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22. Dezember 2008

Es war einmal der Krebs

Können Tumoren ohne Therapie von selbst heilen? Eine aktuelle Studie gibt einer alten Diskussion neue Nahrung / Von Michael Brendler .

Was ist eigentlich die natürliche Entwicklung eines Tumors, fragte sich Gilbert Welch. Muss er immer tödlich sein? Oder verschwindet er manchmal, wenn man ihn nur in Ruhe lässt, wieder von selbst? In einem Gesundheitssystem, in dem jedes entdeckte Krebsgeschwür gleich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft wird, lässt sich diese Frage schwer beantworten. Dabei gibt es gute Gründe anzunehmen, dass diese Antwort sehr interessant sein könnte. Haut- und Nierenkrebs heilen gelegentlich ohne ärztliches Zutun. Bei Neuroblastomen im Kindesalter wird das Phänomen der Spontanremission sogar regelmäßig beobachtet. Warum sollte dasselbe nicht auch für den Brustkrebs gelten, dachte sich der Wissenschaftler vom Medical Center im US-amerikanischen White River Junction. Schließlich finden sich in den Brüsten verstorbener Frauen häufiger Krebszellen, als sie rein rechnerisch gemäß den offiziellen Erkrankungsziffern eigentlich auftreten dürften.

Zusammen mit dem norwegischen Pathologen Per-Henrik Zahl vom Osloer Ullevál University Hospital machte sich Welch zunutze, dass die Norweger bereits seit dem Jahr 1996 per Mammographie-Screening die gesamte weibliche Bevölkerung auf Brusttumoren durchleuchten lassen. Die beiden Mediziner verglichen die Akten von insgesamt mehr als 200 000 norwegischen Frauen zwischen 50 und 69 Jahren: Die eine Hälfte war in sechs Jahren dreimal zum Screening angetreten. Die anderen 150 000 Frauen waren bei Einführung des Programms schon so alt, dass sie nur noch einmal die Gelegenheit hatten, an einer Mammographierunde teilzunehmen. "Im Prinzip hätte man in beiden Gruppen gleich viele Krebsfälle finden müssen", so Welch – allerdings in der gescreenten Gruppe in einem früheren Stadium und bei jüngeren Frauen. Ein Irrtum: Wurden die Betroffenen nicht einmal, sondern dreimal geröntgt, entdeckten die Ärzte über die Jahre zusammengerechnet 22 Prozent mehr Tumoren. Welchs Schlussfolgerung: "Wenn einige bei der Mammographie entdeckten Geschwüre nach sechs Jahren nicht mehr nachweisbar sind, scheint die natürliche Entwicklung des Brustkrebses manchmal das spontane Verschwinden zu sein."

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"Wenn diese Hypothese glaubhaft ist", schreiben der Ulmer Experte Franz Porzsolt und der Amerikaner Robert M. Kaplan in einem begleitenden Kommentar in der Fachzeitschrift Archives of Internal Medicine, "müssen wir unsere bisherigen Forschungs- und Behandlungsmethoden gründlich überdenken."

Dass Spontanheilungen bei Krebs möglich sind, wird nur von den wenigsten Experten bestritten. Auch dem Gynäkologen Elmar Stickeler von der Universitäts-Frauenklinik Freiburg und dem Epidemiologen Nikolaus Becker vom deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) sind entsprechende Fälle bekannt. "Rein physiologisch wäre so eine Spontanheilung auch möglich. Entweder weil das Immunsystem sich gegen den Tumor durchsetzt oder die Krebszellen sich gegenseitig in den programmierten Selbstmord treiben", erklärt Stickeler. "Der klinische Alltag liefert aber ein anderes Bild." 15 bis 20 Patientinnen hat der Brustkrebsexperte selbst kennengelernt, die sich bewusst gegen eine Therapie entschieden – mit tragischem Ergebnis. Der Onkologe Herbert Kappauf, der ein Buch über das Thema geschrieben hat, schätzt in einem Interview in der Ärztezeitung, dass nur einer von 60 000 bis 100 000 Krebspatienten eine solche Spontanremission erlebt. Allerdings: Die Heilung ist in 80 Prozent der Fälle nicht vollständig – dass heißt, irgendwann beginnt der Tumor wieder zu wachsen.

Laut Welchs Studie würde jede fünfte Brustkrebspatientin nie als eine solche bekannt, weil der Tumor bei ihr in einem frühen Stadium spontan ausheilt – bevor ihn je ein Arzt zu Gesicht bekommt. Wobei auch der US-Mediziner einräumt, dass diese Zahl wahrscheinlich noch einmal halbiert werden muss. Der Grund: Jedes zehnte per Röntgenbild diagnostizierte Mammakarzinom ist laut Studien eine Fehldiagnose und kann somit kaum als medizinisches Wunder gewertet werden. Zehn Prozent bleiben aber immer noch eine gewaltige Zahl.

Manche halten auch sie noch für übertrieben. Das Hauptargument: Es sei kein Wunder, dass man mit einer Untersuchung, die wie die Mammographie jeden vierten Tumor übersieht, auf drei Röntgenaufnahmen mehr Geschwüre entdeckt als auf einer. Zumal auch der Erfolg des Krebs-Checks sehr abhängig von der Erfahrung und dem Können des Untersuchers sei. Welch hält dem entgegen, dass er zahlreiche ungescreente Frauen nach zwei Jahren ein zweites Mal vor das Röntgengerät gebeten hat. Das Ergebnis: Der Unterschied zwischen den Gruppen veränderte sich marginal von 22 auf 20 Prozent.

DKFZ-Experte Nikolaus Becker bleibt dennoch skeptisch: "Die Studie ist gut gemacht, nur die Interpretation der Ergebnisse kann ich so nicht unterschreiben." Mit einem einzigen Grund möge man das scheinbare Verschwinden der Tumoren nicht erklären können, so der Epidemiologe. Rechne man aber alle Ungenauigkeiten und Einflussfaktoren mit ein, bliebe von dem Phänomen nicht mehr viel übrig. Die Hälfte der scheinbar spontan geheilten Geschwüre lasse sich durch die mangelnde Präzision der Untersuchung erklären, mindestes ein Zehntel durch die größere Genauigkeit der Mehrfachuntersuchung. Hinzu kommen noch die im Laufe der Jahre verbesserte Technik, das veränderte Gesundheitsverhalten der Bevölkerung und andere Gründe.

"Am Schluss bleiben einige wenige Prozent übrig, bei denen eine Spontanremission des Brustkrebses nicht auszuschließen ist", so Becker. Selbst wenn ein Mammographie-Screening diesen Frauen mehr schadet als nutzt – schließlich bringt es den Betroffenen eine Behandlung ein, die sie wohl niemals gebraucht hätten – bei der überwiegenden Mehrzahl der Frauen steht dieser Nutzen weiter außer Frage. Immerhin vermag die Untersuchung nach bisherigem Wissensstand jeden vierten Todesfall durch Brustkrebs zu verhindern.

Autor: Michael Brendler