Influenza

Wiederholte Grippe-Impfungen mindern den Schutz – aber helfen trotzdem

Michael Brendler

Von Michael Brendler

Mi, 05. Dezember 2018 um 12:13 Uhr

Gesundheit & Ernährung

Jährliche Influenza-Impfungen mindern womöglich den Schutz: Im vergangenen Jahr war von den Wiederholungs-Impfern nur einer von zehn geschützt. Experten bleiben dennoch bei Impfempfehlung.

Dem ersten Mahner wollte vor fast vierzig Jahren keiner richtig glauben. 1979 berichtete der britische Mediziner Trevor Hoskins über eine seltsame Beobachtung. Er hatte in einem Internat in der Nähe von London 800 Jugendliche gegen Grippe geimpft und festgestellt: Die Spritze wirkte nicht bei allen Jungen gleich.

Der Schutz gegen die Influenza funktionierte bei den einen nur halb so gut wie bei den anderen. Und zwar handelte es sich genau um die Schüler, die schon im Jahr zuvor geimpft worden waren – eigentlich hatte man das Gegenteil erwartet. Mit dem "Hoskins Paradoxon" gelang es Hoskins zwar, sich in die medizinischen Geschichtsbücher einzutragen. Schon bald jedoch schien sich niemand mehr dafür zu interessieren.

Spätestens seit vergangenem Jahr kann davon keine Rede mehr sein. Das "Hoskins Paradoxon" hat sich zu einem der heißesten Themen in der Influenzaforschung gemausert. Schon in Australien fiel 2017 die Grippewelle im dortigen Winter – unserem Sommer – besonders schwer aus, später zogen die Viren auf die nun winterliche Nordhalbkugel weiter. Und zeigten sowohl hier wie dort dieselbe rätselhafte Eigenschaft: Nach den Ungeimpften war die Gruppe, der sie am übelsten zusetzten, dieselbe wie schon in Hoskins’ Internat: Menschen, die sich bereits im Vorjahr hatten impfen lassen. Ein Schutz durch die erneute Impfung war bei ihnen bloß in einem von zehn Fällen zu beobachten. Bei Neugeimpften wirkte die Spritze viermal stärker.

"Hoskins’ Paradoxon" eher Regel als Ausnahme

Dieses Problem trat allerdings nur bei einem Erreger, dem Virus H3N2, auf. Gerade dieser ist aber besonders gefürchtet: Im Vergleich zu seinen auch diesjährigen Reisebegleitern H1N1 und den Influenza-B-Viren wird er älteren Menschen deutlich gefährlicher. Er wandelt zudem am schnellsten die Strukturen ab, auf welche die Mediziner mit den Impfstoffen zielen. Die Hersteller versuchen sich dem zwar jedes Jahr anzupassen, kommen aber nicht immer richtig hinterher. Das galt zum Beispiel auch im vergangenen Winter.

Früher, sagt Danuta Skowronski, habe man solche Phänomene gerne ignoriert, um Diskussionen über die Wirksamkeit der Impfung zu vermeiden. Inzwischen gucken die Influenzaforscherin von der kanadischen Gesundheitsbehörde im Bundesstaat British Columbia und ihre Kollegen genauer hin. Auch dank neuer Technologien stellen sie nun fest, dass "Hoskins’ Paradoxon" eher die Regel als die Ausnahme ist. Auch 2014 waren Menschen, die ihre Impfung auffrischten, deutlich schlechter geschützt als solche, die gänzlich neu geimpft wurden. In der Saison vier Jahre davor schien die Spritze laut einer Studie bei bereits im Vorjahr Geimpften sogar rein gar nichts zu bewirken. In manchen Wintern wiederum ist der Effekt kaum zu erkennen. Warum, bleibt ein Rätsel. Offen ist auch noch die Frage, ob das Impfen über mehrere aufeinanderfolgende Jahre den Impfschutz weiter abschwächt.

65 Grippe-Impfungen im Leben

So häufig wie die Influenza-Vakzine wird keine andere Impfung gegeben. Gegen Masern, Mumps und Röteln kommen bis zum Rentenalter gerade mal zwei Spritzen zusammen, gegen die Grippe können es 65 sein. Für die Epidemiologin Danuta Skowronski steht fest: "Wir müssen unbedingt die Auswirkungen und Ursachen dieser Effekte aufklären." Immerhin wird jedem Deutschem über sechzig und anderen besonders Bedrohten die jährliche Grippeimpfung offiziell ans Herz gelegt, in den Vereinigten Staaten sogar allen Menschen.

Als wahrscheinlich gilt momentan folgende Erklärung: Wenn sich nach einer Impfung Antikörper bilden, können diese im darauffolgenden Jahr den neuen Impfstoff neutralisieren. Dies gilt vor allem, wenn die Vakzine unverändert bleibt. Damit entstünde auch keine frische Antikörpermunition, mit der die Abwehrzellen dann neue Virengenerationen attackieren. Andere Nebenwirkungen als diese sogenannte negative Interferenz waren bei der Impfung von mehreren hundert Millionen Menschen zum Glück nicht zu entdecken.

Experte: Löchriger Schutz ist besser als kein Schutz

Womöglich spielt sogar noch ein weiterer Faktor mit hinein, vermutet Ana Rita Gonçalves Cabecinhas vom Nationalen Influenza-Referenzzentrum der Schweiz an der Universität Genf. Ihrer Meinung nach sind für die Wirkung einer Impfung wohl auch unsere Kindheitserfahrungen mitentscheidend. Nach der Theorie vom sogenannten antigenetischen Imprinting, die viele in der Szene vertreten, drückt der erste Kontakt mit einem Grippevirus dem kindlichen Immunsystem seinen Stempel auf. Es richtet sich darauf ein, im Leben vor allem diesen Influenzaerreger zu bekämpfen.

"Das würde zum Beispiel erklären helfen, warum H3N2 vor allem älteren Menschen gefährlich wird", sagt die Virologin. Der begann nämlich erst 1968, Menschen zu infizieren. Das heißt, in ihrer Jugend sind die Senioren ihm nie begegnet. Als 2009 dagegen der Erreger ihrer Kindheit, H1N1, als Schweinegrippe zu einer Pandemie ansetzte, erwiesen sie sich als überraschend immun – zumindest im Vergleich zu jüngeren Menschen. Die hatten als Kind zwischen 1957 und 1977 keine Chance, das Virus kennenzulernen, denn damals war es untergetaucht. Bei Personen, die regelmäßig zur Grippeimpfung gehen, könnte sich der Stempel-Effekt sogar noch verstärken, vermuten manche Experten. Weil bei diesen Patienten diese Erinnerung jedes Jahr aufs Neue aufgefrischt wird.

Einige Wissenschaftler raten deshalb inzwischen sogar dazu, sich nur noch jedes zweite Jahr impfen zu lassen. Und lehnen sich damit weit aus dem Fenster, meint Ole Wichmann, Leiter des Fachgebiets Impfprävention beim Robert-Koch-Institut. "Mit Impfung lebt es sich immer gesünder", sagt der Infektionsepidemiologe, das gelte auch für Gewohnheitsimpfer. Selbst wenn die Impfung aus dem Vorjahr mit der neuen eine Wechselwirkung eingehe, seien die Betreffenden immer noch besser dran als ohne Spritze, erklärt der Experte.

Denn auch für einen löchrigen Impfschutz, der nicht jeder Virenattacke standhält, gilt: Das Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf, also dass ein Infizierter auf einer Intensivstation behandelt wird oder stirbt, sinkt um mehr als 50 Prozent.