Der Preis für das Edelmetall fällt

Gold gilt nicht mehr als Krisenwährung

Rolf Obertreis

Von Rolf Obertreis

Sa, 25. August 2018 um 09:00 Uhr

Wirtschaft

Gold gilt als Krisenwährung. An Krisen mangelt es derzeit nicht. Trotzdem fällt der Goldpreis. Experten sind genauso irritiert wie Privatanleger.

Ein wenig hat sich der Goldpreis in den vergangenen Tagen zwar erholt. Aber immer noch beträgt er weniger als 1200 Dollar für eine Feinunze (31,1 Gramm). Experten sind genauso irritiert wie Privatanleger. Gold gilt als Krisenwährung. An Krisen mangelt es derzeit nicht: Die Handelskonflikte, der Streit zwischen den USA und dem Iran, die Spannungen zwischen den USA und Russland oder die Krise in der Türkei: In solchen Phasen steigt die Nachfrage nach Gold – eigentlich. Gold scheint seinen Nimbus als Krisenwährung einzubüßen.

"Gold profitiert aktuell überraschenderweise nicht von der höheren Risikoaversion", sagt Barbara Lambrecht, Volkswirtin der Commerzbank. Man habe nicht geglaubt, dass der Preis in einem solch unsicheren Umfeld so stark unter Druck geraten könnte, wundern sich auch andere Experten des Instituts. Ähnliches ist aus anderen Häusern zu hören. Kopfschütteln auch bei Privatanlegern, die gleichwohl weiter auf Gold setzen und kaufen, etwa beim Münchner Goldhändler Pro Aurum. "In der zweiten Julihälfte übertraf der Umsatz das Umsatzvolumen im Zeitraum April bis Juni um rund 25 Prozent. Neun von zehn Kunden stehen wieder auf der Käuferseite", sagt Robert Hartmann, Chef von Pro Aurum. Goldbarren zwischen 100 und 200 Gramm seien sehr gefragt.

Gekauft haben auch Notenbanken – vor allem die russische. Letztere hat nach Angaben des World Gold Councils, dem globalen Branchenverband, von Januar bis Juni 105 Tonnen geordert. Im Juli sollen es noch einmal fast 25 Tonnen und damit rund 800 000 Feinunzen gewesen sein. Gekauft hat auch die Türkei – 38 Tonnen im ersten Halbjahr.

Aber diese Käufe konnten den Preis nicht treiben. Denn insgesamt ist die Gold-Nachfrage nach Angaben des Verbandes im ersten Halbjahr mit rund 1960 Tonnen auf das niedrigste Niveau seit 2009 gesunken, wobei arund 1000 Tonnen der Schmuckindustrie zuzurechnen sind. Immerhin: Seit Anfang Juli habe die Nachfrage nach Gold wieder deutlich angezogen, sagt Martin Siegel, Geschäftsführer von Stabilitas, einem auf die Goldanlage spezialisierten Investmenthaus.

Das ändert aber nichts an dem schwachen Goldpreis. Manche Beobachter verweisen als Begründung auf den relativ starken Dollar und auf die steigenden Zinsen in den USA. Gold hat den Nachteil, dass es keine Zinsen, keine Dividenden und damit keine laufenden Erträge abwirft. Allein der Preisanstieg kann dem Anleger einen Ertrag verschaffen.

Wichtiger aber – und darin sind sich viele Experten einig – sind derzeit Hedgefonds und Spekulanten, die Wetten auf einen fallenden Goldpreis abgeschlossenen haben. Sie verkaufen Gold an den Terminmärkten und setzen darauf, dass sie es zu einem späteren Zeitpunkt günstiger zurückkaufen können. Daneben ist die Nachfrage nach börsengehandelten Goldfonds (ETFs), die auf physisches Gold setzen, zurückgegangen. Der Kurs von Xetra Gold der Deutschen Börse ist seit Mai um rund acht Prozent gesunken, der Bestand stagniert derzeit bei rund 170 Tonnen, nachdem es 2016 und 2017 noch deutliche Zuwächse gegeben hatte.

Angesichts der einerseits ungewöhnlichen Entwicklung des Goldpreises und der intensiven Aktivitäten von Spekulanten halten sich Experten mit Prognosen deutlich zurück. Mit Blick auf die Spekulation spricht Pro Aurum-Chef Hartmann zwar von einem "finalen Ausverkauf". Wie lange der dauern und wie heftig er ausfallen werde, sei allerdings schwer zu sagen.

Martin Hüfner, Chef-Volkswirt vom Vermögensverwalter Assenagon, sieht auf lange Sicht Vorteile für Gold. Wer einen Barren von 1970 bis heute gehalten habe, habe eine Rendite von 7,5 Prozent pro Jahr erzielt. Gold ist deshalb nach Ansicht von Hüfner nichts für die kurzfristige Anlage, aber über 20 bis 30 Jahre könne man mit Preissteigerungen rechnen.

Lars Reiner, Chef des digitalen Vermögensverwalters Ginmon, rät dagegen bei dem Edelmetall zur Vorsicht. "Der wirklich sichere Hafen für Anleger ist nicht Gold, sondern ein diversifiziertes Portfolio über alle Anlageklassen hinweg. Deshalb braucht man als Anleger keine Krisenwährung." Gold und Gold-ETFs hätten zwar ihre Berechtigung, aber nur als Beimischung. "Sie sind in einem solchen Mix aber nicht der Teig, sondern eher die Kirsche auf der Torte."

Bis zum Jahresende soll es wieder aufwärtsgehen. Die Deutsche Bank erwartet 1290 Dollar pro Feinunze, die Commerzbank 1300, die britische HSBC sogar 1550 Dollar.