oliver Berben und sein Team erklären.

"Kannst du mal in den Keller kommen?" – so unprätentiös kann der letzte Satz eines Menschen lauten, bevor er zur Axt greift. Nicht wenige Krimiautoren suchen den Erfolg gerade im Dämonisieren von Tätern. Sie machen aus Menschen Monster, damit der Gruseleffekt die Kasse klingeln lässt. Schirach, schreibender Strafverteidiger, macht genau das Gegenteil. Er stellt den Menschen nicht in die dunkle Ecke, er leuchtet ihn aus, macht ihn vertrauter. Durchaus irritierend, wenn es sich dabei um einen Mörder handelt. Wie Fähner, wunderbar zurückgenommen gespielt von Edgar Selge. Der tötet seine Frau nicht bloß, er schlachtet sie ab. Und doch ertappt man sich dabei, Verständnis für seine Tat zu haben. Zurück bleibt Unbehagen. Wie so oft bei Schirachs Geschichten.

Werbung


2009 erschien sein erster Erzählband "Verbrechen", auf dem die Serie basiert. Das ZDF hat aus sieben Fällen, die Schirach so oder so ähnlich als Anwalt erlebt hat, sechs Folgen einer Miniserie gemacht. Es beginnt mit "Fähner" und "Tanatas Teeschale". Es folgen "Grün", "Der Igel", "Summertime" und "Notwehr". Produzent Oliver Berben und sein Team hätten es sich einfach machen und sehr nah am Original bleiben können. Doch sie wollten mehr. Sie suchten eine eigene Filmsprache für Schirachs lakonischen Schreibstil. Das Ergebnis ist ungewöhnlich, geradezu postmodern: schnelle Schnitte, comicartige Symboleinblendungen, Perspektivwechsel, mal digitale, mal grobkörnige Kamerabilder. Selbst Genregrenzen werden gesprengt: Vom Kammerspiel über Gangsterdrama bis zum Klamauk ist alles dabei. Die einzige Konstante ist Josef Bierbichler als Anwalt Friedrich Leonhardt. Das ist insofern amüsant, als Schirach betont: "Der Anwalt ist der Erzähler, für die Geschichten ist er fast immer unwichtig." Allerdings sagt er das in diesem Tonfall, bei dem man nicht weiß, wie ernst er das jetzt meint. "Der Anwalt ist kein Kommissar und kein Superheld", auch das sagt von Schirach: "Er ist der ruhige Mann, dem man seine Geschichte erzählt und der vielleicht eine Idee hat, wie man aus dem Schlamassel wieder herauskommt." Bierbichler ("Das weiße Band") spielt genau dies so großartig .

Ferdinand von Schirach hat seinen Schreibstil einmal so erklärt: Es gebe da einen einfachen Trick, man müsse bloß die Adjektive weglassen. Dieser Regel – sinngemäß – folgen die Filmemacher leider nicht immer. Aus Ingrid Fähner, die im Buch vielleicht nur aus Sicht ihres Mannes immer abstoßender wird, wird im Film die Höllenversion einer Ehefrau. Subtil ist das nicht. "Ich weiß, Deutschland gilt nicht als das Land, in dem große Serien entstehen", schreibt Schirach im Presseheft. "Aber ich vermute, durch diese Filme könnte sich das ändern." Tatsächlich ist die ZDF-Miniserie "Verbrechen" nicht "Mad Men" und auch nicht "Borgen". Aber grimmepreisverdächtig ist sie allemal. Und ein großes Sehvergnügen.
– "Verbrechen": Sonntag, 7.4., 22 Uhr, ZDF. Weitere Folgen sind an den kommenden zwei Sonntagabenden im Zweiten zu sehen.

Autor: Wiebke Ramm