Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
06. August 2012
Jeder altert anders
Ab Mitte 20 baut der Mensch geistig ab – aber wird er deshalb auch vergesslicher und dümmer?.
Die schlechte Nachricht zuerst: Der geistige Verfall beginnt sehr früh. Schon ab Mitte zwanzig nimmt die Fähigkeit zum Denken ab – egal wie gesund oder gebildet man ist. So postuliert es einer der renommiertesten Altersforscher weltweit, Timothy Salthouse vom Cognitive Aging Laboratory der University of Virginia in Charlottesville. Für seinen Artikel, den der US-Psychologe im Jahr 2009 in der Fachzeitschrift Neurobiology of Aging veröffentlichte, hatte er Studien analysiert, in denen die geistigen Fähigkeiten von 2350 gesunden Probanden im Alter zwischen 18 und 60 Jahren getestet worden waren.
Die gute Nachricht aber lautet: Im täglichen Leben macht sich der geistige Schwund in aller Regel nicht bemerkbar. "Ein gesundes Gehirn kann ein Leben lang alle Anforderungen des Alltags bewältigen", sagt Claudia Voelcker-Rehage, Professorin am Jacobs Center on Lifelong Learning der Jacobs University in Bremen. Zwar beginne das Altern des Gehirns tatsächlich deutlich früher, als man gemeinhin denke. "Die nachlassenden Fähigkeiten beobachtet man jedoch nur dort, wo Spitzenleistungen erwartet werden", erklärt Voelcker-Rehage. "Im beruflichen und privaten Alltag sind mittlere Hirnleistungen aber meistens völlig ausreichend." Fast alle Einbußen finden sich Voelcker-Rehage zufolge zudem nur im Bereich der fluiden Intelligenz. Dazu gehören vor allem die Fähigkeiten, logisch zu denken und neuartige Probleme zu lösen. Die kristalline Intelligenz, also das Erfahrungs- und Faktenwissen sowie erlernte Fähigkeiten, bleibt im Alter hingegen stabil.
Werbung
im Alter stabil
Andreas Kruse, der an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg das Institut für Gerontologie leitet, ist ähnlicher Ansicht wie seine Bremer Kollegin. "Studien, die belegen wollen, dass Menschen im vierten Lebensjahrzehnt den Gipfel ihrer geistigen Leistungsfähigkeit überschritten haben, stehe ich sehr kritisch gegenüber", sagt der Altersforscher. Zwar zeige beispielsweise die neuronale Plastizität – also die Fähigkeit des Gehirns, auf veränderte Anforderungen zu reagieren – tatsächlich schon im dritten Lebensjahrzehnt erste Einbußen, sagt Kruse. "Da das menschliche Gehirn aber über bemerkenswerte Kompensationsmechanismen verfügt, wirken sich solche Verluste weder im vierten noch im fünften oder sechsten Lebensjahrzehnt erkennbar auf die geistige Leistungsfähigkeit aus."
Eine groß angelegte US-Untersuchung gibt den Worten der beiden deutschen Forscher recht. Im Jahr 1956 begann K. Warner Schaie von der University of Washington die Seattle Longitudinal Study, die der Psychologe und Gerontologe seither leitet. Alle sieben Jahre untersuchen er und seine Kollegen die kognitiven Fähigkeiten Tausender Probanden – unter anderem das logische und räumliche Denken sowie die Denkgeschwindigkeit.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich Menschen zwischen 40 und 60 Jahren geistig meist im besten Alter befinden. "Bei gesunden Menschen geht es erst ab 60 Jahren langsam bergab", sagt Schaie. Wer vorher kognitive Einbußen zeige, leide vermutlich an einer neurologischen Krankheit.
Schaies Studie gilt unter Experten vor allem deshalb als aussagekräftig, weil die Versuchsteilnehmer im Wesentlichen die gleichen geblieben sind und so sämtliche Veränderungen im Laufe ihres Lebens erfasst werden konnten. "Viele andere Studien hingegen vergleichen beispielsweise die geistigen Fähigkeiten von Sechzigjährigen mit denen von Siebzigjährigen", erklärt Claudia Voelcker-Rehage. "Dabei kommt es natürlich zu Verzerrungen."
Eine Untersuchung des finnischen Arbeitswissenschaftlers Juhani Ilmarinen hebt noch einen anderen wichtigen Aspekt hervor: Das Altern der Menschen verläuft sehr unterschiedlich. Ilmarinen hatte im Jahr 1998 bei 729 Probanden im Alter von 18 bis 70 Jahren anhand von sieben Merkmalen untersucht, wie gut sie ihre täglichen Aufgaben bewältigten. Heraus kam zweierlei. Zum einen zeigte sich, dass die jüngeren Altersgruppen im Durchschnitt bessere Werte erzielten. Zum anderen – und das ist vermutlich das wichtigere Ergebnis – war zu beobachten, dass die Streuung der Werte mit steigendem Alter zunahm. Es fanden sich also auch in den höheren Altersgruppen viele Frauen und Männer, die ihre Arbeit sehr gut bewältigten. Gleichzeitig gab es allerdings, verglichen mit den jüngeren Altersgruppen, einen höheren Anteil an Probanden, deren Werte im mittleren oder unteren Bereich lagen.
"Altern ist eben ein sehr komplexer und individueller Prozess", resümiert Andreas Kruse: "Je älter die Menschen werden, desto stärker unterscheiden sie sich in ihrer Leistungsfähigkeit."
Was aber passiert im Gehirn, wenn es altert? "Zunächst einmal können wir beobachten, dass das Hirnvolumen abnimmt", sagt Claudia Voelcker-Rehage. "Das liegt vor allem daran, dass die Zahl der Synapsen – das sind die Verbindungen zwischen den Nervenzellen – zurückgeht." Auch die Isolierschicht der langen Nervenzellausläufer verändere sich und damit auch die Geschwindigkeit, mit der Informationen von einer Nervenzelle zur anderen weitergegeben würden. Darüber hinaus haben Forscher beobachtet, dass das Gehirn älterer Menschen im Schnitt weniger aktiv ist als das von jüngeren. Erzielen ältere Menschen ähnlich gute Leistungen wie jüngere, ist ihre Hirnaktivität hingegen höher. "Das deutet darauf hin, dass das Gehirn jüngerer Menschen effektiver arbeitet, ältere für die gleiche Leistung also mehr Hirnressourcen nutzen müssen", so die Expertin.
Was für das Gehirn gilt, gilt auch für den Rest des Körpers: Das Altern verläuft nach keinem starren Schema. "Der fünfzigjährige untrainierte Mensch zeigt im Durchschnitt stets schlechtere Werte als der siebzigjährige trainierte Mensch", sagt Andreas Kruse.
Doch auch im Körper laufen mit den Jahren Prozesse ab, gegen die niemand wirklich gefeit ist. "Wir beobachten viele physiologische Veränderungen, die alle dazu führen, dass der Körper mit steigendem Alter längere Regenerationsphasen benötigt", so Voelcker-Rehage. So vergeht nach einer körperlichen Belastung mehr Zeit, bis die Energiespeicher in den Muskeln wieder gefüllt sind. Und ist der Stoffwechsel etwa nach einer durchzechten Nacht durcheinandergeraten, müssen Leber und Niere länger arbeiten, bevor die Dinge wieder im Lot sind. Und dennoch: "Ein gesunder Körper kann ebenso wie ein gesundes Gehirn ein Leben lang die Anforderungen des Alltags bewältigen – selbst wenn er dazu mehr Ressourcen nutzen muss", weiß Voelcker-Rehage.
Leben lang trainiert sein
Schon Schaie fand in seiner Seattle Longitudinal Study heraus, dass das Gehirn ein Leben lang trainiert sein will. "Wir konnten beobachten, dass als Erstes solche Fähigkeiten nachlassen, die nie oder nur selten geübt wurden", sagt der US-Psychologe. Use it or lose it – das englische Sprichwort trifft offenbar sowohl für das Gehirn als auch für den Rest des Körpers zu. "Beide sind ein Leben lang trainierbar", sagt Claudia Voelcker-Rehage. "Der Leistungszuwachs bleibt bis ins hohe Alter hinein nahezu stabil." Und das ist die eigentlich gute Nachricht: Wie schnell er altert, hat ein jeder Mensch zu einem Großteil selbst in der Hand.
Autor: Anke Brodmerkel





