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01. März 2010 20:06 Uhr
EU-Programm
Kein kostenloses Obst an Hochschwarzwälder Schulen
Vor einer Woche ist das Schulobstprogramm in Baden-Württemberg gestartet. Die BZ wollte wissen, welche Grundschulen im Hochschwarzwald sich daran beteiligen. Das Ergebnis: keine. Denn viele wussten von nichts.
HOCHSCHWARZWALD. 90 Millionen Euro stellt die EU ihren Mitgliedsländern für das Schulobstprogramm zur Verfügung. Ziel ist es, die Ernährung für die Schüler zu verbessern und Übergewicht zu verhindern. Deutschland hat Anspruch auf 20 Millionen – doch aufgrund des hohen Verwaltungsaufwands und der notwendigen Kosten zur Mitfinanzierung verweigerten neun Bundesländer eine Teilnahme an dem umstrittenen Projekt.
Zwei Millionen Euro fließen aus dem Programm nach Baden-Württemberg, das noch einmal dieselbe Summe aufbringen müsste. Doch das Land lehnt diese Kofinanzierung ab. Die Folge: Schulträger müssten einspringen, also die Kommunen, sowie Elternvereine oder Sponsoren.
Diese Informationen kannten die Hochschwarzwälder Schulleiter allenfalls aus der Zeitung oder anderen Medien. Nicht aber vom Kultusministerium. "Ich hätte sofort ja gesagt", meint Stefan Lotze von der Hansjakobschule in Neustadt zu dieser "guten Sache". "Aber wir haben keine Anfrage bekommen". Auch im Intranet des Ministeriums habe er dazu keine Informationen gefunden, die Kommunikation sei "unbefriedigend". Im übrigen wäre die Frage der Finanzierung zu klären. Inzwischen sollten die Schulen ja selbst "für alles Sponsoren finden", was wirklich schwierig sei.
Werbung
Auch sein Kollege Peter Schwab von der Neustädter Hebelschule erfuhr nur "mal durch die Zeitung" vom Schulobstprogramm. Andererseits stoße das Kultusministerium so viel an, "man kann nicht überall mitmachen". Mit den neuen Bildungsplänen und der Werkrealschule müsse man sich aufs "Kerngeschäft" konzentrieren. Die Rektorin der Hirschbühlschule in Titisee, Simone Schelske sagt, "wir würden gerne teilnehmen", denn die Schule sei sehr an der gesunden Ernährung der Schüler interessiert. Doch hänge die Finanzierung von der Stadt ab.
Beatrix Albrecht-Tonoli, Schulleiterin der Grundschule Waldau, findet es "in Ordnung, dass Baden-Württemberg dabei nicht mitmacht, andere Sachen sind viel wichtiger". Auf dem Land sei ein solches Programm "nicht nötig, bei uns haben die Kinder täglich Obst dabei und ihr Fläschchen mit Tee oder sogar eigenem Wasser". Zudem gibt’s in der Waldauer Schule jeden zweiten Freitag die Aktion "Gesundes Frühstück", für das die Eltern sorgen.
Ihrer Zeit offensichtlich voraus sind bei diesem Thema die Grund- und Hauptschule Hinterzarten und die Grundschule Breitnau. Eine Privatinitiative von Schule und Elternbeirat macht’s möglich: Mittwoch ist Obsttag. In Hinterzarten sorgen schon seit eineinhalb Jahren reihum die Eltern jeweils einer Klasse und zwischendurch auch die Lehrer dafür, dass alle rund 120 Schüler und Schülerinnen mittwochs portioniertes Obst und Gemüse wie Karotten und Apfelschnitze, zur Saison auch mal Beeren bekommen. "Das wird sehr gern angenommen", versichert Anja Eckert, die Hinterzartener Rektorin. Ihre Breitnauer Kollegin Carina Bach teilt die positiven Erfahrungen schon im zweiten Schuljahr. Sie findet "eigene Ideen und Lösungen oft besser" als "von oben" verordnete.
"Das hört sich super an", meint Gottfried Schreiber von der Grund- und Hauptschule St. Märgen zum Schulobstprogramm, doch sei "vieles nicht geklärt". Er will das Thema in der Gesamtlehrerkonferenz besprechen, wenn er sich beim Regierungspräsidium informiert hat. Man müsse auch überlegen, wo das Obst herkomme und ob es gespritzt sei. Außerdem stelle sich bei der Verteilung die Frage, "wer macht’s"? Der Förderverein der Schule "macht schon so viel", es gebe Grenzen der Belastbarkeit.
Rektor Kurt Knosp von der Lichtenbergschule Eisenbach weiß nicht genau, "wie das funktioniert", will aber nicht ausschließen, dass es mal Werbung gegeben haben könnte für das EU-Programm. Peter Denkel von der Grundschule Rötenbach äußert grundsätzlich Interesse und meint, man müsste das mit Eltern und Kollegium besprechen.
"Vielleicht hätten wir uns mehr bemühen müssen": Gustl Frey, Rektor der Grund- und Hauptschule Löffingen, zeigt sich selbstkritisch. Doch es gebe ja so viele Wettbewerbe und Aktionen und zuletzt sei in Löffingen die Werkrealschule "beherrschendes Thema" gewesen. Wenn man Ganztagesbetreuung mit Schulspeisung im Blick habe, sollte man das Schulobstprogramm vielleicht für das kommende Schuljahr bedenken, doch "ein Sponsor müsste her". Außerdem würden Organisation und Verteilung hohen logistischen Aufwand erfordern, so Freys Einschätzung.
"Gern mitgemacht" hätte Christine Leniger mit ihrer Grundschule Bachheim/Unadingen – "aber nur mit biologischen Äpfeln", schränkt sie ein. Die Kinder hätten schon bei ihrer Einschulung "Äpfel und Körnerweckle" geschenkt bekommen. Christine Bär von der Grundschule Göschweiler/Reiselfingen nennt das Programm "grundsätzlich eine tolle Sache", doch müsse man sich aufs Wesentliche konzentrieren. Im Frühling wird ein Schulgarten angelegt und auf dem weitläufigen Schulgelände stehen mehrere Obstbäume.
An der Sommerberg-Schule Lenzkirch wird Konrektor Klaus Stoll das Thema in der nächsten Elternbeirats-Sitzung ansprechen. Generell hielte er einen Probelauf für sinnvoll, denn "es soll nichts auf dem Müll landen". "Null Infos" hatte auch Anni Oßwald von der Grundschule Feldberg-Altglashütten. Allerdings soll dort im nächsten Schuljahr ein anderes Projekt des Ministeriums anlaufen, das sei jedoch noch nicht spruchreif. Weil bei ihr gerade das "Thema Hauptschulen akut" sei, muss sich Barbara König an der Grund- und Hauptschule Schluchsee erst noch mit dem Schulobstprogramm befassen. Die Gemeinde habe jedoch schon Unterstützung signalisiert für diese "gute Sache".
Am Förderzentrum Hochschwarzwald fragte das Landratsamt für den Bereich Geistigbehinderte an. Doch "müsste ’was vom Schulbudget dazu", sagt Konrektorin Sabine Steiß, und Kochen sei in jeder Klasse Unterrichtsfach. Für den Förder- und Sprachheilbereich gebe es noch keinen Kontakt zur Stadt als Träger.
- Äpfel von Vater Staat: Schulobstprogramm startet in Baden-Württemberg
Autor: Annemarie Zwick
