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06. Februar 2012
Der Preis der frühen Einsamkeit
Warum stecken manche Kinder weg, was anderen das Rückgrat bricht – eine neue Studie soll Klarheit verschaffen.
Adi hasst Fliegen wie die Pest. Und Schwimmen gehen ist der 22-jährigen englischen Sängerin und Performancekünstlerin, wie sie in einem BBC-Interview gesteht, ein absoluter Gräuel. Für ihre Eltern Cindy und Anthony Calvert ist das nicht weiter verwunderlich. Achtzehn Monate alt war Adi, als sie sie 1990 in einem Waisenhaus im Norden Rumäniens antrafen, unterernährt und in ihrer körperlichen und sozialen Entwicklung weit zurück.
"Die Fensterscheiben waren zerbrochen. Fliegern schwirrten um Adi herum", schildert das Paar aus North Yorkshire die unbeschreiblichen Zustände, die es in dem Heim vorfand: "Die Hygiene beschränkte sich darauf, dass man die Kinder gelegentlich mit kaltem Wasser abspritzte." Kinder, die in ihren Exkrementen in ihren Gitterbetten dahinvegetierten, ohne dass jemand sich um sie kümmerte. Sie bekamen kaum etwas zu essen oder zu trinken.
Adi muss immer kurz vorm Verdursten gewesen sein. "Sie konnte nicht aufhören zu trinken", erinnern sich die Eltern an die erste Zeit mit ihrer Adoptivtochter in England. "Sie trank alles Wasser, das sie finden konnte."
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Aufgerüttelt von den Berichten aus rumänischen Waisenhäusern, die nach dem Sturz des Ceaucescu-Regimes den Westen erreichten, waren Cindy und Anthony Calvert eines von unzähligen englischen Paaren, die eines dieser Kinder adoptierten. So zynisch es klingen mag: Sie waren ein Glücksfall für die Forschung.
Als ein "einzigartiges natürliches Experiment" bezeichnet der englische Psychiater Professor Michael Rutter in einer BBC-Sendung die von ihm mitinitiierte Langzeitstudie, die als englisch-rumänisches Adoptionsprojekt bekannt geworden ist (English and Romanian Adoptee Project = ERA). Sie bot den Forschern die einmalige Gelegenheit herauszufinden, wie sich extreme Vernachlässigung in der frühen Kindheit auf das spätere Leben auswirkt.
165 rumänische Kinder, die Anfang der 1990er Jahre im Alter von 0 bis 42 Monaten von englischen Eltern adoptiert worden waren, wurden in mehrjährigen Abständen immer wieder untersucht, von ihrer gesundheitlichen, sozialen und kognitiven Entwicklung bis zu ihrer schulischen Laufbahn. 2012 steht die nächste Erhebung mit den mittlerweile jungen Erwachsenen an.
Adi, soviel lässt sich jetzt schon sagen, gehört zu denen, die – abgesehen von ihrer Angst vorm Schwimmen – den Horror ihrer frühen Jahre erstaunlich gut weggesteckt haben. Nicht nur jene Kinder, die dem Waisenhaus nach weniger als sechs Monaten entkamen, auch fast drei Viertel derer, die ihm bis zu dreieinhalb Jahre ausgesetzt waren, zeigten zum Erstaunen der Forscher keine auffallenden Störungen. "Ihre frühen Erfahrungen", so Rutter, "haben ihnen nichts anhaben können."
Daneben gibt es aber jene Minderheit, die durchgängig bei allen Erhebungen erkennen ließ, dass die extreme Vernachlässigung trotz der anschließenden Fürsorge ihrer Adoptiveltern Spuren hinterlassen hat. Bei ihnen stellten die Forscher nicht nur einen unterdurchschnittlichen Intelligenzquotienten fest, sie zählten auch einen höheren Anteil Kinder, die eine Sonderschule besuchten. Die häufigste Auffälligkeit jedoch, die ungefähr bei der Hälfte der später adoptierten Kinder beobachtet werden konnte, war eine ungewöhnliche Störung des Sozialverhaltens.
"Als Kinder haben die meisten unterschiedslos jeden Kontakt aufgesaugt und zeigten keinerlei Scheu vor Fremden", so der Psychologe Robert Kumsta, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Psychologie der Freiburger Universität, der zeitweise an der ERA-Studie beteiligt war. Als Jugendliche hätten sie zwar "sozial sehr kompetent" gewirkt. "Aber ihnen fehlt die Basiskompetenz, Menschen einschätzen zu können. Einige", so Kumstas Prognose, "werden aufgrund ihrer Heimerfahrungen kein unabhängiges Leben führen können."
Ungefähr 15 Prozent der Kinder zeigten "quasi-autistische Züge" und damit Symptome, die viele Ähnlichkeiten mit "gewöhnlichem" Autismus haben, darunter die fehlende Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen oder ungewöhnliche Interessen wie die zwanghafte Beschäftigung mit neuen 10-Pfund Noten.
Die "Schlüsselfrage" für Michael Rutter lautet deshalb: "Warum entwickeln sich die einen normal trotz schlechter Startbedingungen und die anderen nicht?" Welche psychobiologischen Mechanismen und Zusammenhänge sind am Werk, wenn ein Mensch mit einer natürlichen Widerstandskraft ausgestattet ist?
"Es ist erstaunlich wenig bekannt über die Faktoren, die die Resilienz beeinflussen", stellt Kumsta fest. Daran möchte er etwas ändern mit einer Studie über "die Zusammenhänge zwischen negativen Kindheitserfahrungen und dem Stresserleben sowie den zwischenmenschlichen Beziehungen im Erwachsenenalter". Sie soll in diesem Jahr am Lehrstuhl für biologische und differentielle Psychologie von Professor Markus Heinrichs an der Universität Freiburg starten.
Zu den negativen Kindheitserfahrungen zählt Kumsta das ganze Spektrum von der Vernachlässigung bis zu körperlichem, sexuellem oder emotionalem Missbrauch. Bis zu 17 Prozent der Kinder in den reichen Industriestaaten werden laut einer 2010 vom University College London veröffentlichten Studie von den Eltern körperlich misshandelt, 15 Prozent vernachlässigt.
Kinder und Forscher
Sie decken sich mit den Ergebnissen aus dem Abschlussbericht von Christine Bergmann, die von der Bundesregierung als unabhängige Missbrauchsbeauftragte eingesetzt worden war, nachdem 2010 offensichtlich wurde, wie viele Kinder und Jugendliche in Institutionen und ihrem privaten Umfeld von Erwachsenen sexuell missbraucht werden.
Zwischen Mai 2010 und November 2011 gingen 21 300 Anrufe und 3200 Briefe bei ihr ein. Bis zu 60 Menschen zwischen sechs und 89 Jahren riefen am Tag an und berichteten von ihren Erfahrungen. Manche hatten jahrelang die Übergriffe von Erwachsenen zu ertragen. Oft lagen die belastenden Erlebnisse Jahrzehnte zurück. Bis heute klagen der wissenschaftlichen Auswertung durch Professor Jörg M. Fegert von der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Ulmer Uniklinik zufolge 45 Prozent dieser Opfer über körperliche Beschwerden, 20 Prozent leiden unter Angst, Panik und Zwangsstörungen, 42 Prozent haben Probleme in Beziehungen und ihrer Partnerschaft. "Meine Eltern haben mich geschaffen und zerstört", wird eines der Missbrauchsopfer zitiert.
Dennoch ist davon auszugehen, dass viele von ihnen trotz dieser Erfahrungen ihr Leben gut meistern. Die am Runden Tisch gegen Kindesmissbrauch zusammenarbeitenden Ministerien und Institutionen wollen deshalb nicht nur wissen, wie den Betroffenen wirkungsvoll geholfen werden kann. Sie interessiert auch: "Warum kommen einige Kinder besser über das Erlebte hinweg als andere und was lässt sich daraus für die Behandlung ableiten?" Das Bundesforschungsministerium hat 2010 ein "Forschungsnetz" geknüpft, um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, und für drei Jahre mit 20 Millionen Euro ausgestattet.
Professor Michael Rutter vermutet, dass ein Faktor unter vielen die genetische Ausstattung ist, die darüber entscheidet, ob Menschen an schlechten Kindheitserfahrungen zerbrechen oder dagegen immun sind. Welche Rolle spielt das Erbgut bei der Steuerung des Hormonhaushalts? "Wir wollen die Mechanismen verstehen, mit denen sich Erlebnisse der frühen Kindheit in biologischen Vorgängen des Körpers festschreiben", erklärt Robert Kumsta.
Unter kontrollierten Laborbedingungen soll am Institut für Psychologie der Uni Freiburg die Reaktion von Betroffenen auf Stress gemessen werden. Die vermehrte Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol oder Adrenalin, verbunden mit Herzrasen, steigendem Blutdruck und Schweißausbrüchen, ist eigentlich eine gesunde Reaktion des Körpers, wenn ein Mensch sich bedroht fühlt oder Angst hat.
Kippt dieses Stressreaktionssystem dauerhaft aus seiner Balance und macht einen Menschen krank, wenn er jahrzehntelang zu leiden hat an den Misshandlungen, denen er in seiner Kindheit ausgesetzt war? Und wie verhält es sich bei Menschen, die so was anscheinend unbeschadet überstehen? In drei Jahren, hoffen die Freiburger Forscher, wissen sie mehr.
STUDIE DER WOCHE: RESILIENZFORSCHUNG IN FREIBURG
Für seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit einer halben Million Euro ausgestattete Stressreaktionsstudie sucht das Institut für Psychologie noch Studienteilnehmer. Männer und Frauen mit traumatischen Kindheitserfahrungen, die jedoch derzeit nicht in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung sind, werden gebeten, sich bei Interesse unter
Tel. 0761/203-97749 zu melden oder eine E-mail an die Adresse:
marion.schwaiger@psychologie.
uni- freiburg.de zu schreiben.
Autor: arü
Autor: Anita Rüffer
