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06. März 2010
Die Kunst des Verschnaufens
In einer Zeit, in der das Unter-Strom-Stehen zum Dauerzustand wird, müssen wir Entspannung erst wieder lernen.
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Einst galten die Freunde östlicher Heilslehren als esoterische Spinner. Heute sind Yoga, Zen-Meditation und Tai Chi wieder en vogue. Foto: fotolia.com/EastWest Imaging
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Der Buddha-Kopf auf dem Fenstersims mag ein Statement sein. Zur gelassenen Grundhaltung aber gehört mehr. Foto: fotolia.com/marlies plank
Entspann dich doch mal! Wenn's doch nur so einfach wäre! Dem gut gemeinten Ratschlag von Freund, Kollege oder Partner zu folgen, gelingt nicht mehr auf Anhieb, und offenbar kaum noch ohne fremde Hilfe. Dabei war "Weniger Stress. Mehr Gelassenheit" der am häufigsten geäußerte Vorsatz der Deutschen für 2010. Schon rund 80 Prozent von ihnen empfinden ihr Leben als stressig, jeder Dritte fühlt sich sogar im Dauerstress -– in Job und Privatleben, Schule oder Studium. Das ergab eine Forsa-Umfrage unter 1014 Menschen zwischen 14 und 65 (im Januar 2009). Was die deutschen Rentner stresst, erfahren wir aus der Studie nicht. Relativ am entspanntesten lebt es sich aber anscheinend in Bayern, wo sich von den Befragten nur knapp jeder Vierte gestresst fühlt.
Wo das Unter-Strom-Stehen zum gesellschaftlichen Dauerzustand zu werden droht, muss das Abschalten erst wieder gelernt werden. Zudem der Einzelne den richtigen Moment dafür kaum jemals frei wählen kann – schon gar nicht im Straßenverkehr, in einem Meeting oder beim Mannschaftssport. Spontane Aussetzer werden bestraft, Sekundenschlaf am Steuer kann tödlich enden. Langsamkeit gilt nur im Roman als Tugend.
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Die Zigarette ist als Entspannungsmittel in Verruf geraten, der Alkohol für viele längst nicht mehr der harmlose und selbstverständliche Freund am Feierabend: Mit dem sogenannten Erleichterungstrinken beginnt bereits die Sucht. Und Tabletten helfen allenfalls kurzfristig, Stressfolgen wie Schlafstörungen, Kopf- und Magenschmerzen zu betäuben. Dass das eigene Liebesleben zur Entspannung beiträgt, ist zwar in vielen Fällen richtig, aber absolut nicht garantiert. Statistisch erwiesen ist, dass Singles mehr an Stress leiden als Menschen in intakten Beziehungen – am besten mit fest geregelten Schlaf- und Essenszeiten.
Gerade weil sie uns immer schwerer fällt, gehört die Entspannung (wie die Jagd nach dem Glück) mittlerweile zu den großen Mythen der Gegenwart. Sie wird ersehnt als beruhigender Ausgleich zu all den Aktivitäten, die uns oft den vollen Kräfteeinsatz abverlangen – im Beruf, im Haushalt, bei der Kindererziehung. Doch sogar die – gern voll verplante – Freizeit lässt kaum noch Raum zum klassisch-naiven Verschnaufen. Wer behauptet, dass ihn beim superschnellen Computerspiel gerade die maximale Nervenbelastung chillt, trainiert bloß für den Burn-Out. Manche Ego-Strategen glauben, erst Marathons laufen zu müssen, um jenen Zustand rauschhafter Erschöpfung zu erreichen, den man einst nach sechs Stunden Holzhacken verspürte. Auch diese "Entspannung" ist teuer erkauft und nicht gerade gesund.
Ist dieser ganze Aufwand nötig? Geht es nicht auch einfacher? Man sollte doch meinen, es gebe genügend überlieferte, ganz natürliche Methoden, um Körper, Geist und Seele wieder in das Gleichgewicht zurückzubringen, das so oft gestört ist. Das heiße Vollbad, die Sauna, der Spaziergang durch Wald und Wiese oder die Siesta in der Hängematte haben doch immer ihre Wirkung getan. Jeder hat doch seinen speziellen Trick zum Abtauchen und Kräfte tanken, oder nicht? Mich hat als Kind Mutters Erzählung von der alten Bäuerin aus dem Riesengebirge fasziniert, die sich jeden Mittag nach dem Essen auf die Ofenbank setzte, ihre Schürze über den Kopf hob – und dann eine Stunde lang nicht gestört werden durfte. Danach surrte sie wieder wie ein geölter Blitz durch Haus und Stall, energiegeladen und gut gelaunt.
Doch da der Mensch im Informationszeitalter verlernt hat, auf seine innere Stimme zu hören (die ihm sagt, wenn der Körper eine Pause braucht), muss er früher oder später die Experten fragen oder einen Kurs buchen. Das nicht mehr zu überschauende Hilfsangebot reicht heute vom Akupressurgriff in die Daumenmulde zur augenblicklichen Stressreduktion über halbstündige Massagen und ausdauernde Yoga-Übungen bis hin zur einwöchigen Fasten-Meditation mit Schweigegelübde in ausgewählten bayerischen Klöstern.
Und natürlich hat die Wellness-Industrie in den vergangenen Jahren nicht schlecht vom anschwellenden Strom der Entspannungsuchenden gelebt, die der Illusion erliegen, in zwei bis sieben Tagen lasse sich wieder reparieren, was man im Alltagskrampf alles verspannt und überspannt hat. Und ob man erholt aus dem Urlaub zurückkommt oder gerädert, hängt nicht zuletzt davon ab, wie viel Programm man sich in die freie Zeit gestopft hat – anstatt sich endlich mal zurückzulehnen.
So viel steht fest: Entspannungsverfahren, die dem Geplagten langfristig helfen sollen, eine heilsame Antwort auf seine übermächtigen Stressreaktionen zu finden, müssen eingeübt werden wie eine neue Ernährungsweise. Die Entspannungsreaktion, so definiert es die Medizin, äußerst sich neuronal als Aktivierung des Parasympathicus und einer Schwächung des Sympathicus. Typische Reaktionen während der Entspannungsphase sind eine ruhige Atmung sowie spürbar sinkende Puls- und Blutdruckwerte. Die Durchblutung der Haut wird verbessert und die Muskelspannung nimmt ab. Magen-/Darm- und Sexualfunktionen werden angeregt und das Immunsystem wird gestärkt. Auch das Gehirn soll zur Ruhe kommen; seine elektrischen und neurovaskulären Aktivitäten werden messbar verändert, schon bei regelmäßigen Atemübungen und Meditation. Andere schwören auf autogenes Training.
Durch häufiges Wiederholen dieser Entspannungstechniken wird das zentrale Nervensystem entlastet und stabilisiert. Es wird den Übenden bald immer bewusster, wie direkt Körper und Geist zusammenwirken. Das vegetative Nerven- sowie das Immun- und Hormonsystem kommen in einen ausgeglichenen Zustand zurück. Neben dem Gefühl von Entspannung und Wohlbefinden löst das Erlebnis der Selbstheilungskräfte eine tiefe Zufriedenheit aus. Und der Mensch wird wieder belastbarer und bekommt frische Energie. Nie war die Nachfrage nach solchen Lebenshilfen größer. Yoga ist im Moment beim Mittelstand sehr in Mode, wie zuvor schon in den 20ern und 70ern des vergangenen Jahrhunderts.
Wer es praktiziert und davon erzählt, wird nicht mehr als esoterischer Spinner betrachtet, sondern bewundert. Zur ersten deutschen Yoga-Messe im Januar in München pilgerten Tausende ins Messezentrum und standen Schlange für Experten-Workshops, Gummimatten in schicken Farben und die neuesten Yogi-Tees. Entspannt und gelassen zu sein ist eben nicht mehr bloß ein zufälliges Attribut, sondern fast schon ein Statussymbol. Wie hart dieser smarte Lebensstil, dem man die Anstrengungen des Erfolgs nicht anmerken soll, in Zeiten der Krise erarbeitet werden muss, kann jeder erahnen, der es selbst versucht. Selbst der coole Präsident Obama verliert irgendwann die Nerven – und sofort an Prestige.
Das meist unrealistische Ideal einer perfekten Balance zwischen Arbeit und Freizeit, Beruf und Familie, treibt die sozialen und psychischen Anforderungen an Mann und Frau noch höher. Sie werden verinnerlicht als zusätzlicher Stress. Eine ganze Entspannungsindustrie erfindet deshalb für die Stadtneurotiker immer neue, attraktive Methoden, die immer schneller wirken sollen, damit der Motor bald wieder läuft, die verlorene Spannkraft wieder erreicht wird. "15 Minuten am Tag genügen!"
Denn Entspannung wird in der Berufswelt und anderen Leistungszentren immer nur als Atempause gestattet, als kurzfristige Regeneration. Sie darf nicht soweit reichen, dass sie den freien Blick auf die Ursachen der Überlastung erlaubt. Es geht oft nur um das Anzapfen bisher ungenutzter Kraftreserven, einer optimalen Organisation individueller Ressourcen.
Vom Mentaltraining erhofft man sich Vorteile im Konkurrenzkampf, im Spitzensport wie im Topmanagement. Wer zuerst die Nerven verliert, hat verloren. Und in dem Maße, wie das bipolare Prinzip von Anspannung und Entspannung alle Bereiche des Lebens erobert, wird die selbstbestimmte Muße aus dem Alltag verdrängt wie ein verbotenes Laster. In Wirklichkeit kommt uns dabei aber nicht weniger abhanden als das Wissen um ihren kulturellen Wert und ihre natürliche Kraft. Wir verlieren die Mitte.
Doch selbst wenn die westlichen Verwerter östlicher Heilslehren wie Yoga und Zen-Meditation diese – losgelöst von ihrem spirituellen Hintergrund – zu bloßen Gymnastikübungen für Hirn und Muskeln degradieren, ist es allemal besser, seine Abende damit zu verbringen, als Hilfe bei Medikamenten und Alkohol zu suchen. Meditation im stillen Kämmerlein und Tai Chi im Park haben noch keinem geschadet.
Erfolgreiche Tänzer, Bogenschützen oder Skiflieger wissen genau, wie wichtig der Einklang von Geist und Körper im entscheidenden Moment ist. Sie bewegen sich genau auf jenem schmalen Grat zwischen höchster Konzentration und totaler Gelassenheit, den ungeübte Amateure nie erreichen. Eine Buddhafigur auf sein Fenstersims zu stellen, mag zwar auch ein Statement sein, ein Protest gegen die laute Welt. Zu einer gelassenen Grundhaltung gehört mehr, nämlich der Mut zum Nein: Wirklich entspannt ist erst, wer sein iPhone abschaltet und der nervenden Umwelt klar und deutlich zu verstehen gibt: Ihr könnt mich für die nächsten Stunden/Tage gern haben, ich will nicht gestört werden! Das war das Erfolgsrezept der schlesischen Bäuerin. Und damit kann man sehr alt werden.
STRESS ADE!
Autogenes Training
Das von Johannes Heinrich Schultz vor 80 Jahren erfundene Verfahren arbeitet mit suggestiven Formeln. Der Übende konzentriert sich auf Vorstellungen wie "Mein rechter Arm wird ganz schwer" oder "Mein Atem geht ruhig und gleichmäßig." Es ist eine leicht zu lernende und seit langem erfolgreiche Art der Selbsthypnose. Nach längerem Training kann man insgesamt ruhiger und ausgeglichener werden.
Progressive Muskelentspannung
Der Patient spannt nacheinander einzelne Muskelgruppen an und lässt sie wieder los. Dabei achtet er zunehmend auf die Unterschiede zwischen Anspannung und Entspannung. Eine gute Methode, um seinen Körper wieder richtig wahrzunehmen. Mit fortschreitender Übung können tiefe und lang anhaltende Entspannungseffekte erzielt werden.
Yoga
Das indische Yoga weist einen von Millionen erprobten Weg, Körper, Geist und Seele in ein kontrolliertes Gleichgewicht zu bringen. Körperstellungen (Asanas) und Atemübungen (Pranayama) sind nur Teil eines philosphischen Systems. Das "In-sich-gehen” bei Yoga und die Tiefen-Entspannung können stressbedingte Beschwerden mindern. Das "Asanas-Yoga" trainiert die Muskelausdauer und das Gleichgewicht. Das Stretching bei vielen Übungen erhält die Beweglichkeit. Doch man braucht Geduld.
Meditation
Eine unendliche Vielzahl von Meditationsarten wird angeboten. Gemeinsam ist ihnen die Konzentration auf den eigenen Atem und das Innere. Dabei soll der Übende lernen, seine Gedanken wie ein Zuschauer an sich vorbeiziehen zu lassen. Die positive Wirkung setzt schon nach vier bis sechs Wochen ein. Viele erreichen durch regelmäßiges Meditieren eine erstaunliche Gelassenheit, ganz wenige Erleuchtung.
Qi Gong und Tai Chi
Aus China stammende Praktiken, eine Art dynamische Meditation. Durch harmonisch fließenden Bewegungen werden die Körper gelockert und die blockierten Energieströme freigesetzt. Kann in Gruppen erlernt und allein praktiziert werden. Sieht gut aus und tut auch gut.
Hypnose
Für schwere Fälle von Stress zu empfehlen. Tiefe Entspannungszustände können in Trance erreicht werden. Oft genügt eine einmalige Behandlung durch einen professionellen Hypnotiseur, deren Wirkung der Patient durch das Abhören suggestiver Audio-CDs immer wieder abrufen kann.
Autor: stc
Autor: Stephan Clauss


