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02. Februar 2009
"Wallfahrten für den lieben Körper"
BZ-INTERVIEW: Der Mediziner, Kabarettist und Buchautor Manfred Lütz über die Ersatzreligion Gesundheit.
Manfred Lütz ist Psychiater, Chefarzt und Theologe – da kommt man schon mal ins Nachdenken. Bei dem 54-Jährigen haben die klugen Gedanken sogar zu drei Büchern gereicht . Am Donnerstag, 5. Februar, predigt der Kölner Mediziner in der Pädagogischen Hochschule in Freiburg über das Thema: Lebenslust oder Gesundheitswahn? Gesundheit als Religionsersatz. Michael Brendler hat schon einmal nachgefragt.
BZ: Herr Dr. Lütz, Sie nehmen in unserer Gesellschaft einen Gesundheitswahn wahr, dem es Zeit sei, ein Ende zu setzen. Was veranlasst Sie zu dieser Diagnose?Lütz: Meiner Ansicht nach glauben die Leute heute oft nicht mehr an den lieben Gott, sondern an die Gesundheit. Es gibt Menschen, die leben heute gar nicht mehr richtig, die leben nur noch vorbeugend. Und sterben dann gesund.
BZ: Und was hat uns in diesen Gesundheitswahnsinn getrieben?
Lütz: Ich glaube, dafür ist unter anderem das religiöse Vakuum in unserer Gesellschaft verantwortlich. Wir haben uns in den vergangenen 40 Jahren den Luxus geleistet, hemmungslos auf den Kirchen herumzuprügeln, und dabei unsere spirituellen Wurzeln verloren. Geblieben ist uns aber die uralte Sehnsucht des Menschen nach dem ewigen Leben, die man schon in den Höhlenzeichnungen unserer Vorfahren erkennen kann. Und die tobt sich nun in der Gesundheitsreligion aus. Man glaubt zwar nicht mehr an das ewige Leben, aber sterben möchte man halt nicht. Und so rennen die Leute durch die Wälder, essen Körner und noch Schrecklicheres und sind am Ende doch tot.
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BZ: Aber die Reaktion ist doch nur folgerichtig: Wenn es schon nichts mit dem ewigen Leben im Himmel wird, dann soll zumindest das irdische so lange wie möglich währen.
Lütz: Mir scheint, dass die Menschen – psychologisch gesehen – tief in ihrem Inneren daran glauben, dass sie durch diese Gesundheitsrituale den Tod besiegen können. Es sind oft gerade die sehr gesundheitsbewussten Menschen, die von einer Krebsdiagnose besonders erschüttert sind. Nach dem Motto: Wegfall der Geschäftsgrundlage. Herr Doktor, ich habe das ganze Leben gesund gelebt, ich habe nicht geraucht, nicht getrunken – und ich soll Krebs haben? Sie müssen die Bilder verwechselt haben.
BZ: Gibt es noch andere Symptome des Gesundheitswahnsinns, die dem Psychiater ins Auge fallen?
Lütz: Der Witz ist, dass inzwischen sogar alle Phänomene der traditionellen Religionen in unserer Gesundheitsreligion wiederkehren: Alles, was man früher für den lieben Gott tat – Wallfahrten, Fasten und so weiter – tut man heute auch für seinen lieben Körper. Der bruchlose Übergang von der katholischen Prozession in die Chefarztvisite, die lateinische Sprache, man findet sogar die Werkgerechtigkeit wieder: Je mehr gute Werke man seiner Gesundheit tut, desto eher kommt man in den Himmel. Ich bräuchte am 1. April in Ihrer Zeitung nur einen Artikel zu veröffentlichen: Laut neuesten amerikanischen Studien werde man um drei Monate älter, wenn man einen halben Tag lang um eine Eiche rennt – schon wäre in Südbadens Wäldern Hochbetrieb.
BZ: Die Leute sind halt tiefgläubig...
Lütz: ...vor allem sind sie leichtgläubig. In diesem Bereich glauben die Menschen wirklich alles. Ich möchte behaupten, dass wir heute für unsere Gesundheitsreligion erheblich mehr Zeit und Mühe aufwenden, als es ein durchschnittlicher mittelalterlicher Christ für seinen Glauben tat.
BZ: Aber man kann doch kaum dagegen sein, dass die Menschen etwas für ihre Gesundheit tun?
Lütz: Ja eben, es ist ja geradezu blasphemisch, wenn man das sagt. Gotteslästerlich können Sie heute nur noch im Bereich der Gesundheitsreligion sein. Über Jesus Christus können Sie jeden albernen Scherz machen, aber bei der Gesundheit hört der Spaß auf. Mit dem Spruch: "Wer früher stirbt, lebt länger ewig", können Sie selbst in Kirchenkreisen blankes Entsetzen auslösen. Und für jeden Politiker gilt: Er kann in allen Bereichen mal daneben tappen, wenn es sich um das Thema Gesundheit handelt, ist ein solcher Fehltritt absolut tödlich.
BZ: Was würden sie einem Minister mit politischen Überlebenswillen also raten?
Lütz: Öffentlich sollte er immer verkünden, dass alles medizinisch Mögliche für jeden Bundesbürger selbstverständlich passieren muss. Beifall, Büfett. Sobald er aber konkret sagt, was medizinisch notwendig ist und in Folge dessen auch, was medizinisch nicht notwendig ist, gilt er fortan als nicht mehr wählbar. Die Politik darf einsparen, aber nicht einschränken. Die Gesundheitsreligion hat inzwischen sogar ihren eigenen Fundamentalismus entwickelt: Die Ethik des Heilens. Wenn Sie dieses Argument bringen, wenn Sie die Ethik des Heilens anführen, dann ist Ende der Debatte, wer heilt hat Recht. Ich erinnere nur an die Stammzelldebatte.
BZ: Ihre Prognose lautet also, wenn wir nicht zum wahren Glauben zurückfinden, werden irgendwann die Gesundheitskosten 90 Prozent unseres Staatshaushalts ausmachen?
Lütz: So ist das. Solange wir in allen Festtagsreden von Flensburg bis Passau Gesundheit als höchstes Gut preisen, ist Gesundheitspolitik nicht möglich. Denn Politik ist die Kunst des Abwägens. Ein höchstes Gut kann man überhaupt nicht abwägen. Meiner Meinung nach führt die maximale sakrale Aufladung des Gesundheitsbegriffs deshalb zu einem gravierenden politischen Problem. Und zu einem ethischen: Denn wenn nur der gesunde Mensch der eigentliche Mensch ist, dann ist der kranke Mensch, vor allem der chronisch kranke und behinderte, ein Mensch zweiter Klasse. Gehen Sie doch mal in die Fußgängerzone in Freiburg und fragen Sie die Passanten, ob man für jemanden, der unheilbar krank ist, genauso viel Geld aufbringen sollte, wie für einen Patienten, der noch gesund werden kann.Sie werden verfassungswidrige Antworten bekommen.
BZ: Allerdings hatten die Leute zwar früher vielleicht noch den wahren Glauben, sie hatten aber auch keine andere Wahl. Die Medizin jedenfalls hatte ihnen vor 100, 200 Jahren wenig zu bieten.
Lütz: So viel mehr ist das heute auch nicht. Sie mögen zwar laut den verschiedensten Studien mit dieser oder jener Maßnahme statistisch gesehen älter werden, nur werden sie das – ebenfalls laut Statistik – wahrscheinlich demenzkrank im Altenheim. Die Vorstellung, dass allein die Quantität des Lebens das Entscheidende sei, ist schon sehr merkwürdig. Wer das Sterben verdrängt, verpasst das Leben. Im Bewusstsein der Unwiederholbarkeit jeden Moments zu leben, das gibt dem Leben Würze. Gewiss, man sollte nicht immer Fastfood essen. Aber mal richtig lecker gut essen – cholesterinreich, fettreich und ein guter Wein dabei – das muss doch noch erlaubt sein.
BZ: Nur wo ist das gesunde Maß?
Lütz: Das ist eine Frage, die nur jeder für sich entscheiden kann. Gesundheit ist ein hohes Gut. Selbstverständlich ist es wichtig, mal zur Vorsorgeuntersuchung zu gehen, auf seine Ernährung zu achten und ein bisschen Ausgleichssport zu treiben. Aber deshalb muss man nicht immer darüber reden. Es gibt Leute, deren Gespräche sich nur noch um das neueste Diät- oder Fitnessprogramm drehen – das verhindert zwar nicht den körperlichen Tod, aber geisttötend ist es sofort.
