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06. Februar 2012 10:29 Uhr
Wellnesstage in Baden-Baden
Wellness – Entspannung oder Nepp?
Kräuterslipeinlagen und Ginsengkaffee: Unsere Redakteurin hat sich bei den Wellnesstagen in Baden-Baden umgesehen und einige kuriose Entdeckungen gemacht. Auch einige Besucher waren skeptisch.
Mit der Wellness ist das so eine Sache. Jeder, der ein wenig über Stress klagt, bekommt von guten Freunden umgehend ein Wellness-Wochenende empfohlen; doch was ist denn Wellness überhaupt? Ein Hotel in der Pampa mit Sauna unten drin? "Nach modernem Verständnis ein ganzheitliches Gesundheitskonzept", wie Wikipedia, das Internetlexikon unseres Vertrauens, meint? Oder "ein durch (leichte) körperliche Betätigung erzieltes Wohlbefinden", wie es der gute, alte Duden holprig, aber ganz putzig formuliert? Nun, wer am Wochenende über die Wellnesstage in Baden-Baden schlenderte, der erhielt den Eindruck, dass Wellness offenbar viel, viel mehr ist – und Wohlbefinden womöglich eine Frage des Betrachters.
Der erste Mensch, der einem im Kongresshaus zu Baden-Baden begegnet, will seinen Namen nach einiger Überlegung lieber nicht verraten ("Ich bin noch nicht so weit"). Der Mann mit Schnauzer, starkem Schwabenakzent und einem großen, grauen Drachen auf dem weißen Hemd steht hinter dem Feng-Shui-Stand und erklärt einem, dass man niemals Quittungen im Geldbeutel in Berührung mit Geldscheinen bringen sollte – "Sie aktivieren sonst das Universum, so dass mehr Geld aus Ihrem Leben gezogen wird". Bei detaillierten Nachfragen muss der Mann mit dem Ring im Ohr allerdings passen. "Ich vertrete nur meine Partnerin, genauer gesagt meine Ex-Partnerin." Der Vertreter selbst baut hauptberuflich Autos zusammen, seit 25 Jahren bei Daimler in Sindelfingen, will sich demnächst aber in der Persönlichkeitsinformatik selbstständig machen. Das sei eine Technik, die mit dem Unterbewusstsein arbeite. Dank ihr wisse er endlich, woher seine Probleme rührten. "Das hat mit einem Fluch aus dem 19. Jahrhundert zu tun, der mir auferlegt wurde", sagt der Mann und lächelt.
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Gut 150 Firmen auf vier Ebenen präsentieren an diesem Wochenende auf den Wellnesstagen ihr Hab und Gut. Am Sonntagnachmittag rechnete die Projektleiterin Muriel Allenbach mit mehr als 5000 Besuchern, die Tageskarte kostete vor Ort zwölf Euro. Links vom Feng-Shui-Stand gibt’s marokkanische Linsensuppe, Orange-Apfel-Karotte-Ingwer-Saft und Ralf Bauer. Einen Tag zuvor hat der schöne Schauspieler und Yoga-DVD-Produzent noch auf der Freizeitmesse Hannover einen Yogakurs gegeben, jetzt lehnt der 45-Jährige lässig mit Sonnenbrille auf der Kappe am Vitaminbombenstand. Ein paar Tische weiter gibt’s bunte Hemden aus Ökobaumwolle, indische Cremes, eine an den Atem angepasste Massage, Rohkost mit Dip für 2,50 Euro und Beauty-Beratungen.
Es geht aber oft auch ein bisschen weniger irdisch zu in den Gängen, durch die sich vor allem Frauen mittleren Alters schieben sowie alternativ angehauchte Pärchen. Am Stand für individuelle Engel-Beratung ist gerade wenig los, an dem für Wirbelsäulenbegradigung eines "Wunderwirkenden, der in der Kraft des universellen Geistes steht" schon mehr. Und am Stand für Aurafotografie kommt man nie dazu zu fragen, wie das funktionieren soll, weil ständig Hochbetrieb herrscht. Soeben bekommt eine Frau Mitte 50 einen schwarzen Umhang über die Brust gehängt und muss ihre Finger neben sich auf Sensoren legen. Die Aurafotografin aus Gäufelden-Nebringen verschwindet mit der Aura einer Augenärztin hinter einer Kamera und knipst. "Spüren Sie momentan eine Belastung?" fragt sie später, den Blick auf das gelborangefarbene Aurafoto ihrer Klientin gerichtet, während der Beratung. "Jooo...", sagt die Frau, die dafür 40 Euro zahlen wird. "Wer nicht . . .?" antwortet die Aurafotografin und lächelt verständnisvoll. Gar nicht verständnisvoll reagiert die Chefin des Aura-Channeling-Stands auf den Wunsch, ihre Schilder abzulichten, "keine Fotos!".
Im zweiten Obergeschoss stehen zwei Freundinnen um die 50, die nahe Baden-Baden wohnen, mit Bäckereitüte am Treppenhausgeländer. Sie sei nicht so eine Esoterikspezialistin, sagt die eine, aber es habe sich trotzdem eingebürgert, dass sie zu den Wellnesstagen komme, die in diesem Jahr zum siebten Mal stattfinden. "Ich sehe das als Entspannungstag an." Sie habe einige Krankheiten und erhoffe sich Tipps, sagt die andere. Aber erstens habe sie sich mehr Gratisangebote erhofft und zweitens etwas mehr Diskretion: "Ich lege mich hier doch nicht vor allen Leuten auf eine Schüttelbank."
Im Vortragsraum zwischen Qigong- und Yogaübungszimmern sitzt eine ältere Frau im eleganten hellbraunen Mantel und wird sich den Vortrag "Schöne Haut durch Ernährung?" anhören. Ob sie schon ihre Aura fotografiert habe? "Ich bin interessiert, aber auch skeptisch." Sie sei seit vielen Jahren Schmerzpatientin, leide unter anderem unter Fibromyalgie ("Ich fühle mich manchmal, als ob mir die Haut vom Körper brennt") sowie Arthrose und habe unzählige Operationen hinter sich. Da öffne man sich irgendwann auch für Methoden jenseits der Schulmedizin. Die Wirbelsäulenbegradigung habe sie mal für teures Geld machen lassen, "gebracht hat es nichts".
Ein Standbetreiber aus Würzburg – rosa Hemd, bunt kariertes Sakko, Bundfaltenhose –, der im Durchgang zwischen Vortragsräumen und Essensständen mit seiner malaysischen Frau Kräuterslipeinlagen und Ginsengkaffee verkauft, ist zufrieden mit dem Messeverlauf. Sie seien nahezu jedes Wochenende auf Messen, sagt er. Vorige Woche in Heilbronn sei das Kaufverhalten der Besucher sehr zurückhaltend gewesen – und im Osten laufe das Geschäft allgemein nicht besonders gut. Aber hier in Baden-Baden, in der wohlhabenden Kurstadt, sei das Publikum durchaus sehr aufgeschlossen.
Autor: Martina Philipp


