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26. September 2011

Gipfel in New York

Epidemie der Wohlstandskrankheiten in der Dritten Welt

Schon einmal sahen die Vereinten Nationen die Gesundheit derart in Gefahr, dass sie einen Sondergipfel einberiefen. Das war 2001 wegen Aids. Am 19. und 20. September haben die UN nun wieder alle Staatsvertreter zu einem Gipfel nach New York geladen.

  1. Mit dem westlichen Konsumangebot auch gesundheitlich überfordert: Menschen in der Dritten Welt Foto: AFP

Sie sorgen sich erneut aufs Ärgste um die Gesundheit: Eine Pandemie chronischer Krankheiten rolle über die Entwicklungs- und Schwellenländer, warnen sie, weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit.

Diabetes, Herzkreislaufleiden, Krebs und Atemwegserkrankungen – vermeintliche Seuchen der Reichen – grassieren unter den Armen. 36 Millionen Menschen sterben daran jedes Jahr in Entwicklungs- und Schwellenländern – viermal mehr als in den Industrienationen. Bis 2030 soll sich die Zahl der Diabetiker im Mittleren Osten, in Indien und Afrika mehr als verdoppeln. Die Pandemie sei bedrohlicher als die Finanzkrise, urteilt das sonst so nüchterne Weltwirtschaftsforum und beziffert die Kosten 2009 auf bis zu eine Trillion US-Dollar. Eine Zahl mit 18 Nullen.

Der Kampf gegen HIV und TBC ist noch nicht gewonnen.

Es steht viel auf dem Spiel: Die WHO warnt vor einer neuen Welle der Armut. Schon jetzt treibe die Behandlung chronischer Erkrankungen jedes Jahr 100 Millionen Menschen in den Ruin und sprenge die labilen Gesundheitssysteme der Schwellenländer. "Die Millennium-Entwicklungsziele werden nicht erreicht, solange nicht ernsthafte und gemeinsame Maßnahmen gegen chronische Erkrankungen ergriffen werden", spricht Arun Chockalingham, Direktor des US-National Heart Lungs and Blood Institute in Bethesda, aus, was Experten längst wissen: Der Kampf gegen Aids, Malaria und Tuberkulose ist noch nicht gewonnen, und schon wächst eine gigantische neue Gesundheitskrise heran.

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Bisher geschieht praktisch nichts dagegen. Laut Chockalingham wendet die WHO weniger als 15 Prozent gegen chronische Krankheiten auf. Die Weltbank und der Bill- und Melinda-Gates-Foundation geben nicht mehr als zwei Prozent ihres Gesundheitsetats dafür aus. Hilfsorganisationen und westliche Länder haben das Problem nicht erkannt, klagt Chockalingham.

Mit dem Gipfel in New York soll sich das ändern. "Das ist eine einzigartige Gelegenheit, um eine globale Bewegung gegen nicht übertragbare Erkrankungen anzustoßen wie vor einem Jahrzehnt gegen Aids", schreibt ein Zusammenschluss von 2000 Gesundheitsorganisationen, die NCD-Allianz, im April im Fachjournal Lancet.

Nur dieses Mal gibt es keinen Virus, vor dem man sich schützen kann, sondern vielschichtige Ursachen, die im Verhalten der Menschen begründet sind. Vor allem die Verwestlichung des Lebensstils trägt laut WHO zur Zunahme der chronischen Erkrankungen bei: zu viele ungesunde Fette, generell zu fette, zu süße und zu ballaststoffarme Nahrung, Alkohol und Zigaretten, gepaart mit großem Bewegungsmangel.

Diese ungesunde Lebensweise hat sich in den reichen Nationen über Jahrzehnte allmählich eingebürgert. Aber: "Die Ernährungsumstellung vollzieht sich in den Schwellenländern so rasant wie nie", analysiert der Mediziner Prakash Shetty von der University of Southampton Medical School. Menschen, die vom Land in die Stadt ziehen, arbeiten nicht mehr körperlich, sondern meist sitzend in einer Fabrik. Statt von Gemüse und Obst ernähren sie sich von süßem, fettigem Fastfood und kalorienreicher importierter Fertignahrung. "China ist überzogen von Kentucky Fried Chicken und McDonalds", berichtet der Londoner Epidemiologie Philip James und Präsident des internationalen Netzwerks zur Erforschung des Übergewichts. Er wirft der Industrie vor, die Menschen krank zu machen. Fakt ist: Nie war kalorienreiches und übersüßtes Essen in den Städten der Schwellenländer derart breit und preiswert verfügbar. Die Großstädte sind die Schmelztiegel der chronischen Seuchen.

Ein biologisches Erbe macht jene, die einst Hunger litten, besonders sensibel für die modernen Erkrankungen: Infolge des Nahrungsmangels gebären sie kleinere Babys, die alles Essbare maximal verwerten. Diese zierlichen Kinder werden bei einem Überangebot besonders rasch dick, diabetisch und herzkrank. Die Bürde der jahrelangen Unterernährung wies der britische Epidemiologe David Barker in den 90er Jahren zum ersten Mal nach. Bis heute wurde sie dutzendfach bestätigt.

James erhebt auch schwere Vorwürfe gegen die globale Nahrungs- und Genussmittelindustrie: "Die korrumpieren die Regierungen und überziehen die Armen mit übelstem Junkfood." Von einem Mitarbeiter eines namhaften europäischen Lebensmittelkonzerns erfuhr er, dass Waren für den karibischen und zentralamerikanischen Markt wesentlich mehr Salz und Zucker enthalten. Branchenkenner berichten Ähnliches über Waren für den Mittleren Osten. International tätige, auch deutsche Unternehmen liefern dorthin Softgetränke und Fertigprodukte, die wesentlich süßer sind als für den europäischen Markt. Im Orient leben die dicksten Frauen der Welt. Die Rate an Diabetes steigt rasant.

Die Folgen sind verheerend und absehbar. So handeln sich die Schwellen- und Entwicklungsländer in atemberaubendem Tempo die Gesundheitsprobleme des Westens ein. Diabetes, Herzkreislauferkrankungen, Krebs und Atemwegserkrankungen breiten sich allen voran in Lateinamerika, Südostasien, im Mittleren Osten und in einigen afrikanischen Ländern rasant aus. In Indien und China leben jeweils mehr Diabetiker als in den USA; in Ägypten sind mehr Menschen übergewichtig.

Im indischen Kerala ist

jede dritte Frau zuckerkrank.

Während der Blutdruck der Westeuropäer von 1980 bis 2008 gesunken ist, stieg er in Ozeanien, in Ostafrika, in Süd- und Südostasien an. Die globale Diabeteskarte hat sich verschoben. Die Erkrankung lastet mittlerweile besonders schwer auf Lateinamerika, Süd- und Zentralasien, auf dem karibischen Raum und dem Mittleren Osten. Im indischen Bundesstaat Kerala haben 30 bis 40 Prozent der Frauen Diabetes; in England sind es nur sieben Prozent.

Die Antworten gegen die Pandemie chronischer Erkrankungen kennen die Industrienationen auswendig: gesünderes Essen, weniger Fett, weniger Salz, weniger Zucker, Zigaretten und Alkohol, mehr Bewegung und Zugang zu preiswerten Medikamenten. Neun Milliarden US-Dollar pro Jahr seien dafür nötig, hat die NCD-Allianz ausgerechnet.

Man darf zweifeln. Denn in Europa war der Widerstand der Industrie stets gigantisch und die Erfolge karg. Der Blutdruck sinkt, aber Diabetes, Asthma und Herz-Kreislauferkrankungen weiten sich aus. Man kann trotzdem hoffen: Nach dem Gipfel der Vereinten Nationen von 2001 ist es gelungen, Aids zumindest ein Stück weit zurückzudrängen.

Autor: Susanne Donner