Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
30. Juli 2012
Männliche Herzinfarktpatienten ändern ihr Verhalten nicht
Ein kleines Blutgerinnsel kann fast alles ändern: Löst es sich irgendwo im Körper von der Innenwand einer Ader und trifft es auf ein vorgeschädigtes Herz mit verengten Kranzgefäßen, kann es diese verstopfen.
Nur rasche Hilfe kann dann das Schlimmste verhindern. Mehr als 60 000 Menschen pro Jahr – überwiegend Männer – sterben an einem teils abgestorbenen Herzmuskel (siehe Infobox).
Für die Überlebenden, jährlich gut 220 000 Patientinnen und Patienten, beginnt nach dem Infarkt das, was man landläufig Kürzertreten nennt – zumindest eine Zeit lang. Auch der Lebenswandel müsste sich oft tiefgreifend ändern: Ess- und Trinkgewohnheiten, das Ausmaß körperlicher Bewegung, die Einstellung zur Arbeit. Leider halten längst nicht alle den neuen Kurs durch – zum Beispiel beim Verzicht auf Tabak.
"Von den Rauchern unter den Herzpatienten geben 45 Prozent das Rauchen dauerhaft auf," sagt der Psychologe Jochen Jordan, der die Abteilung für Psychokardiologie an der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim leitet. Mehr als die Hälfte werde also "nicht klug aus einem schweren Herzleiden". Seit es keine Raucherzimmer in Krankenhäusern mehr gebe, stünden die Unbelehrbaren am Eingang von Rehakliniken "wie ein rauchendes Begrüßungskomitee in Sporthosen und Bademänteln".
Werbung
Generell, so Jochen Jordan, seien die Erfolge von Rehabilitationsbemühungen auf lange Sicht "eher bescheiden" – gehe es nun um gesündere Ernährung, mehr Bewegung oder um das Praktizieren von Entspannungstechniken. "Die Leute haben paradoxerweise zwar Todesangst und beschäftigen sich intensiv mit ihr, aber Lebensstiländerungen sind extrem schwer durchzusetzen", weiß der Experte für Herz und Seele nur allzu gut.
In der ersten Angst nach einer Herzattacke braucht es keine Überredungskünste, um den Betroffenen einzuschärfen, dass ihr Leben sich ändern muss. Doch tückischerweise ist es gerade die hochentwickelte ärztliche Kunst, die überlebende Infarktpatienten oft rasch wieder auf die Beine stellt. "Dem überwiegenden Teil von ihnen geht es nach der Behandlung wieder ganz gut", sagt der Herzmediziner Stephan Baldus vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Unter diesem trügerischen Wohlbefinden – ein Fluch der guten Tat – leide dann rasch der innere Antrieb, Entscheidendes im Alltag oder im Beruf zu ändern.
Denn nicht wenige Patienten vergessen allzu leicht, dass keineswegs ihr gefährliches Leiden geheilt ist, nur weil jetzt ein Bypass gelegt oder eine röhrenförmige Gefäßstütze aus Draht (Stent) das zuvor verschlossene und dann mit einem Ballonkatheder geweitete Herzkranzgefäß offen hält und so den Blutfluss gewährleistet – zumindest vorläufig. Ein Herzinfarkt sei meist auch Ausdruck einer im Blut nachweisbaren Entzündung im Körper, einer so genannten Systemerkrankung, die "nicht mit einem Maschendrahtröhrchen im Blutgefäß zu beheben ist", fügt der Leitende Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Allgemeine und Interventionelle Kardiologie warnend hinzu. Zur Nagelprobe kommt es spätestens nach dem Verlassen der Rehaklinik. Angespornt vom besseren Befinden, setzen sich die Herzpatienten oft denselben Risikofaktoren aus, die sie in die lebensbedrohliche Lage gebracht haben. Selbst wenn sie das Rauchen tatsächlich aufgeben, wollen oder müssen sie sich wieder im Beruf beweisen – und können nicht von der fetten Leibspeise lassen. Dabei wäre eiserne Disziplin vonnöten: "Die Patienten müssen regelmäßig ihren Hausarzt aufsuchen, ihre Blutfette kontrollieren lassen und ihre cholesterinsenkenden Mittel sowie Arzneien gegen zu hohen Blutdruck einnehmen", sagt Baldus. Allzu viele sind hier bald schon zu nachlässig.
Den Lebensstil zu ändern, ist für Betroffene besonders schwer, wenn ihre Familie, Freunde oder Kollegen Veränderungswünsche nicht unterstützen oder sich ihnen sogar widersetzen. "Ein Herzpatient – zurück im Alltag – hält das in der Rehaklinik Gelernte nicht lange durch, wenn die Partnerin nicht mitmacht, also genau so kocht und einkauft wie vor der Krankheit ihres Mannes", sagt der Psychokardiologe Jordan. Das gilt auch für den Fall, dass die Frau weiterhin rauche – nach dem Motto: Warum soll ich aufhören, nur weil du einen Herzinfarkt hattest?
Frauen lassen sich von solchen äußeren Umständen meist weniger beeindrucken als Männer. Als die generell Gesundheitsbewussteren verhalten sie sich eher vernünftig. "Wie gute Studien zeigen, haben Patientinnen es da einfacher, weil sie sich eher als Männer mit Gleichgesinnten sozial verankern", konnte Jochen Jordan mehrfach erleben. Frauen träfen sich zu Hause mit Freundinnen oder Bekannten zum gemeinsamen Gehen oder Joggen, und zwar egal bei welchem Wetter. "Wenn Ausflüchte aufkommen, sagt eine von ihnen immer: Nix da, du kommst mit, ich hole dich gleich ab! Das funktioniert."
Auch im Beruf fällt es Männern schwerer, ein oder gleich zwei Gänge zurückzuschalten. Menschen mit koronarer Herzkrankheit, also verengten Herzkranzgefäßen, seien "häufig stark leistungsorientiert", sagt Georg Titscher, leitender Psychokardiologe am Wiener Hanusch-Krankenhaus. Oftmals unbewusst wollen sie über ihren Leistungswillen "ihr Selbstwertgefühl steigern". Doch gerade dieses werde durch die Herzkrankheit und ganz besonders durch einen Infarkt "weiter geschwächt".
Dadurch fällt es den Betroffenen jetzt noch schwerer, ihr Arbeitsziel zu erreichen und es mit jüngeren, noch gesünderen Kollegen aufzunehmen – ein oft ausweglos erscheinendes Dilemma, das depressiv machen kann.
fällt im Alter schwerer
Auch für Selbstständige sei das Abbremsen im Beruf "oft ganz schwer", obwohl sie vermeintlich ihr eigener Herr sind. Da heiße es dann, unter 70 Arbeitsstunden pro Woche gehe es gar nicht – "auch wenn die Einsicht bei den Patienten da ist".
Doch wie lässt sich, trotz all der widrigen Umstände, die Motivation hervorkitzeln, ein gesünderes Leben zu führen? Für den Hamburger Kardiologen Stephan Baldus "ist das alles Entscheidende eine ganz präzise Information über die Schwere der Erkrankung und die nötige Behandlung". Ihr Klinikaufenthalt dürfe den Betroffenen "auf keinen Fall bloß wie ein längerer Zahnarztbesuch vorkommen", nach dem dann alles ausgestanden sei. "Wir Ärzte müssen den Infarktpatienten klarmachen, dass die erfolgreiche Akutbehandlung keineswegs das Fortschreiten des Leidens an anderer Stelle im Geflecht der Herzkranzgefäße verhindert." Allen Erkrankten müsse klar sein, was bei einem Fortfahren im alten, ungesunden Stil für sie auf dem Spiel steht: ihr Weiterleben.
HINTERGRUND
Rund 280 000 Menschen in Deutschland erleiden jährlich einen Herzinfarkt, das sind 3,4 Fälle pro 1000 Bundesbürger. Dabei verschließt sich eines der drei Herzkranzgefäße durch ein im Adernetz sich lösendes Blutgerinnsel, so dass Teile des Herzmuskels (Myokard) nicht mehr mit Blutsauerstoff versorgt werden.
Oft war das Herzgefäß selbst durch Ablagerungen verengt – landläufig als "verkalkt" bezeichnet. Freilich verengen sich die Herzkranzgefäße durch Beläge (Plaques), die nur unwesentlich aus Kalk (Kalziumcarbonat) bestehen, sondern vor allem aus diversen Salzen, Fettbestandteilen, Eiweißstoffen und winzigen Blutgerinnseln an der Innenwand der Gefäße.
Mehr als 59 000 Menschen erlagen 2010 einem Myokard-Infarkt, etwa ein Drittel davon, bevor ein Helfer – ob Laie oder Arzt – überhaupt eingreifen konnte. Erfreulicherweise ist die Zahl solcher Todesfälle zuletzt fast kontinuierlich gesunken: Im Jahr 2000 waren noch mehr als 67 000 Menschen an einem Herzinfarkt gestorben. Gegenüber dem Jahr 2009 jedoch gab es einen Anstieg, damals starben 56 000 Menschen nach einem Herzinfarkt.
Sofern der Patient nicht rasch (möglichst innerhalb der ersten Stunde) fachgerecht behandelt wird, stirbt das vom Blutstrom abgeschnittene Gewebe binnen weniger Stunden ab. Kann der Gefäßverschluss innerhalb der ersten, so genannten "goldenen" Stunde beseitigt werden, sind die Heilungschancen am besten – weshalb Laien schnell und als erstes den Rettungsdienst anrufen sollten.
Autor: was
Autor: Walter Schmidt



