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19. Juni 2012
Gute Noten
Einsatz von Arbeitslosen in der Altenbetreuung hat sich bewährt
Arbeitslose als Altenbetreuer? Eine aktuelle Studie zeigt, dass sich das einst so umstrittene Vorhaben der ehemaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt bewährt hat.
BERLIN. Die Aufregung war enorm. Als die frühere Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) 2008 vorschlug, in Alten- und Pflegeheimen so genannte Betreuungskräfte einzusetzen, hagelte es Kritik von Gewerkschaften, Medien und Wohlfahrtsverbänden. Schmidts Plan führe zu einer Discount-Pflege. Eine Studie des "Instituts für Gesundheits- und Sozialforschung" (IGES) zeigt nun, dass sich das einst so umstrittene Vorhaben Schmidts bewährt hat.
Auch dass die Ministerin Arbeitslose für die neuen Stellen gewinnen wollte, werteten die Kritiker damals als verkehrt. Erwerbslose seien dafür nicht qualifiziert. Inzwischen sind dennoch etwa 16 000 Betreuungskräfte in Heimen tätig – also Mitarbeiter, die nicht die eigentliche Pflege übernehmen, sondern mit demenzkranken Bewohnern spielen, kochen, spazieren gehen, basteln, singen oder einfach nur über ihr Leben und ihre Erinnerungen plaudern. Dass Schmidts Konzept aufgegangen ist, liegt im Wesentlichen daran, dass in Berlin niemand daran gedacht hatte, quasi mit einem amtlichen Federstrich irgendwelche Interessenten zu Betreuungskräften zu machen. Vielmehr war der Plan der Großen Koalition ein Angebot, sich mit einer theoretischen Schulung von 160 Stunden und einem zweiwöchigen Praktikum zu einer Kraft schulen zu lassen, die den Alltag von altersverwirrten Menschen gestaltet.Werbung
90 Prozent dieser Pflegekräfte sind Frauen. Fast die Hälfte der Alltagsbetreuer sind zwischen 45 und 55 Jahren alt. Und fast 40 Prozent der Betreuungskräfte waren zuvor arbeitslos, 17 Prozent gingen einem Minijob nach. Auf die Frage, welchen Bildungsabschluss sie einmal erworben hatten, gab die Hälfte der Alltagshelfer die Mittlere Reife an, ein Fünftel verfügt über ein Fachhochschuldiplom. Für die Mehrzahl war der Umgang mit älteren und dementen Menschen durchaus vertraut, weil sie vor ihrer Schulung schon ehrenamtlich in der Pflege tätig waren oder pflegebedürftige Angehörige oder Nachbarn versorgt hatten.
Nach Angaben der IGES-Studie sind nicht nur die meisten Betreuungskräfte mit ihrer Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden. Auch die Heimleitungen begrüßen zu 96 Prozent die Unterstützung. "Das sind zusätzliche Bezugspersonen, die Zeit haben", meint Susanne Bokelmann, die Leiterin der Sozialen Betreuung im Seniorenzentrum in Köln-Riehl.
Zusätzliche Mitarbeiter einzustellen, genau das war die Absicht der Großen Koalition gewesen. Deshalb nimmt sich im Nachhinein die Kritik kurios aus, die von den Wohlfahrtsverbänden vorgebracht worden war. Die anspruchsvollen Tätigkeiten im Umgang mit altersverwirrten Menschen, so betonte es das Diakonische Werk, sollten von Fachkräften erbracht werden. Allerdings haben die Fachkräfte mit der eigentlichen Pflege alle Hände voll zu tun, so dass keine Zeit zum Basteln, Singen oder Backen bleibt. Diese Lücke wollte Schmidt mit Hilfe der Betreuungskräfte schließen. Und wie sich zeigt, leisten die Kräfte genau das. Hätten Schwarz-Rot und Ulla Schmidt 2008 ihr Vorhaben nicht durchgesetzt, müssten viele Demenzkranke auf Anregung und Alltagsgestaltung verzichten.
Autor: Bernhard Walker



