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15. März 2010
"Helm tragen!"
BZ-INTERVIEW: Der Hirnforscher Michael Hüll über Demenz- und Alzheimerprävention sowie gedächtnisförderndes Essen.
Mit einem Getränk aus dem Supermarkt will die Firma Danone demnächst Alzheimer vorbeugen und dem Gedächtnis auf die Sprünge helfen. Andere schwören auf Nüsse als Nervennahrung. Kann Alzheimer-Prävention wirklich so einfach sein? Charlotte Reinhard fragte den Gedächtnisexperten und Alzheimerforscher Michael Hüll von der Uniklinik Freiburg.
BZ: Herr Professor Hüll, die Firma Danone macht uns Hoffnung, dass ein Cocktail der Wirkstoffe Uridin, Cholin und Omegafettsäuren die Nerven im Gehirn sprießen lässt und das Gedächtnis fördert. Klingt das für den Experten plausibel?Hüll: Es wäre schön, wenn es so einfach wäre. Das Wachstum von Nerven hängt natürlich von Fetten und unterschiedlichen Nährstoffen ab. Wenn Sie in einer vollkommen fettfreien Umgebung leben würden, wäre es auf jeden Fall sinnvoll, diese Zusatzstoffe zu sich zu nehmen. Bei dem Nahrungsangebot in Deutschland ist eine derartige Mangelernährung aber sehr unwahrscheinlich. Der Zusatz der Stoffe, die gerade genannt wurden, bringt also aller Wahrscheinlichkeit nach keinen zusätzlichen Nutzen.
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BZ: Nüssen wird ja auch eine denkfördernde Wirkung zugeschrieben. Kann man durch die Auswahl bestimmter Nahrungsmittel Alzheimer vorbeugen?
Hüll: Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass "mediterrane Diätkomponenten" günstig sein sollen, also eine Ernährung, wie sie in den Mittelmeerländern üblich ist. Dazu gehören auch Omega-3-Fettsäuren, wie man sie aufnimmt, wenn man einmal in der Woche Fisch isst. Außerdem soll es laut dieser Studie Empfehlenswert sein, weniger Fleisch und mindestens zwei- bis dreimal am Tag Obst zu essen. Das sind aber alles generelle Nahrungsmittelempfehlungen, die nicht nur dem Gehirn, sondern auch Herz und Kreislauf gut bekommen.
BZ: Das heißt, man kann tatsächlich übers Essen die Merkfähigkeit beeinflussen?
Hüll: Die Sache hat einen großen Haken. Es wurde zwar festgestellt, dass in Kreta und Griechenland früher weniger Menschen an einer Demenz litten. Und wir wissen auch, dass sich die Menschen damals sicherlich anderes als wir heute ernährt haben. Beides muss aber nicht unbedingt kausal zusammenhängen. Vielleicht sind auch andere Lebensstil-Komponenten dafür verantwortlich, dass das Leben im Süden dem Gedächtnis offensichtlich wohl bekommt, beispielsweise weil es manchmal weniger stressig ist.
BZ: Gibt es dafür denn Anhaltspunkte? Hüll: Interessanterweise leiden die Griechen inzwischen ähnlich oft unter einer Demenz wie wir Deutschen. Das wirft natürlich Fragen auf: Haben sich die Griechen uns angepasst, sowohl was die Ernährung als auch was Stressfaktoren angeht? Oder hat man dort früher einfach weniger genau hingeguckt. Vielleicht waren die Menschen damals einfach toleranter und haben gesagt, der Opa ist halt etwas vergesslicher, was soll’s. Und es wurde dann eben kein Arzt aufgesucht.
BZ: Nehmen wir doch einfach mal an, es sind tatsächlich Fisch, Obst und Oliven, die dem Gedächtnis so gut bekommen. Wenn ich jetzt mit 30 Jahren meine Ernährung umstellen würde, wie sehr würde das mein Alzheimer-Risiko senken?
Hüll: Es gibt Berechnungen, die besagen, dass schon fünf Jahre mediterrane Kost reichen, um den Beginn einer Alzheimer-Erkrankung deutlich hinauszuzögern. Konkret: Wenn sie sich fünf Jahre lang besser ernährt haben, soll sich auch der Beginn der Alzheimererkrankung um fünf Jahre verzögern. Man kann es auch anders ausdrücken und sagen, mit einer solchen Diät können Sie ihr Demenzrisiko halbieren. Statt sechs Prozent beträgt dann ihre Wahrscheinlichkeit, mit 75 Jahren Alzheimer zu bekommen, nur noch drei Prozent.
BZ: Was kann man in jüngeren Jahren tun um einer späteren Alzheimererkrankung vorzubeugen?
Hüll: Den wichtigsten Faktor hat man nicht selbst in der Hand: Wir können uns unsere Eltern und damit unsere Gene nicht aussuchen. Wobei der Einfluss des Erbguts auf das Demenzrisiko nur etwa die Hälfte der Miete ausmachen dürfte.
BZ: Das bedeutet aber, wenn bereits meine Großeltern irgendwann an Alzheimer erkrankt sind, dann habe auch ich ein hohes Risiko?
Hüll: Nein, entscheidend ist vor allem das Alter, in dem Großvater oder Großmutter erkrankt sind. Das Risiko für die nächste Generation hängt vor allem von diesem Erkrankungsalter ab. Wenn Ihre Großeltern also mit 85 Jahren erkrankt sind, brauchen Sie sich keine großen Gedanken zu machen. Begann die Demenz bereits mit 65, sollten Sie sich dagegen viele machen. Und wenn auch die Eltern mit 55 Jahren dement werden, sollte man sogar ernsthaft darüber nachdenken, eine humangenetische Beratungsstelle aufzusuchen.
BZ: Welche Faktoren sind bei der Prävention noch von Bedeutung?
Hüll: Wichtig ist vor allem die sogenannte kognitive Reservekapazität. Das heißt, Menschen mit einem sehr hohen Ausbildungsstandard bekommen statistisch gesehen erst in einem höheren Alter Gedächtnisprobleme. Wir vermuten, dass ihr Gehirn durch die längere Lernphase größere Flexibilität erwirbt und deshalb solche Verluste besser ausgleichen kann. Zudem stehen dem trainierten Gehirn auch mehr Reserven zur Verfügung, mit denen solche Einschränkungen zunächst kompensiert werden können. Die Sache hat nur einen Haken: Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, dass die Krankheit bei einem solchen Menschen auffällt, schreitet der sichtbare Gedächtnisverlust schneller als bei anderen fort.
BZ: Haben Sie sonst noch Tipps?
Hüll: Ich kenne nur Empfehlungen. Sprich: den Blutdruck einstellen zum Beispiel, ein hoher Blutdruck ist ein Risikofaktor. Dasselbe gilt wahrscheinlich auch für manche Formen von Fettstoffwechselstörungen. Eine gute Ausbildung sollte man immer anstreben, nicht nur wegen des Alzheimers. Wichtig ist auch körperliche Bewegung. Eine halbe Stunde lang flott spazieren gehen und schon steigt ihre Hirndurchblutung um 20 Prozent. Natürlich Übergewicht vermeiden, Alkoholkonsum dagegen ist im geringen Maße wohl nicht schädlich. Depressionen dagegen verdoppeln das Risiko später an Alzheimer zu erkranken. Und außerdem sollte man möglichst nicht ein schwereres Schädel-Hirn-Trauma erleiden. Zur optimalen Alzheimerprophylaxe gehört sicherlich: Sicherheitsgurt anlegen und Fahrradhelm tragen.
Autor: xewi


