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23. Januar 2012 09:03 Uhr
Kampf den Kunstfehlernstfehlern
Die Bundesregierung plant ein neues Patientenrechtegesetz
Man merkt Urban Laffer nicht an, dass er, der Chefarzt, schon einmal einen schweren Fehler gemacht hat. Er ist auf dem Weg in den OP-Saal des Krankenhauses in Biel.
Überall grüßt er lächelnd und wird zurückgegrüßt – Laffer, Professor und angesehener Chirurg, wirkt wie ein herzlicher Gott in Weiß auf dem Weg zu seiner nächsten Heldentat.
Aber beinahe wäre seine Karriere schon während seiner Facharztausbildung jäh beendet worden. Damals arbeitete in einer kleinen Klinik, eine Frau mit Gallensteinen wurde eingeliefert, der Chefarzt entschied, dass die Gallenblase entfernt werden sollte. Laffer durfte operieren. Er durchtrennte einen Gang, entnahm die Gallenblase. Alles schien gut gegangen. Doch am nächsten Tag hatte die Frau Schmerzen und eine gelbe Gesichtsfarbe. Sie wurde geröntgt – und es zeigt sich, dass Laffer nicht wie geplant den Gallenblasengang durchtrennt hatte, sondern die lebenswichtige Verbindung zwischen Leber und Darm.
"Das war ein Behandlungsfehler, für den ich die Schuld trage", sagt Laffer. "Die Anatomie bei der Frau war ungewöhnlich", sagt er. "Es gab bei ihr keinen Gallenblasengang, deshalb habe ich ihn nicht gefunden und stattdessen den falschen Gang durchtrennt." Außerdem sei er noch kein erfahrener Operateur gewesen.
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In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 500 Menschen an ärztlichen Behandlungsfehlern – das ist die offizielle Zahl der Bundesärztekammer. Studien aus den Niederlanden und Kanada, Staaten mit vergleichbarer Qualität in der medizinischen Versorgung, deuten aber daraufhin, dass die Zahl in Wirklichkeit 10- bis 15-mal so hoch ist. Die Anzahl der Klagen gegen Ärzte nimmt seit Jahren zu.
Die Bundesregierung hat am Montag den Entwurf für ihr neues Patientenrechtegesetz vorgestellt, das Ende des Jahres verabschiedet werden soll. Damit sollen die Rechte der Patienten gegenüber Ärzten gestärkt werden. Unter anderem soll bei einem offensichtlichen schweren Behandlungsfehler die Beweislast umgekehrt werden. Anders als heute müsste dann nicht mehr der Patient nachweisen, dass seine Schäden durch den Fehler des Arztes verursacht wurden, der Mediziner stände selbst in der Pflicht, das Gegenteil zu belegen. Noch besser wäre es allerdings, gleich die Zahl der Behandlungsfehler zu senken – nur wie?
"Vor allem müssen wir das medizinische Personal ermutigen, Fehler zuzugeben", sagt Hardy Müller, Geschäftsführer des Aktionsbündnisses für Patientensicherheit (APS), einer Organisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Zahl der Behandlungsfehler zu vermindern. "Ich würde mir wünschen, dass das Wort Fehler im neuen Patientenrechtegesetz durch das Wort Zwischenfall ersetzt wird." Für einen Fehler trage man in der hiesigen Kultur Schuld – aus Angst vor Schuldzuweisungen würde deshalb oft nicht über Missstände gesprochen. "Und so bleiben Fehlerquellen unentdeckt."
Behandlungsfehler sind laut APS in 80 Prozent der Fälle die Folge mehrerer Missstände: Mängel in der Ausbildung, Stress, schlechte Organisationsstrukturen, Missverständnisse in der Kommunikation. Doch es gibt heute Möglichkeiten, wie Behandlungsfehler bekämpft werden können, ohne dass Pfleger und Ärzte angeprangert werden.
Urban Laffer hat vor sieben Jahren im Krankenhaus in Biel das "Critical Incident Report System" (CIRS, Berichtsystem für kritische Zwischenfälle) eingeführt, ein Computerprogramm mit dem Ärzte und Pfleger anonym Fehler und Beinahe-Fehler in Kliniken melden können. Über das Internet werden solche Berichte mit anderen Häusern ausgetauscht, um möglichst viele Klink-Beschäftigte vor möglichen Fehlerquellen zu warnen.
In der Schweiz gibt es ein solches zentrales System für Krankenhäuser seit 2006, in Deutschland betreiben seit 2010 das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ), das Aktionsbündnis Patientensicherheit, die Deutsche Krankenhausgesellschaft und der Deutsche Pflegerat ein eigenes CIRS. Bislang sind etwa 100 Klinikabteilungen angeschlossen. Das entspricht etwa einem Prozent der deutschen Krankenhausstationen. Der Entwurf für das neue Patientenrechtegesetz sieht jetzt vor, dass Klinken, bei der Einführung eines CIRS von den Krankenkassen finanziell unterstützt werden. Chefarzt Urban Laffer aus seiner langjährigen Erfahrung: "Am häufigsten wird gemeldet, dass Patienten beinahe die falschen Medikamente bekommen hätten." In der Schweiz und in Deutschland laufen die Meldungen aus dem CIRS in zentrale Datenbanken ein. Dort werden sie ausgewertet. Alle Meldungen, die relevant sein könnten, werden den am System teilnehmenden Kliniken zugänglich gemacht. Außerdem werden die Ergebnisse ausgewertet und daraus Sicherheitsempfehlungen entwickelt.
kann viele Fehler verhindern.
Laffer hat daraus gelernt. Im OP-Trakt seines Spitals hat er vor Jahren ein weiteres Sicherheitsnetz installiert. Er zieht die OP-Maske über, tritt an den Operationstisch, gegenüber steht der Oberarzt. "Time-Out – ich habe hier den Patienten Kurt Maier, dem wir den künstlichen Darmausgang entfernen", sagt er. "Ich habe auch den Kurt Maier, dem wir den künstlichen Darmausgang entfernen", sagt der Anästhesist. Das "Time Out" ist das letzte Glied eines vierstufigen Sicherheitschecks auf Basis eines WHO-Konzepts, um Verwechselungen im OP-Saal zu vermeiden. In Deutschland übersetze die Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) den Sicherheitscheck und empfahl ihn den Krankenhäusern.
Der Check beginnt damit, dass Patienten bei der Ankunft im Spital noch einmal explizit nach ihrem Namen gefragt werden. Auf der Station wird dann der Eingriffsort, zweite Stufe, mit einem wasserfesten Stift markiert. Vor der Narkose wird, drittens, durch die OP-Schwester anhand der Krankenakte und einem Gespräch mit dem Patienten kontrolliert, ob es sich um den richtigen Patienten für den richtigen Saal handelt. Dann, zum Abschluss das oben beschriebene Time-Out im OP bei dem sich Chirurg und Anästhesist gegenseitig noch einmal die wichtigsten Fakten abfragen.
Die Harvard Medical School konnte beweisen, dass sich mit solchen Sicherheitsverfahren, wie sie auch in der Luftfahrt üblich sind, die Zahl schwerwiegender Komplikationen an allen Fehlern von elf auf sieben Prozent senken lässt. In den USA ist die Checkliste vier ganze Seiten lang – dort muss zum Beispiel bevor es losgeht jeder der Anwesenden seinen Namen und seine Rolle bei der OP nennen.
Im Bieler Operationssaal näht der Oberarzt den Dünndarm wieder zusammen, plötzlich spritzt eine Blutfontäne hoch. Laffer weicht ein Stück zurück. "Hey, hey, da hast du nicht fest genug angezogen", sagt er lachend zu seinem Kollegen. "Du hast die Klemme nicht fest genug gehalten", frotzelt der Oberarzt. "So sind sie die Chirurgen, keiner will Schuld sein." Beide lachen, Stressabbau durch Humor. Die Blutung ist gestoppt, der Eingriff geht ohne Probleme zu Ende. Im Vorraum wechselt Laffer die Kleidung. Zurück im Büro greift er zum Telefon. "Hallo Frau Maier", sagt er. "Die Operation ist gut verlaufen." Heute gibt es keine Fehlermeldung im CIRS in Biel.
Autor: vfac
