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21. Februar 2012 00:00 Uhr

Hochstimmung an Börse

Notenbank macht Aktionäre reich

Die Kurse an der Börse sind zuletzt kräftig gestiegen. Eine der Ursachen sind die günstigen Kredite der EZB an die Geschäftsbanken. Doch manchem Experten geht es deutlich zu schnell nach oben.

  1. Bei der Deutschen Börse in Frankfurt herrscht derzeit gute Stimmung. Foto: DAPD

FRANKFURT. Selbst erfahrene Börsianer sind von der Entwicklung überrascht. Am Rosenmontag nach gerade einmal sieben Wochen und 36 Handelstagen im neuen Jahr hat der Deutsche Aktienindex Dax den Verlust des Börsenjahres 2011 wieder wettgemacht. Seit Jahresanfang steht ein Plus von mehr als 1000 Punkten oder 17 Prozent auf der Anzeigetafel im Frankfurter Börsensaal – trotz Schuldenkrise und Konjunkturängsten. Allerdings: Manchem Experten geht es deutlich zu schnell nach oben.

Wie stark ist der Dax seit Jahresanfang gestiegen?
Das Jahr 2011 schloss das Börsenbarometer für die 30 größten deutschen, an der Börse gelisteten Konzerne mit 5898 Punkten ab, 16 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Zu Wochenbeginn stand der Dax zeitweise bei mehr als 6950 Punkten, höher als Ende 2010. Es ist die stärkste Jahresanfangsrallye in der knapp 25-jährigen Geschichte des Dax. Ganz vorne steht die Aktie der Commerzbank mit einem Plus von 60 Prozent. Kein einziger Dax-Wert hat seit Jahresanfang verloren.

Was treibt die Kurse?
Börsianer zeigen auf die Europäische Zentralbank (EZB). Für historisch niedrige Zinsen von einem Prozent füttern die Notenbanker die Geschäftsbanken mit billigem Geld. Zudem haben sie im Dezember erstmals einen Drei-Jahres-Kredit zu einem Prozent ausgeschrieben. Fast eine halbe Milliarde Euro haben sich die Banken so beschafft. Ende Februar gibt es bei einem weiteren billigen Drei-Jahres-Kredit möglicherweise noch einmal so viel. Ein Teil dieses Geldes wird in Aktien investiert.

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Aber die Konjunkturaussichten sind doch eher schlecht.
Nicht mehr. In den ersten Wochen des Jahres hat sich gezeigt, dass es so schlecht nicht aussieht. In den USA ist die Erholung besser als erwartet. In Deutschland rechnet die Bundesbank nur mit einer vorübergehenden Schwächephase.

Was spricht gerade für deutsche Aktien?
Die deutschen Konzerne, aber auch der Mittelstand haben die Krise hervorragend gemeistert. Sie verfügen über dicke Eigenkapitalpolster, die Auftragsbücher sind voll, der Auftragseingang hat im Dezember wieder zugelegt. Ihre Rücklagen sind so hoch, dass sie Investitionen aus eigener Kraft stemmen können und kaum auf Banken angewiesen sind. Die Gewinne sprudeln: In den nächsten Wochen werden die 30 Dax-Konzerne 27 Milliarden Euro an Dividenden ausschütten.

Warum steigen vor allem die Aktienkurse?
Staatsanleihen haben ihren Ruf als risikolose Anlage durch die Schuldenkrise eingebüßt. Und sichere Staatsanleihen bringen nicht einmal zwei Prozent Zinsen. Auch die Verzinsung auf Tagesgeld-Konten ist mit im Schnitt 1,65 Prozent derzeit nicht üppig. Gold ist teuer und wirft weder eine Dividende noch Zinsen ab. Allerdings steigen auch die Rohstoffpreise. Auch hier könnte das billige Geld der EZB und anderer Notenbanken eine Rolle spielen, weil verstärkt in Wertpapiere investiert wird, die sich auf die Entwicklung der Rohstoffpreise beziehen.

Ziehen die Privatanleger mit?
Offenbar nicht. Sie betrachten die Hausse nicht als nachhaltig. Der jüngsten Umfrage der DZ-Bank zufolge rechnen derzeit nur 27 Prozent der Privatanleger mit weiter steigenden Kursen. Das ist der zweitniedrigste Wert seit vier Jahren. 30 Prozent sind pessimistisch. Und 40 Prozent der Privatanleger würden eher Gold als Aktien kaufen.

Ist die Euro-Schuldenkrise nicht eine Gefahr für die Börsenkurse?
Um die Risiken der Schuldenkrise wissen Börsianer und große Investoren. Aber das Thema steht nicht mehr im Vordergrund, eine Pleite Griechenlands wird nicht mehr oder zumindest derzeit nicht als Katastrophe für den Finanzmarkt betrachtet. Das kann sich jedoch rasch wieder ändern.

Wie sind die Aussichten für die Börse?
Angesichts der niedrigen Leitzinsen und der Geldflut aus der Europäischen Zentralbank sowie der keineswegs schlechten Konjunkturperspektiven sollte es weiter Rückenwind geben. Zudem gelten die Aktien vieler deutscher Unternehmen im historischen Vergleich immer noch als eher günstig. Auf bis zu 8000 Punkte könnte der Dax bis zum Jahresende steigen, sagen Experten.

Autor: Rolf Obertreis